60 Jahre BRD bei "Maischberger" Leiern statt feiern

60 Jahre Bundesrepublik - sind die besten Jahre vorbei? Fragte Sandra Maischberger und redete mit Kanzlerin, Journalisten und zwei Ostdeutschen vor allem über 20 Jahre Mauerfall. Das Ergebnis war verheerend: keine großen Linien, keine Aufarbeitung und schon gar keine Feierstimmung.

Von Reinhard Mohr


Eines steht fest: Das Jahr 2009 ist wahrlich kein Wunderjahr wie 1989 selig, als die Freiheit Osteuropa eroberte und die Menschen auf den Straßen tanzten. Stattdessen Wirtschaftskrise ohne Ende, Schweinegrippe und Heidi Klums Magermodel-Show.

Kanzlerin Merkel, Moderatorin Maischberger: Schwejksche Volte
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Kanzlerin Merkel, Moderatorin Maischberger: Schwejksche Volte

Andererseits ist 2009 ein annus memorabilis, ein gigantisches Freilichtmuseum der jüngeren Geschichte. Also irgendwie doch ein Grund zu feiern. 20 Jahre Mauerfall wollen ebenso begangen werden wie 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland.

Am Samstag um 00.00 Uhr MEZ rundet sich das Jubiläum des Grundgesetzes, das vom 23. auf den 24. Mai 1949 in Kraft trat. In diesem Kontext haben selbst Schweinegrippe und Finanz-GAU ihr Gutes. Sie wirken wie Katalysatoren der neuesten deutschen Befindlichkeit. Und die ist erstaunlich gelassen. Fast schon "cool" ist die Reaktion der Deutschen auf die historische Finanzkrise zu nennen, die seit einem Dreivierteljahr in den Massenmedien zum alles beherrschenden Thema gemacht wird.

Keine apokalyptischen Wallungen, keine Sehnsucht nach wagnerianischer Endzeitrhetorik samt Erlösungs-, gar Führerwunsch. Nicht mal Revolution wollen sie machen. Stattdessen herrscht ein nüchterner Realismus, der versucht, sich flexibel auf die Fährnisse des Lebens einzustellen.

Coolness statt Katastrophismus

So haben es die wöchentlichen Talkshows schwer, im altdeutschen Katastrophenrhythmus weiter zu grooven bis ans Ende der Tage. Sandra Maischberger verknüpfte an diesem Dienstagabend hilfsweise Jubiläum und Krise in der Themenzeile: "60 Jahre Deutschland - sind die besten Jahre vorbei?"

(Gemeint war höchstwahrscheinlich 60 Jahre Bundesrepublik, denn natürlich gibt es Deutschland schon länger als 60 Jahre, aber das ist ein anderes Thema.)

Oje, oje, mag da manch ein Zuschauer gedacht haben: Ist das Schönste wirklich schon passé? Wird jetzt alles noch schlimmer? Nein, sagen wir mit Udo Jürgens: Mit 60 Jahren fängt das Leben an!

Man darf nur nicht auf Gregor Gysi hören, den Großmeister des rhetorischen Tricks auf dem Weg zum Sozialismus. Und auch nicht auf wirr daherredende ostdeutsche Kabarettistendarsteller wie Uwe Steimle.

Doch zuerst saß Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz allein im Studio und berichtete aus ihrem Leben in der DDR, jener "Diktatur des Proletariats", die "auf Unrecht gebaut" war.

Den Mauerbau 1961 erlebte sie mit sieben ("furchtbar") und den Versuch der Stasi, sie als Spitzel anzuwerben, mit 22. "Ich habe denen erzählt, dass ich den Mund nicht halten kann und alles immer meinen Freunden erzähle" - schon ließen sie ab von ihr. Eine geradezu schwejksche Volte: Politischer Widerstand als Plaudertasche.

Bei ersten Westbesuchen hatte sie noch Angst, als Frau alleine im Hotel zu übernachten - auch Angela Merkel, jahrelang brave Aktivistin der sozialistischen Nachwuchsorganisation "FDJ", fühlte sich im "imperialistischen Ausland" anfangs unsicher. "Ich hatte wahrscheinlich zu viel Tatort geschaut."

