S.P.O.N. - Der Kritiker: Zwei Birken für den Holocaust

Eine Kolumne von Georg Diez

Einmischen, aufmischen, aufzeigen - sofort! Alle wollen, dass die Kunst wieder politisch wird, dass sie etwas zu sagen hat zum miesen Zustand unserer Welt. Nun versucht Berlin gerade genau das mit der Biennale - und scheitert dabei auf himmelschreiend peinliche Weise.

Ein wenig tragisch ist die Sache mit der Kunst gerade schon. Da reden alle davon, wie wichtig es jetzt wieder ist, dass die Kunst politisch wird, was ja auch richtig ist, weil die Welt so offensichtlich aus den Fugen ist und es nicht einzusehen ist, dass gerade die Kunst sich da raushalten sollte. Aber wenn sich dann mal ein paar Kuratoren zusammentun und das präsentieren, was sie für politisch halten, wie gerade auf der 7. Berlin Biennale, dann wird einem ganz traurig und kalt ums Herz.

Das ist ja gerade nicht die Euphorie, die Schönheit, die Energie, der Mut, all das, was bei Occupy Wall Street oder bei den Helden von Kairo oder den Moskauer Mädchen von Pussy Riot so begeistert hat. Das ist dann eher ein heilloses Wirrwarr aus schlechter Laune, Selbstgerechtigkeit, Unschärfe, Naivität, altem Israel-Ressentiment bis an die Grenze des Antisemitismus, das geht immer, und ein wenig Auschwitz-Kitsch, der zunehmend reaktionär wird.

Was will denn etwa der Chef-Kurator Artur Zmijewski mit dem Satz sagen, der erklären sollte, warum er in einer seiner Videoarbeiten ein paar Leute lustig und nackt in der Gaskammer eines deutschen Vernichtungslagers herumtollen ließ: "Die Ermordeten sind Opfer - doch wir, die Lebenden, sind ebenfalls Opfer."

Ach ja? Kann man das so sagen? Opfer genau von was? Und worin besteht dieses Opfer? Dass wir jetzt mit einem Staat Israel leben müssen, der den Palästinensern seit Jahren ihr Recht auf Heimat verweigert? Kommt das dabei raus, wenn Künstler politisch werden? Wirkt man so in die Wirklichkeit hinein? Wem nützt das denn, wenn Israel mal wieder der Lieblingsfeind ist und die Shoa eine Sache für Gärtner?

Die Gedankenachse dieser auf so überflüssige Art gescheiterten Biennale zeigt jedenfalls genau das: Im Hof der Kunst-Werke liegt ein riesiger rostiger Schlüssel, ungefähr fünf Meter lang, der "angeblich größte Schlüssel der Welt", was auch immer das bedeuten soll, ein "key of return", den die Bewohner des Flüchtlingslagers Aida gemacht haben und der ihnen das Schloss zu ihrem Land aufschließen soll. Und daneben stehen zwei Birken aus Auschwitz, die Lukasz Surowiec mitgebracht hat, insgesamt 320, die in ganz Berlin gepflanzt werden, natürlich "als symbolische Geste", so beschreiben es die Kuratoren, "die etwas nach Deutschland zurückbringt, was zum nationalen Erbe des Landes gehört".

Genau, der Holocaust gehört uns. Gut also, dass die "Birkensetzlinge" endlich auch ein "persönliches, auf Eigeninitiative beruhendes Mahnmal" schaffen, "dessen Erhalt von seinem Besitzer abhängt". Früher also eher Basilikum auf dem Balkon, heute Bäumegießen für das gute Gewissen, für eine bessere Welt, für einen Holocaust, der nun wirklich keine politische, das ist die Konsequenz dieses Denkens, sondern nur noch eine symbolische Bedeutung hat. Und in der Ecke ein Schild mit dem Porträt des deutschen Trotzkopfes und Israel-Freundes Günter Grass. Wo ist hier bitte der Ausweg aus dem Metaphern-Sumpf?

