40 Jahre Deutschland und Israel Eine schrecklich normale Beziehung

Dafür, dass es keine Liebesheirat war, steht es um die Zweckehe zwischen Deutschen und Israelis nicht schlecht: Man hat sich eben aneinander gewöhnt. Auf der Leipziger Buchmesse wird das 40-jährige Bestehen der Beziehungen jetzt festlich begangen.

Von Henryk M. Broder


Neues Holocaust-Museum in Jerusalem: "So etwas darf nie wieder passieren"
AP

Neues Holocaust-Museum in Jerusalem: "So etwas darf nie wieder passieren"

Eine Ehe ist eine Verbindung, die geschlossen wurde, um die Probleme gemeinsam zu bewältigen, die Frau und Mann nicht lösen müssten, wenn sie nicht geheiratet hätten. Gleiches gilt auch für deutsch-israelischen Beziehungen. Weil sie vor 40 Jahren aufgenommen wurden, müssen nun immerzu die Probleme diskutiert und bewältigt werden, die es nicht geben würde, wenn das Verhältnis nicht auf eine formale Basis gestellt worden wäre.

Keine Liebesheirat

Denn es war keine Liebesheirat, nicht einmal eine "Ehe light", sondern ein Geschäft zum gegenseitig Nutzen: Deutschland wollte sich von seiner Vergangenheit rehabilitieren und der Welt beweisen, dass es wieder mit Juden anständig umgehen kann, Israel brauchte einen starken Verbündeten in Europa, den es unter Hinweis auf seine Geschichte bei Bedarf unter Druck setzen konnte.

Seitdem ist von den "besonderen Beziehungen" die Rede und es haben sich die immer gleichen Rituale eingespielt. Jeder deutsche Politiker, der nach Israel kommt, besucht erst einmal die Gedenkstätte Jad Vaschem, zeigt sich angemessen erschüttert, als hätte er bis dahin nichts vom Holocaust gehört, und schreibt ins Gästebuch: "So etwas darf nie wieder passieren!"

Jeder israelische Politiker, der nach Deutschland kommt, fährt als erstes nach Dachau oder Buchenwald, zeigt sich angemessen erschüttert, als hätte er bis dahin nichts von den Nazis gehört, legt einen Kranz nieder und schreibt ins Gästebuch: "So etwas darf nie wieder passieren!" Egal ob Jerusalem oder Berlin, hinterher geht man miteinander essen und schließt Verträge über wissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenarbeit ab. Business as usual.

Beinahe anormal normal

Besuch in der Gedenkstätte Jad Vaschem (2001, v.l.: Botschafter Shimon Stein, Mahnmal-Direktor Avner Shalev, Bundesaußenminister Joschka Fischer): Hinterher geht man miteinander essen und schließt Verträge
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Besuch in der Gedenkstätte Jad Vaschem (2001, v.l.: Botschafter Shimon Stein, Mahnmal-Direktor Avner Shalev, Bundesaußenminister Joschka Fischer): Hinterher geht man miteinander essen und schließt Verträge

Und wenn nicht gebetsmühlenartig ständig die Rede von den "besonderen Beziehungen" wäre, würde vielleicht zwischendurch auffallen, wie normal die Beziehungen inzwischen geworden sind, beinah anormal normal. Man kann im Sommer keinen Supermarkt in Berlin betreten, ohne Menschen zu treffen, die miteinander hebräisch reden. An der Strandpromenade in Tel Aviv stößt man auf Touristen, die keine Hemmungen haben, ihr Bier auf Deutsch zu bestellen, wie sie es auch in Mallorca und Alicante tun. Der Tourismus, der Handel, der wissenschaftliche Austausch - alles klappt.

Deutsche kommen nach Israel, um zum Judentum zu konvertieren, Israelis kommen nach Deutschland, um hier in deutscher Geschichte zu promovieren. "Kritische Israelis" wie Uri Avneri, Moshe Zimmermann, Moshe Zuckermann und Felicja Langer haben in der Bundesrepublik eine zweite Heimat gefunden und werden mit Ehren überhäuft. Umgekehrt können die Israelis nicht genug bekommen von den Sex-Filmen auf Sat.1 und den Dokumentationen auf 3sat, die im israelischen Kabel angeboten werden.

