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Einweihung des 9/11-Museums: In der Tiefe des Grauens

Von , New York

Jin Lee/ 9-11 Museum

Barack Obama kämpfte bei der Einweihungsfeier mit den Tränen: Denn im Mittelpunkt des 9/11-Museums in New York stehen die herzzerreißenden Geschichten der Opfer und Überlebenden - und die unzerstörbare Hoffnung auf das Gute im Menschen.

Ein rotes Halstuch. Bis heute erinnern sie sich: Der junge Mann hatte es sich um Mund und Nase gebunden, als er durch den Qualm zu ihnen stieß. Sie saßen im 78. Stockwerk des brennenden Südturms fest, bis der Mann ihnen den Weg zur Treppe wies und eine Frau sogar auf den Schultern nach unten trug. Mehrmals rannte er ins Feuer zurück, dann verschluckte ihn das Inferno. Seinen Namen nannte er nie.

Der Mann mit dem roten Halstuch war Welles Crowther, ein 24-jähriger Banker. Ein Dutzend Menschen rettete er am 11. September 2001 aus Tower 2 des World Trade Centers, bevor er selbst umkam. Eines seiner Halstücher liegt heute, zum Dreieck gefaltet, in einer Vitrine in den Katakomben des neuen 9/11-Museums.

"Dies ist der wahre Geist von 9/11", sagt US-Präsident Barack Obama, der mit den Tränen kämpft, als er die Geschichte des Tuchs bei der Einweihungsfeier des Museums erzählt: "Liebe, Mitgefühl, Opferbereitschaft", auf ewig "bewahrt im Herzen unserer Nation".

Die kühle Tiefe von Ground Zero

Obamas Worte hallen durch die gigantische Felskammer tief unter Ground Zero, die das architektonische wie emotionale Herz des Museums bildet. Hunderte Ehrengäste sitzen gedrängt vor der rohen Betonwand, die die Fundamente des Trade Centers vor den Fluten des Hudson Rivers schützte und sogar der kinetischen Gewalt der Anschläge widerstand.

Fast 13 Jahre später wird das Museum endlich eingeweiht, ein Mahnmal, das buchstäblich aus der Asche der damaligen Hölle erwachsen ist. Die zutiefst ergreifende Zeremonie lässt den Streit um seinen Sinn und Bau sofort vergessen - nicht zuletzt auch, weil die Redner taktvoll-bewusst in den Hintergrund treten.

Statt dessen überlassen sie diesen Moment den Opfern und Hinterbliebenen. Zum Beispiel Welles Crowthers Mutter Alison, die Obama umarmt und Ling Young mitgebracht hat - eine der zwölf, die Crowther rettete. "Ich bin wegen Welles hier", sagt Young, deren Brandnarben immer noch sichtbar sind. "Ein Mann, dem zu danken ich keine Gelegenheit hatte." Weshalb sie umso mehr seiner Familie danken wolle.

Auch an Flug 93 wird erinnert

So bewegend geht es eine Stunde lang hier in der kühlen Tiefe von Ground Zero, wo sich das Museum um die ehemaligen Fundamente der zerstörten Türme windet: Eine Geschichte webt sich nahtlos in die nächste, bis die gesamte Komplexität jenes Horrortags hervortritt - Schock, Schmerz, Verlust, Resilienz, Hoffnung.

Gouverneur Andrew Cuomo präsentiert eine demolierte Armbanduhr, eines der persönlichsten Exponate hier. Die Uhr gehörte Todd Beamer, einem Passagier von Flug 93. Ihm werden die ikonischen Wort "Let's roll" zugeschrieben, mit denen sich die Zivilisten gegen die Terroristen aufbäumten. Ein Zeiger ist abgebrochen, der andere steht auf 11.

Flug 93 stürzte über Pennsylvania ab und erreichte sein Terrorziel Washigton nie. "Sie haben den Gang der Geschichte verändert", sagt Cuomo. Danach ist die letzte Nachricht zu hören, die Alice Bingham, die Mutter von Mark Bingham, einem weiteren Passagier, ihrem Sohn hinterließ: "Ich liebe dich, viel Glück."

Hillary Clinton wischt sich Tränen von der Wange

Insgesamt birgt das Museum mehr als 10.000 Reliquien, große, kleine, reale, virtuelle. Etwa Florence Jones' Schuhe, die sie auszog, bevor sie in ihrer Panik 77 Etagen und 51 Straßenblocks barfuß zurücklegte. Oder die dreistöckige Säule, die noch monatelang aus der Schuttgrube ragte, mit Fotos und Namen zur Trauerstele mutiert. Oder die letzte Fluchttreppe, über die sich Hunderte retteten: "Diese Stufen bedeuteten alles", sagt die Überlebende Kayla Bergeron, während sich Hillary Clinton Tränen von der Wange wischt.

