50 Jahre Brasília: Vom Betonmonster zur Boomtown

Von Jens Glüsing, Brasília

Brasília? Eine Strafkolonie im Niemandsland. Die am Reißbrett entworfene Hauptstadt Brasiliens gilt bis heute als menschenfeindliches Architektur-Experiment, als Hort der Korruption und als provinziell. Doch das vermeintlich missratene Retorten-Baby schüttelt langsam sein mieses Image ab.

AFP

Meine erste Begegnung mit Brasília war kurz, trocken und deprimierend. Es war Anfang der neunziger Jahre; die Trockenzeit im Cerrado, dem savannenähnlichen Buschwald im Landesinneren, hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Erde war rot, hart und rissig; über der Esplanada dos Ministerios, wo sich die Plattenbauten der Ministerien aneinanderreihen, lag ein gelbroter Flimmer aus Staub und Sonnenlicht. Im Hotel reichte der Portier zur Begrüßung ein Glas Wasser.

Ich war gerade als Korrespondent nach Brasilien entsandt worden. Nach Rio de Janeiro, versteht sich, kein Auslandskorrespondent kam auf die Idee, sich in der Hauptstadt niederzulassen. Brasília galt auch bei Einheimischen als eine Art Strafkolonie, den Politikern wurde der Aufenthalt durch üppige Aufwandsentschädigungen und Gratistickets versüßt. Die Stadt funktionierte von Dienstag bis Donnerstag; Freitags flüchteten die Politiker per Flugzeug in ihre heimischen Wahlkreise, Montags kehrten sie zurück. Am Wochenende herrschte in Brasília gähnende Leere.

Drei Tage hatte ich mir als Brasília-Frischling Zeit genommen, um den Sitz der brasilianischen Zentralmacht zu erkunden. Ich war gewappnet mit Büchern über Stararchitekt Oscar Niemeyer und die brasilianische Moderne, ich hatte ein paar Termine bei Regierungsstellen, ich freute mich auf einen ausgiebigen Stadtbummel.

Am Abend des ersten Tages überwältigte mich der Brasília-Blues. Im Palacio do Planalto, dem Präsidentenpalast, war ich nicht über den Pförtner hinausgekommen, weil ich keinen Schlips trug. In den Ministerien waren die Gesprächspartner bereits ins Wochenende entflohen. Stadtbummel konnte man ganz vergessen, in Brasília ist man im Auto unterwegs oder gar nicht, Fußgänger hatten die Stadtplaner nicht vorgesehen. Touristenbusse gab es auch nicht, mangels Touristen. Eine Stadtrundfahrt per Taxi dauerte zwei Stunden, dann hatte der Besucher alle Sehenswürdigkeiten gesehen. Am nächsten Morgen nahm ich den ersten Flieger nach Rio. Brasília in Zukunft nur noch, wenn es nicht zu vermeiden ist, schwor ich mir.

An diesem Mittwoch wird die Hauptstadt fünfzig Jahre alt, als Korrespondent habe ich sie seit jenem unglücklichen Trip unzählige Male besucht, und ich muss bekennen: Brasília hat sich gemausert.

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50 Jahre Brasilia: Boom in der "Splendid Isolation"
Die ungeliebte Hauptstadt, die auf Anordnung von Präsident Juscelino Kubitschek, genannt JK, in der Rekordzeit von vier Jahren aus der roten Erde gestampft worden war, hat ihre Bestimmung erfüllt: Sie hat geholfen, das vernachlässigte Innere des Riesenlandes zu erschließen. Rio, die frühere Hauptstadt, blickte aufs Meer, dem Landesinneren kehre sie den Rücken zu, klagten die Leute in der Provinz. Tatsächlich fühlte sich die in Rio verwurzelte alte Elite des Landes kulturell und politisch Paris näher als dem eigenen Landesinneren. Brasilien wurde von der Küste her erschlossen, alle wichtigen Städte lagen am Meer oder nicht weit entfernt.

Heute ist Brasília das Tor zum Mittleren Westen, dem boomenden Bauch Brasiliens. Die riesigen Bundesstaaten Mato Grosso, Goias und Tocantins wären ohne die Verlegung der Hauptstadt ins Landesinnere vermutlich immer noch weitgehend vergessen und isoliert.

