68er-Schau in Berlin Wasserwerfer Marsch!

In der Hauptstadt geschehen seltsame Dinge: Mit einer Ausstellung über die Revolte von 1968 huldigt der Staat seinen einstigen Feinden. Der Ort ist jedoch optimal gewählt: Das alte Amerikahaus in der Hardenbergstraße diente einst als Kulisse für viele Demonstrationen.

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Mehr als drei Jahrzehnte lang war das 1957 eröffnete zweigeschossige Gebäude offiziell ein amerikanisches Kulturinstitut, inoffiziell das Ziel zahlloser Demonstrationen gegen die Außenpolitik der US-Regierung. Das Amerikahaus unweit des Bahnhofs Zoo im Zentrum der alten West-Berliner City.

Ganz egal ob es gegen Richard Nixon ging, gegen Ronald Reagan oder George Bush, an der Fassade barsten Farbeier, die Pflastersteine prallten von den Plexiglasscheiben ab, Tränengasschwaden waberten durch die Hardenbergstraße. Wenn es den Polizisten reichte, trieben sie die militanten Protestierer mit ihren Knüppeln auseinander. So war das in Berlin.

Seit September 2006 stand es leer, doch heute öffnet eine Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung im Amerikahaus: "68 - Brennpunkt Berlin". Kurios: Ausgerechnet der Staat erinnert an diejenigen, die ihn vor 40 Jahren mittels Revolution auf den Müllhaufen der Geschichte befördern wollten. So ist das in der Berliner Republik.

Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, findet das gar nicht seltsam und sagt fröhlich zum Konzept der Ausstellung: "Wir wollen niemandem Interpretationen aufdrängen, sondern allen ein eigenes Urteil ermöglichen." Das ist schön. Doch in der 68-Schau kommen naturgemäß die jungen Rebellen besser weg, schon weil sie besser aussehen und cooler sind als die Polizisten und verbitterten West-Berliner Spießer.

Kulturkampf in West-Berlin

Den Kulturkampf, der in den sechziger Jahren in der westdeutschen Republik und besonders in West-Berlin tobte, zeigen sehr eindringlich die Bilder des Fotografen Günter Zint. Außerdem sind Fotos zu sehen, die mittlerweile zu Ikonen geworden sind: Der Polizeichef von Saigon, wie er einen Vietcong auf der Straße exekutiert; der von einem Berliner Polizisten erschossene Student Benno Ohnesorg; die Panzer der sowjetischen Armee in Prag; die Ermordungen von Martin Luther King und Robert Kennedy. 1968 war ein ereignisreicheres Jahr als andere.

Rund 300 Exponate wurden zusammengetragen, vor allem Plakate, Flugblätter und Fotos. Dokumentarfilme geben einen Eindruck davon, wie weit die Revolte zurückliegt. Es hätten sich bereits Schulklassen aus Bielefeld und Kassel angekündigt, meint Thomas Krüger auf die Frage, ob auch junge Menschen sich für die Taten ihrer Väter und Großväter interessieren würden.

Man könnte also beruhigt sein, doch es existiert ein Problem mit 68. Bislang gibt es nicht einmal ansatzweise einen Konsens in der entscheidenden Frage, welche Auswirkungen die Revolte von 1968 hatte und wie diese zu bewerten sind.

Sind die 68er an allem Übel dieser Welt und insbesondere am Sittenverfall in diesem Land schuld, wie es der "Bild"-Chefredakteur und Buchautor Kai Diekmann ("Der große Selbstbetrug") oder FDP-Chef Guido Westerwelle glauben? Oder haben die 68er die Bundesrepublik erst zu einem toleranten, lebenswerten Land gemacht, in dem eine Frau Kanzlerin und ein Homosexueller Berliner Bürgermeister werden konnten?

Wir sind alle 68er

Die Ausstellungsmacher wollen darauf keine Antwort geben. Bei der Vorbesichtigung für die Presse zeigte sich auch, dass es nicht einfach ist, darüber zu streiten. Der Schriftsteller Peter Schneider, 67, und der CDU-Politiker Eberhard Diepgen, 66, waren dafür angeheuert. Beide haben in den sechziger Jahren an der Freien Universität in West-Berlin studiert. Schneider wollte Revolution machen, Diepgen Karriere in der CDU und Geld verdienen. "Es haben sich nicht diejenigen zu rechtfertigen, die damals rebellierten", eröffnete Schneider die Debatte, "sondern diejenigen, die damals in einer schlagenden Verbindung waren.

Das war Diepgen, aber auch er räumt sofort ein: "Es mussten in den sechziger Jahren Reformen kommen." Man dürfe allerdings 68 nicht nostalgisch überhöhen. Viele der damaligen Ideen seien gefährlich und antidemokratisch gewesen. Das sieht Schneider auch nicht viel anders, wenn er attestiert, "dass die Bewegung schließlich in einen revolutionären Wahn übergeschnappt ist". Je länger die beiden sich unterhielten, umso mehr machte sich das Gefühl breit: Wir sind alle 68er.

Dass vor vierzig Jahren in keiner Weise Friede, Freude, Eierkuchen herrschten, bringt das eindrucksvollste Exponat der Ausstellung in Erinnerung. Es passt wegen seiner Größe nicht ins Amerikahaus und steht deshalb vor der Türe: Ein Wasserwerfer 4, gebaut im Jahre 1974 von Daimler-Benz.

Es handelt sich um eines der noch drei existierenden Modelle dieses gerne eingesetzten Straßenkampfgefährts und ist vom Polizei-Motorsport-Club Marburg ausgeliehen. Draußen beim Wasserwerfer laufen Originalaufnahmen vergangener Konfrontationen: "Hier spricht die Polizei. Wenn Sie die Kreuzung nicht räumen, kommen Sie in den Bereich polizeilicher Maßnahmen. Dies ist die letzte Aufforderung ... Wasserwerfer Marsch!"


"68 - Brennpunkt Berlin": Amerikahaus, Hardenbergstr. 22-24, 10623 Berlin. Eintritt frei; täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet; bis 31. Mai 2008



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