Fotostrecke

18  Bilder
9/11 Memorial Museum: Hinterlassenschaften der Opfer
Doch selten hatte ein Museum schon vorab soviel Streit und Kopfzerbrechen verursacht. Jahrelang steckte das Projekt in der heißen Debatte zwischen Hinterbliebenen, Politikern, Geschäftsleuten und Stadtplanern fest.

Im Mittelpunkt stand die unlösbare Frage, wie einem hochpolitischen und doch zutiefst privaten Trauma wie 9/11 zu gedenken sei. Was soll man zeigen, was nicht? "Dies ist heiliger Boden", sagt Anthony Palmeri, der am Ground Zero monatelang nach Opfern grub und jetzt Touristen durch die Gedenkstätte führt. "Dies darf kein beliebiger Park werden."

Darüber gab es endlose Diskussionen, Tränen, Wut. "Eine oder zwei Familien sind immer noch nicht glücklich", leugnete Bloomberg kürzlich in einem Interview mit der Website "Politico" die andauernde Stärke der Widerstands, die sich zuletzt im Protest gegen die Überführung der letzten 9/11-Überreste ins Museum äußerte.*

Am Ende ist das alles passé. Was bleibt, sind die Mementos des Bösen - und des Guten. "Für uns lebt er fort in den Menschen, denen er half", sagt Alison Crowther über ihren Sohn. "Dies ist das wahre Erbe des 11. September."

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insgesamt 26 Beiträge
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1.
DMenakker 15.05.2014
Ein absolutes Muss auf meinem nächsten USA Trip. Und eigentlich auch all den typishen Ami-bashern zu empfehlen, die ( bei allen Fehlern, die dort gemacht werden ) offensichtlich viel zu viel in viel zu kurzer Zeit vergessen haben. Genauso wie wir hier ja auch alles vergessen. Wer das Museum am Checkpoint Charly besucht, wird erinnert, dass die DDR eben kein Konstrukt war, dem man auch nur eine Träne nachweinen muss. Wer sich heute über Boko Haram in Nigeria aufregt, hat vergessen, mit welchem Idealismus man versucht hat den Frauen in Afgahnistan zu helfen. Und eben auch 9/11 Ein Denkmal, ein Museum ist vor allem da, um dem Vergessen vorzubeugen. Viele Deutsche hätten es verdammt nötig, einmal hinzufahren.
2. und kostet 25 Dollar Eintritt
n.schuller 16.05.2014
ohne Kommentar
3.
nykrob 16.05.2014
Leider stand ich im Februar noch vor verschlossenen Türen. Finde es aber gut das dieser Ort als Mahnmal erhalten bleibt!
4. Das macht doch Sinn!
tweet4fun 16.05.2014
Zitat von n.schullerohne Kommentar
Das sind ca. 18,- Euro. Und nun? Immerhin wird damit gewährleistet, daß nur ernsthaft interessierte Besucher durch die Gedenkstätte gehen. Damit vermeidet man die Touristen mit kurzen Hosen und Badelatschen und einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Mia san Mia".
5. USA ist Schizophren
mr.motto 16.05.2014
Was für eine Show, 25 Dollar Eintritt?! Ich hoffe der Barak hat auch noch eine Träne für die tausende Opfer, die durch Amerikanisches Großmachtstreben sterben müssen übrig. Dieses Land ist so Schizophren, auf der einen Seite die Christlichen mit Mittelalterlichen Werten und auf der anderen Seite das ständige heucheln von einer der besten Demokratien und Freiheiten der Welt. 9/11 ist bis heute umstritten, irgendwann kommt die Wahrheit raus, genauso wie Pearl Habor, doch dann sitzen die Verantwortlich im Altenheim oder sind schon längst verstorben. Ich bin kein Freund von diesen Verschwörungstheorien, doch Tatsache ist, nach 9/11, hat sich die Welt zu Gunsten der Machtgeilen Militärs Geheimdiensten und Kapitalisten sehr verbessert. Ich hoffen unser Ableger des Amerikanischen Kongresses in Berlin weint heute auch und legt eine Schweigestunde ein, da würde jedenfalls nicht so viel Müll geredet.
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