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, ging sie erstmal in die Sauna. Es war schließlich Donnerstag. Erst dann machte sie sich mit ihrer Mutter Richtung West-Berlin auf, dort, wo die frischen Austern im Kempinski auf ihre Befreiung warteten.

Witzfigur mit Agenda

Wäre Angela Merkel im Studio geblieben, wäre ihr die West-Auster, metaphysisch gesprochen, noch nachträglich im Halse steckengeblieben. Nicht "Bürger zweiter Klasse", sondern "dritter Klasse" - das seien die ehemaligen DDR-Bewohner auch noch 20 Jahre später, behauptete Uwe Steimle, dessen beide Eltern inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen waren. "Die Sieger im Westen bestimmen alles."

Dass er dabei der früheren DDR ein ganzes Drittel des wiedervereinigten Deutschland und dem siegreichen "Westen" nur "zwei Drittel" zuordnete, sprach allerdings nicht für den hohen Bildungsstandard, den der redselige Berufssachse Steimle für seine gute alte DDR reklamierte.

Tatsächlich fiel er in der Viererrunde - zwei aus dem Osten, zwei aus dem Westen - eher durch geistige Tiefflugübungen auf, die an Peter "Dada" Sodann, den Kandidaten der Linken für die Wahl des Bundespräsidenten am kommenden Samstag erinnerten. Vielleicht kein Zufall, dass beide über viele Jahre ARD-Fernsehkommissare aus Sachsen verkörperten.

Munter durcheinander und bunt gemixt ließ Steimle, der für sein Leben gern Erich Honecker imitiert, eine Handvoll Weisheiten wie diese vom Stapel: "Die Bundesrepublik war 1989 genauso pleite wie die DDR - nur auf höherem Niveau.- Jeder DDR-Bürger steht am Pranger. - Uns fehlt das Spirituelle."

Agitator - mit Sicherheit

Selbst Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, schaute da gequält. Aber noch während er begann, das Gespräch über 60 Jahre Deutschland auf gewohnt sophistische Weise an sich zu ziehen, fragte man sich, warum immer und immer wieder der treue Nachlassverwalter der SED eingeladen wird und nicht etwa einer jener DDR-Bürgerrechtler, die aus ganz persönlicher Erfahrung erzählen könnten, warum die DDR ein Unrechtsstaat war.

Schon zweimal haben Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages offiziell festgestellt, dass sich Gysi von 1975 bis 1989 erwiesenermaßen "wie ein inoffizieller Mitarbeiter (IM)" des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit" verhalten habe - auch wenn Gysi dies gerichtsnotorisch bestreitet und jeden verklagt, der dies behauptet oder auch nur andeutet.

Auch an diesem Dienstag traute sich Sandra Maischberger nicht einmal in dem Augenblick, als Gysi gezwungen war, über die einstige Stasi-Tätigkeit der brandenburgischen Spitzenkandidatin der Linken zu reden, eine Frage nach seiner eigenen Stasi-Geschichte zu stellen. So konnte Gysi ganz unbedrängt behaupten, dass die "Entlarvung der Denunziation" in der DDR "zum Teil denunziatorisch erfolgte". Beispiele? Fehlanzeige. Nachfrage? Keine.

Routiniert gab er den Retter der ostdeutschen Seele und den unerschrockenen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, der die positiven Seiten der DDR hervorhebt (Polikliniken, Kinderbetreuung!) und sich auch ganz persönlich dem West-Unrecht entgegenstemmt: Vor zwei Jahren habe er einem Mann, der mit Fieber in seine Bürgersprechstunde gekommen war, in der Not zehn Euro für die Praxisgebühr in die Hand gedrückt. Der kranke Besucher hätte sonst den Arztbesuch bis zum Quartalswechsel aufgeschoben.

Wegen 3,33 Euro pro Monat leiden, so lautet die Botschaft, das ist raubtierkapitalistisches Elend, 60 Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes!