Natürlich sind die Kuratoren dieser Biennale nicht allein, wenn sie gerade mit der Geste von Gerechtigkeit und Menschenliebe mal eben genau das Gegenteil erreichen - einen sich aufgeklärt gebenden Zynismus, wie er etwa auch einen Text durchzieht, von dem ich mich immer noch wundere, dass ihn die "Süddeutsche Zeitung" am Mittwoch wirklich auf dem Aufmacherplatz gedruckt hat und in dem es um die beiden Opfervölker Israel und Iran geht: "Auf der einen Seite" sieht die Autorin "die Erfahrung des mörderischen Antisemitismus innerhalb der westlichen Gesellschaften, insbesondere der deutschen, die letztlich zur Gründung Israels führte. Auf der anderen Seite die Erfahrungen mit dem westlichen Imperialismus, der die Ölvorkommen Irans zu einem so grotesk niedrigen Gegenwert abrechnete, dass von Enteignung gesprochen werden kann, und der die Iraner durch die Engländer, Russen und Amerikaner auf ihrem eigenen Grund und Boden zu Menschen zweiter Klasse degradierte."

Der Relativismus von Grass ist dagegen wirklich harmlos. Alles Denken in Parallelen und Vergleichen führt letztlich dazu, die Dinge zu banalisieren. Die sind Opfer, aber wir sind auch Opfer? Birken hier, Birken dort? Schuld, Banken, Occupy?

Im Grunde haben die Kuratoren der Berlin Biennale genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten: Sie haben den Begriff des Politischen verramscht, sie haben den Langweilern, die immer von der Autonomie der Kunst erzählen, bewiesen, wie schlecht Kunst wird, wenn sie sich einmischt, sie haben die Schönheit und die Größe der weltweiten Proteste klein und niedlich gemacht. Und sie haben, aber damit passen sie sehr gut in diese Zeit, Israel zum bequemen Problem der bequem Politischen gemacht.

