50 Jahre Emanzipation "Die Zivilisierung des männlichen Affen"

Verständnisvoll und selbstkritisch soll der neue Mann sein, aber kein Weichei; weder Schluffi noch unsensibles Schwein. Ständig muss er sich zwischen diesen beiden Polen neu justieren. Was hat die Emanzipation aus dem vermeintlich starken Geschlecht gemacht? Vier Männer geben Auskunft.

Von Reinhard Mohr


Dass die jahrhundertealten Reflexe zwischen Mann und Frau noch funktionieren, merkt Dietmar Wunder, 42, meist spätabends irgendwo an der Bar. Mag das Gespräch mit einer sympathischen Unbekannten zunächst gendermäßig locker dahinplätschern - wenn er seinen Beruf erwähnt, ist es vorbei mit der Unbefangenheit. "Bond, James Bond?!!" heißt es dann, "die deutsche Synchronstimme von Daniel Craig?!!"

Ja, das ist er, und auch im neuen Bond "Quantum of Solace", zu Deutsch etwa "Ein Quantum Trost" (Kinostart am 6. November), der gerade gedreht wird, werden Millionen Kinozuschauer den smarten Draufgänger mit seiner Stimme verbinden. Hat sich also nichts verändert in der Rollenverteilung der Geschlechter fünfzig Jahre nach Inkrafttreten des ersten Gleichberechtigungsgesetzes im "Bürgerlichen Gesetzbuch" (BGB) am 1. Juli 1958? Zieht die klassische Machonummer immer noch wie eh und je?

"Für mich sind Frauen absolut gleichberechtigt", sagt Wunder, der mit einer gebürtigen Jamaikanerin verheiratet ist und zwei Kinder hat. "Das ist überhaupt keine Frage." Dennoch will er ihnen weiterhin die Türe aufhalten, in den Mantel helfen und sie zum Essen einladen. Im Notfall ist auch noch ein Radwechsel an der Autobahn drin. "Knigge reloaded" könnte man sagen, die Rückkehr der - durchaus geschlechtsspezifischen - Formen und Konventionen auf neuer Grundlage.

50 Jahre Emanzipation - das sagen vier prominente Männer:

An die Erschütterung Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre kann Wunder, der auch im Spielfilm "Der Baader-Meinhof-Komplex" (Kinostart im September) mitspielt, sich gerade noch erinnern. Plötzlich seien die Frauen viel stärker und selbstbewusster aufgetreten. Manchmal auch aggressiver. Er reagierte darauf in der "Softie"-Variante und nahm die Attacken auf die alte Männerherrlichkeit eher selbstkritisch an. So entstand eine Art "flexible response" auf Feminismus und Frauenbewegung: Wachstum im Widerstand, die Herausbildung einer offeneren und vielseitigeren männlichen Identität durch ihre Infragestellung von außen.

Eine Art "Frauenversteher" sei er stets gewesen, sagt er nicht ohne Ironie. Offenbar ein ziemlich erfolgreiches Konzept, denn auch starke Frauen fühlten sich davon angezogen. Heute spürt er allerdings auch wieder den kleinen Macho in sich, freilich in aufgeklärter Form: "Ich will meinen Mann stehen", sagt er.

Ein kleiner Bond ist er eben auch im wirklichen Leben. Ein cooler Typ. In Zeiten multipler Herausforderungen ist das allerdings gar nicht so einfach. Verständnisvoll und mitfühlend soll der neue Mann sein, selbstkritisch und aufgeklärt; andererseits darf er kein Weichei sein, der immer nur "irgendwie" schlecht drauf ist, nicht genau weiß, was er will und seine Unentschlossenheit zur Kultur der neuen männlichen Sensibilität verklärt.

Er soll auch klare Kante zeigen können, und wenn er gut verdient, schadet das nicht wirklich. Kurz: "Alte Rollenbilder mischen sich mit neuen. Wie bei den Frauen."



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