Gysis rhetorischer Trickkiste hatten die beiden freundlichen Gäste aus dem Westen nicht viel entgegenzusetzen. Mochte Wolfram Weimer, Chefredakteur der Monatszeitschrift "Cicero", von einer "sophistischen Relativierung" des DDR-Unrechts sprechen, die die Opfer nicht erwähne, oder Guido Knopp, History Man des ZDF, mehrfach an die geschichtlich so glücklich vollzogene deutsche Wiedervereinigung in einem freien Europa erinnern - der Gesamteindruck der Sendung war verheerend: keine großen Linien, keine wirkliche Geschichtsbetrachtung.

Und schon gar keine Feierstimmung.

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Seite 1
aubrac 20.05.2009
1. Beannte Gesichter, altbekannte Plattitüden
Sie haben vollkommen recht: Warum sitzt eigentlich zum Thema Aufarbeitung der deutschen sozialistischen Diktatur eigentlich immer und ausschließlich der Gysi in den Talkshows. Das ist eine Zumutung. Man kann daraus schließen, dass nicht Inhalte wichtig sind, sondern das öffentlich rechtliche Fernsehen wohl Wert darauf legt, ein bekanntes Gesicht die altbekannten Plattitüden verbreiten zu lassen. Wenn es in den 50er Jahren Talkshows gegeben hätte, wäre zum Thema Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur wohl immer nur der Speer eingeladen worden.
TommIT, 20.05.2009
2. Die Kolumne des Spiegel gegen Links
wird schon intelligenter. Ich lass mir aber auch vom Spiegel oder seinen Autoren nicht vorsagen, wer dumm ist und wer nicht und wenn ich folglich auch dafür halten soll. Ich wähle keinen mehr und warte bis zewi Sachen kommen: 1. Wahlen unter einer bestimmtem Wahlbeteiligung müssen wiederholt werden. 2. Es gibt ein zweites Wahlkreuz für die Gewährung der stimmanteiligen Wahlkostenerstattung für jeden 'WÄHLER'.
Beckenhorst, 20.05.2009
3. Oh man
"Schon zweimal haben Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages offiziell festgestellt, dass sich Gysi von 1975 bis 1989 erwiesenermaßen "wie ein inoffizieller Mitarbeiter (IM)" des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit" verhalten habe" Kein Mann wird mehr versucht zu stigmatisieren. Keine Beweise trotz 2 Jahrzehnten intensivster Suche. "Verhalten wie ein" - also wie hat sich denn Bitte Frau Bundeskanzlerin verhalten? FdJ - Studium - Reisen in den Westen - aber das ist alles ok, sie war nicht bei der Stasi, weil sie behauptet hat, eine Plaudertasche zu sein. Wie einfältig seit ihr Journalisten eigentlich? Nehmt ihr das einfach so hin, sie wird ja schon recht haben? Sorry Spiegel, aber das riecht alles nach Kampagne, seit Rot-Grün habt ihr erfolgreich umgeschwenkt auf den Neoliberalen Mainstream (sind jetzt alle in der Redaktion "aus versehen" Konservativ geworden?).
R Panning, 20.05.2009
4. x
Zitat von sysop60 Jahre Bundesrepublik - sind die besten Jahre vorbei? Fragte Sandra Maischberger und redete mit Kanzlerin, Journalisten und zwei Ostdeutschen vor allem über 20 Jahre Mauerfall. Das Ergebnis war verheerend: keine großen Linien, keine Aufarbeitung und schon gar keine Feierstimmung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,625884,00.html
Lustig der Herr Mohr. "Agitator - Mit Sicherheit" schreibt er und merkt nicht mal, wie sehr seine Texte selbst immer mehr zur Agitation werden. Einseitig und immer auf die Linken eindreschend. Macht der bei BDI & CDU eigentlich auch die Wandzeitungen?
britta 20.05.2009
5. Leiern
Im Westen nichts Neuees. Im Osten nichts Neues. Bin rechtzeitig zum "Nachtmagazin" wieder aufgewacht.
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