"Das sieht hier ja aus wie in Warschau"

Der Bau einer neuen Hauptstadt war bereits in der Verfassung von 1891 vorgesehen, zwei Jahre später wurde das Gelände auf dem zentralen Hochplateau des Landes festgelegt, weitab von jeder Großstadt. Aber erst Kubitschek, der Modernisierer Brasiliens, setzte das Vorhaben in die Wirklichkeit um. Der optimistische JK, ein Nachfahre tschechischer Auswanderer, verkörperte die Aufbruchstimmung Ende der fünfziger Jahre. Es war das Zeitalter des Bossa-Nova, in São Paulo liefen die ersten VW Käfer vom Band, Millionen Landarbeiter strömten in die Städte, das rückständige Agrarland rüstete sich zum großen Wandel in eine moderne, urbane Gesellschaft. Die neue Hauptstadt verkörperte die Euphorie und den Modernisierungswahn jener Jahre.

Stadtplaner und Architekt Lúcio Costa zeichnete ein Kreuz auf die Landkarte, das die Form eines Flugzeugs annahm. Um den "Platz der Drei Gewalten" in der "Kanzel" des Flugzeugs gruppieren sich Präsidentenpalast, Oberstes Bundesgericht und Kongress. Im "Plano Piloto" aus Rumpf und Flügeln sind alle wichtigen Regierungsgebäude und Wohnviertel konzentriert. Architekt Oscar Niemeyer, damals Chef der staatlichen Baubehörde und bekennender Kommunist, war für die Ausführung verantwortlich. Er schuf Gebäude von bewundernswerter Leichtigkeit, wie die Schüsseln des Kongresses und die berühmte Kathedrale. Der Architekt ergötzte sich am Stahlbeton, er testete die kreativen Möglichkeiten des Baumaterials bis an die Grenzen aus. Weibliche Linien und Formen, die sanft geschwungene feminine Hügellandschaft seiner Heimatstadt Rio, schlagen sich in seinen schönsten Werken nieder.

Aber im Gesamtkonzept der Hauptstadt ist auch der Einfluss sowjetisch-stalinistischer Architektur nicht zu übersehen. "Das sieht hier ja aus wie in Warschau", soll Polens damaliger Präsident Lech Walesa bei seinem ersten Brasília-Besuch ausgerufen haben.

Die "Asas", die "Flugzeugflügel" der Stadtanlage, wurden nach Sektoren unterteilt, die wiederum in "Superquadras" eingeteilt sind. Adressen in Brasília gleichen chemischen Formeln: SQN 202 Bloco A apto. 208 steht für "Nördliche Super-Quadra 202, Block A, Wohnung 208".