Man hat sich eben aneinander gewöhnt

Schutzwall in der West-Bank: Aufschrei in Deutschland
REUTERS

Schutzwall in der West-Bank: Aufschrei in Deutschland

Was also ist das Besondere an den ganz normalen Beziehungen, von den Beschwörungen des Besonderen einmal abgesehen? Es ist in der Tat ein wenig so wie zwischen Eheleuten, die immer wieder Darling oder Liebes zueinander sagen, um sich auch nach 40 Jahren Ehe ihre tiefe Liebe zu versichern, die voneinander nicht loskommen, obwohl sie längst in getrennten Betten schlafen. Man hat sich eben aneinander gewöhnt. Etwas Leben kommt erst dann in die tägliche Sülze, wenn man sich gemeinsam über irgendetwas aufregen kann.

So ist es auch mit den Deutschen und den Israelis. Als ein leicht angetrunkener deutscher Musiker vor Jahren eine Rechnung in einer Tel Aviver Hotelbar mit "Heil Hitler!" unterschrieb, rastete halb Deutschland vor Entsetzen aus. Hätte der Mann eine Handvoll Afrikaner in Cottbus durch die Stadt gejagt, wäre er mit einem Verweis davon gekommen, so aber wurde er regelrecht geschlachtet. Denn es geschah in Tel Aviv und der Boden der deutschen Geschichte reicht bis in den Nahen Osten. Die "Bild"-Zeitung entschuldigte sich im Namen aller Deutschen: Nie wieder sollte vom deutschen Boden ein blöder Witz ausgehen.

Umgekehrt geht in Israel jedes Mal die wilde Wutz ab, wenn Daniel Barenboim versucht, dort Musik von Wagner zu spielen. Die Israelis fahren VW und Mercedes, benutzen Siemens und AEG-Geräte, viele würden gerne einen deutschen Zweitpass haben, aber Wagner - das geht zu weit! Das symbolische Ressentiment konzentriert sich auf einen irrelevanten Punkt: so lange Wagner in Israel nicht gespielt wird (nicht im Konzert, im Radio schon lange), hat man sich mit Deutschland nicht arrangiert. So ticken auch deutsche Friedensfreunde, die aus Solidarität mit den Palästinensern keine Jaffa-Orangen kaufen. Nur dass auf ihren PCs, über die sie ihre Boykottaufrufe verschicken, Software läuft, die in Israel entwickelt wurde, das haben sie noch nicht mitbekommen.

"Wir haben aus der Geschichte gelernt. Ihr nicht!"

Mauerbau in Berlin (1961): Von der Geschichte kalt erwischt
DPA

Mauerbau in Berlin (1961): Von der Geschichte kalt erwischt

Ein wenig anormal ist die Normalität schon. Beide Seiten lieben es, der anderen die gelbe Karte zu zeigen. Als ob es keine Probleme mehr daheim gäbe, fordert das israelische Parlament die Regierung der Bundesrepublik auf, die NPD zu verbieten. Eine Super-Idee, über die am besten gleich ein israelischer Amtsrichter entscheiden sollte.

Nicht minder komisch und kindisch war auch die Art, wie Jürgen W. Möllemann seinen letzten Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen führte: als würde er für das Parlament in Jerusalem und nicht in Berlin kandidieren und als wäre Ariel Scharon sein wichtigster Konkurrent.

Wie sehr es unter der Oberfläche brodelt, merkt man immer dann, wenn die Deutschen gegenüber Israel ihren letzten Triumph ausspielen: "Wir haben aus der Geschichte gelernt! Ihr nicht! Deswegen sagen wir jetzt euch, wo's lang geht!"

So war es, als deutsche Friedensfreunde den Israelis, die mit Gasmasken in Kellern hockten, den dringenden Rat gaben, "die Situation nicht eskalieren zu lassen" und auf die aus dem Irak anfliegenden Scud-Raketen nicht zu reagieren. Und so war es auch, als Israel beschloss, die Bewegungsfreiheit palästinensischer Terroristen einzuschränken und eine Mauer zu bauen. Da schrieen alle in Deutschland auf, die sich mit der deutschen Mauer zurzeit ihres Bestehens abgefunden hatten und am 9. November 1989 von der Geschichte kalt erwischt wurden. Israel, so konnte man es überall hören und lesen, sollte doch "gelassener" mit dem Terrorismus umgehen und die Fehler vermeiden, die man in Deutschland hinter sich hatte.

Doch abseits solcher Ausbrüche ist das deutsch-israelische Verhältnis ungetrübt - vor allem, wenn man bedenkt, dass nach der letzten Allensbach-Umfrage nur noch 25 Prozent aller Deutschen Israel "für die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt" halten. Es waren schon mal über 50 Prozent.



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