Ihr Scheitern ist damit exemplarisch: Sie sind gegen etwas und nicht für etwas. Sie sind gefangen im Gestern, im Negativen, in der alten Politik. Sie verfehlen die Gegenwart, je mehr sie auf sie zielen.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
opacarl 27.04.2012
Kunst kann man nur zeit bedingt manipulieren. Politik Kunst und Institution endet in... Sozial zivil Courage und Kunst endet in... In Portugal knüppelt die Polizei von Porto auf Lehrern Künstlern und Bevölkerung, die eine verwahrloste schule der Nachbarschaft Fontinha die schon als Heroin Suchtraum diente, verdreckt und zerstört von der Bevölkerung und Aktivisten erneuert wurde, und mit ziviler Freitätigkeit die Nachbarschaft mit Musik Kunst Sport Theater etc.,Unterricht, die ärmere Bevölkerung die sich diese pädagogische Dienste nicht leisten kann umsonst unterstütze. Rätselhaft ob dies dazu dienen soll ausländische Investoren ins Land zu bringen. Der Bürgermeister gehört zur selben Partei der Regierung und des Präsidenten Portugals der gerade über diesem Thema Vortrag hielt. http://www.youtube.com/watch?v=5UYWFIcykGE&feature=relmfu
2.
gruenbonz 27.04.2012
dieser "Kurator" hat bereits im Vorfeld seine Unfähigkeit gezeigt, ein solches Ereignis zu gestalten. Erst der unverfrorene Aufruf zur Büchervernichtung, jetzt dieser unsägliche Vergleich. Es stellen sich Fragen: Steckt der Kurator noch in den diktatorischen Strukturen seiner Vorheimat fest? Wer hat einen solchen, offensichtlich überforderten Mann in dieses Amt gebracht? Warum wird diese ganze Veranstaltung von namhaften Firmen gesponsort?
3.
regentrude 27.04.2012
Zitat von sysopEinmischen, aufmischen, aufzeigen - sofort! Alle wollen, dass die Kunst wieder politisch wird, dass sie etwas zu sagen hat zum miesen Zustand unserer Welt. Nun versucht Berlin gerade genau das mit der Biennale - und scheitert dabei auf himmelschreiend peinliche Weise. S.P.O.N. - Der Kritiker: Zwei Birken für den Holocaust - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830230,00.html)
Super, dass das mit dem Gewissen jetzt so einfach geworden ist. Eine Birke hab ich hier auch, ich deklarier sie um zum Symbol. Ein Olivenbäumchen als Symbol für die versehrte Heimatliebe der Palästinenser stell ich daneben, dann sind die auch glücklich und zufrieden. In den Zwischenraum leg ich eine Eichel für die deutsche Scham -- ein Eichbäumchen darf es nicht werden, das wäre pietätlos. Vielleicht könnte man die drei Pflanzenobjekte irgendwie bei Obi als Gedenkpaket im Angebot kriegen. Oh, und als Kapitalismuskritikerin lege ich einen Kranz von Erdnüssen drumrum. Sie verstehen? Peanuts. Die Gierbanken sind eben überall außenrum. Vielleicht kann man sie auch indirekt mit dem Holocaust in Verbindung bringen, dann noch schnell wieder statt "Bank" "Juden" denken, und schwupps ist der Holocaust ein großer Massenselbstmord, irgendwie. Aber natürlich immer noch tragisch. Wie konnten die Deutschen es so weit kommen lassen... Ich werde Tränende Herzen um das Ganze pflanzen. Verstehen Sie diesen Post bitte als Symbol einer Zustimmung.
4. König Drosselbart auf der Suche nach dem G.
Duzend 27.04.2012
Zitat von sysopEinmischen, aufmischen, aufzeigen - sofort! Alle wollen, dass die Kunst wieder politisch wird, dass sie etwas zu sagen hat zum miesen Zustand unserer Welt. Nun versucht Berlin gerade genau das mit der Biennale - und scheitert dabei auf himmelschreiend peinliche Weise. S.P.O.N. - Der Kritiker: Zwei Birken für den Holocaust - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830230,00.html)
Also Kunst und Einmischung und so - das hätte man schon gedurft. Klar. Kunst ist frei! Aber eben nicht so. Und so auch nicht und so schon gar nicht. Wer gedacht hatte, Herrn Diez wäre es eine grosse Genugtuung, mitanzusehen, wie dem groben Günter ein ebenso grober Keil in den Rachen gestossen würde, der erfährt jetzt, dass es nach der Annehmbarkeit ihrer Kunsterzeugnisse zu urteilen noch viel verwerflichere Kreaturen als G. G. gibt. Also etwa die Armleuchter mit dem Key of Return. Es wird Zeit, dass und den Diezens ihren Gregor mal ein Beispiel gibt, wie den akzeptable Kunst zu schwierigen politischen Themen aussehen könnte. Oder sollte die Antwort "gar nicht" sein?
5. König Drosselbart auf der Suche nach dem G.
Duzend 27.04.2012
Zitat von sysopEinmischen, aufmischen, aufzeigen - sofort! Alle wollen, dass die Kunst wieder politisch wird, dass sie etwas zu sagen hat zum miesen Zustand unserer Welt. Nun versucht Berlin gerade genau das mit der Biennale - und scheitert dabei auf himmelschreiend peinliche Weise. S.P.O.N. - Der Kritiker: Zwei Birken für den Holocaust - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830230,00.html)
Also Kunst und Einmischung und so - das hätte man schon gedurft. Klar. Kunst ist frei! Aber eben nicht so. Und so auch nicht und so schon gar nicht. Wer gedacht hatte, Herrn Diez wäre es eine grosse Genugtuung, mitanzusehen, wie dem groben Günter ein ebenso grober Keil in den Rachen gestossen würde, der erfährt jetzt, dass es nach der Annehmbarkeit ihrer Kunsterzeugnisse zu urteilen noch viel verwerflichere Kreaturen als G. G. gibt. Also etwa die Armleuchter mit dem Key of Return. Es wird Zeit, dass uns den Diezens ihren Gregor mal ein Beispiel gibt, wie den akzeptable Kunst zu schwierigen politischen Themen aussehen könnte. Oder sollte die Antwort "gar nicht" sein?
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981.
Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
Am 24. und 25. März veranstaltet er gemeinsam mit Christopher Roth in den Berliner Kunst-Werken den Kongress "2081 - What Happened".
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