Costa und Niemeyer hatten in der neuen Hauptstadt Wohn- und Arbeitsbereiche für Staatsangestellte vorgesehen, sie schufen Bezirke für Hotels und Banken, selbst die Staatsdruckerei erhielt einen eigenen Sektor. Nur Unterkünfte für die Arbeiter, die Brasília erbaut hatten, waren nicht geplant: Nach vollendetem Werk sollten sie gefälligst in ihre Heimatorte zurückkehren. Doch sie dachten nicht daran.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Ilha da Fantasia
fofinha 21.04.2010
Fuer mich ist Brasilia die schönste Stadt der Welt. Der Himmel ist immer ein Spektakel, die Luft ist rein und die Menschen sind einmalig. Man spürt noch täglich den Pioniergeist und Fremde werden so wie nirgends auf der Welt sofort in das soziale Leben einbezogen. Wenn man die sogenannten Satellitenstädte als Favelas bezeichnet, dann stimmt es, dass diese wachsen. Tatsache ist, dass diese Satellitenstädte keinesfalls Favelas sind (Favelas sind ungeplant), sondern geplante Urbanisationen mit bescheidenen Häusern, aber richtigen Strassen, Kanalisation, Infrastruktur. DAs Armutsbekämpfungsprogramm der Regierung verteilt an Bedürftige nach einem bestimmten Plan Grundstücke, die dann dort ihre Häuschen bauen. Mit Favela hat das wenig zu tun. Die MIttelklasse (ungefähr Klasse "C" nach brasilianischer Einstufung) wächst und wächst, auch in Brasilia. Natürlich gibt es Probleme, wie in jeder Großstadt dieser Welt, aber die Pioniere der Stadt und auchviele Zugereiste lieben diese Stadt, die sicher ihre Planungsschwächen hat, aber auch ihre soo schönen Seiten. Der Cerrado ist eine schöne Landschaft mit einem fafntastischen Klima, man kommt ohne Heizung udn ohne Klimaanlage ueber die Runden, was will man mehr. Brasilia ist schön! Aber man muss es nicht unbedingt jedem weiter sagen, es ist ganz nett, dass sich nicht so viele Touristen dorhin verirren (von touristischer Seite ist es evtl. nicht so interessant, aber um dort zu leben und zu arbeiten, einmalig!!).
2. Fremdsprachen Null
Wolfgang Jung 21.04.2010
...... Trotz der vielen Botschaften und internationalen Organisationen, die sich in Brasília angesiedelt haben, ist die Hauptstadt immer noch zutiefst provinziell. Taxifahrer und Kellner sprechen kaum Englisch, ........ Nicht nur Brasilia. Selbst im Vergleich zu Rio und Sao Paulo sind Städte wie Kansas City und St. Louis Zentren der Beherrschung von Fremdsprachen. Brasilien ist ein faszinierendes Land, aber Brasilianer aller Schichten, die eine Fremdsprache beherrschen, kann man mit der Lupe suchen.
3. Boom Brasilias?
hannah16 21.04.2010
Über den Boom Brasilias ist heute ja viel zu vernehmen, aber es ist fraglich, ob "die hässlichen Seiten der Stadt" einfach verschwinden werden. Auch empfehlenswert zu diesem Thema ist übrigends ein Artikel mit Interview über den selbstgefälligen Erschaffer dieser Stadt: http://www.viceland.com/germany/v5n5/htdocs/oscar-niemeyer-856.php und den Eindrücken des Interviewführers: http://www.viceland.com/germany/v5n5/htdocs/welcome-to-brazil-857.php
4. na und?
fofinha 21.04.2010
Zitat von Wolfgang Jung...... Trotz der vielen Botschaften und internationalen Organisationen, die sich in Brasília angesiedelt haben, ist die Hauptstadt immer noch zutiefst provinziell. Taxifahrer und Kellner sprechen kaum Englisch, ........ Nicht nur Brasilia. Selbst im Vergleich zu Rio und Sao Paulo sind Städte wie Kansas City und St. Louis Zentren der Beherrschung von Fremdsprachen. Brasilien ist ein faszinierendes Land, aber Brasilianer aller Schichten, die eine Fremdsprache beherrschen, kann man mit der Lupe suchen.
Na und? Portugiesisch, insbesondere in Brasilien gesprochen, ist doch eine wunderbare Sprache und nicht wirklich schwer.
5. aegerlich
fofinha 21.04.2010
Zitat von hannah16Über den Boom Brasilias ist heute ja viel zu vernehmen, aber es ist fraglich, ob "die hässlichen Seiten der Stadt" einfach verschwinden werden. Auch empfehlenswert zu diesem Thema ist übrigends ein Artikel mit Interview über den selbstgefälligen Erschaffer dieser Stadt: http://www.viceland.com/germany/v5n5/htdocs/oscar-niemeyer-856.php und den Eindrücken des Interviewführers: http://www.viceland.com/germany/v5n5/htdocs/welcome-to-brazil-857.php
Mich aergert in Brasilia auch manches, am meisten, dass es so fussgaengerfeindlich ist. Aber so ist es eben und es gibt nun ja sogar die Metro nach Taguatinga usw., die ich allerdings nicht benutzt habe. Auf den monumentalen Plaetzen fuehlt man sich richtig klein mit Hut, wenn die Sonne dann auch noch erbarmungslos brennt!! Sicher, planungsmässig ist die Stadt völlig daneben. Aber Planung macht keine Stadt, die Bewohner machen eine Stadt und Brasilia ist ein lebendes Beispiel von Pioniergeist, wie man es so selten noch findet auf der Welt, die Stimmung ist unbeschreiblich!! Und die Schönheit durch die Lage an sich, das Gefühl von Weite und Raum, der Himmel, das Klima!
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