Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Kritiker: Die Zukunft gehört den Linken

Eine Kolumne von

Präsidentschaftskandidat Sanders mit Unterstützern: Besonders bei jungen Menschen ist der Demokrat beliebt Zur Großansicht
AFP

Präsidentschaftskandidat Sanders mit Unterstützern: Besonders bei jungen Menschen ist der Demokrat beliebt

Der Kapitalismus siegt sich zu Tode - und alle schauen betreten weg. Bei den US-Wahlen zeigt es sich wieder: Statt Argumente zu bewerten, verfallen Kommentatoren in überkommene Links-Rechts-Schemata.

Es ist einer der ältesten Tricks aus dem Koffer der konservativen Kommentatoren, das Links-Rechts-Spiel, und es ist deshalb so frustrierend, weil es so offensichtlich manipulativ ist und ausschließlich dazu dient, linke Positionen zu entkräften.

Man kann das jetzt gerade wieder beobachten. Ist etwa Bernie Sanders ein "Populist"? Warum genau? Weil er die Reichen stärker besteuern will?

Aber wenn sogar die Superkapitalisten von Goldman Sachs daran zweifeln, dass der Kapitalismus in der gegenwärtigen Form besonders gut funktioniert, weil er in den westlichen Industriestaaten vor allem wachsende Ungleichheit produziert - sind dann auch die Finanzmillionäre Populisten?

Bernie Sanders sei gegen "das Establishment", wird in den Leitartikeln und Kommentaren wie unter Hypnose wiederholt: Aber seit wann wäre das ein politisches Argument?

Und vor allem: Seit wann wäre es die Aufgabe der Presse, "das Establishment" zu stützen?

Auch Trump, heißt es, sei gegen "das Establishment", ein Wort übrigens, das als Schimpfwort in den späten sechziger Jahren geboren wurde und nun als Trutzburg "des Systems" in umgekehrtem Sinn gebraucht wird.

Was aber würde das bedeuten? Ist damit Bernie Sanders ein linker Donald Trump? So wird er seit Wochen auf den Titelseiten der deutschen Medien beschrieben. Aber ist Demokratie ein Mobile, an das man links und rechts Populisten hängt, damit die Mitte hält?

Tatsächlich zeigt sich in all diesen Links-Rechts-Texten der vergangenen Wochen eine entpolitisierte Sicht auf Politik, die gewollt ist und eingeübt: Statt um Argumente geht es um Geometrie, statt um Inhalte geht es um Mehrheiten, statt um Visionen geht es um Verteidigung dessen, was man hat.

Politik ohne Politik

Es gibt sie aber immer noch, die Unterschiede zwischen rechten und linken Argumenten.

Und so ist Trump eben das Gesicht eines radikalen, dummen und egoistischen Kapitalismus und Sanders das Gesicht eines durchaus bescheidenen und wenig revolutionären Versuchs, diesen Kapitalismus wieder gerechter zu machen.

Wie, um Himmels Willen, kann man die zwei auf eine Art und Weise vergleichen? Wo am Ende sogar rauskommt, dass sie beide vor allem eines seien: Populisten?

Das ist das Gegenteil von gutem Journalismus, das ist Nebelwerferei.

Aber es ist auch ein Zeichen unserer Epoche: Politik ohne Politik. Seit dem Fall der Mauer siegt sich der Kapitalismus zu Tode, und fast alle schauen betreten zur Seite.

Diese Interpretation wiederum ist längst keine radikale Minderheitenmeinung mehr, kein Fall für den Verfassungsschutz, und Bernie Sanders, der "Sozialist", ist nur einer, der diese Botschaft sehr klar und konstruktiv rüberbringt.

Das Bemerkenswerte dabei: Der 74-jährige, spricht die Sprache einer neuen Generation. Denn es sind vor allem die Jungen, die ihn unterstützen, die ihn wählen würden. Von den 17- bis 29-Jährigen votierten in Iowa 84 Prozent für Sanders, und auch in der Altersgruppe von 30 bis 44 hatte er einen Vorsprung von 21 Punkten vor Hillary Clinton.

Kapitalismus unter Artenschutz

Wenn man es so betrachtet, wird daraus eine ganz andere Geschichte als die des "Populisten" Sanders.

Es geht bei dieser Wahl um einen Generationenkampf, über den aber so nicht berichtet wird, es geht um die Selbstbehauptung einer Alterskohorte, die seit Jahren ökonomisch und ökologisch auf Kosten der Jugend lebt.

Das Schlüsselerlebnis dieser jungen Generation war nicht der Fall der Mauer, der linke Utopien erst mal erledigte, das Fanal war der Fall von Lehman Brothers, nach dem der kranke Kapitalismus unter staatlichen Artenschutz gestellt wurde und sich der Extremismus der Finanzwirtschaft noch verstärkte.

Dieser Extremismus bedroht die Mitte: Es ist diese "Generation Krise", die in den USA wie in Europa die Leidtragenden der Schuldenpolitik sind - wer wie in Spanien 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit duldet, sollte nicht so locker über "Populismus" reden.

"Diese jungen Menschen", schreibt Owen Jones im "Guardian", "sehen einem Leben entgegen, das schlechter ist als das ihrer Eltern. Sie fühlen sich unterrepräsentiert, ignoriert, betrogen oder direkt attackiert von der politischen Elite."

Sie sind dabei deutlich fortschrittlicher, wenn es um soziale Themen geht: Sie sehen etwa Immigration deutlich positiver und haben weniger Ressentiments gegen Muslime.

Wer Sanders einen "Populisten" nennt, diskreditiert damit seine Wähler und seine Positionen. Und wahrscheinlich ist genau das das Ziel.

Links oder rechts ist keine Frage der Geometrie

Es ist das Prinzip der Links-Rechts-Argumentation, so wie sie im Kalten Krieg entstanden ist, als im Zuge einer kruden Faschismustheorie gezeigt werden sollte, dass Kommunismus und Nationalsozialismus im Grunde das Gleiche sind.

Das war eine Analyse, die weder historisch noch politisch funktionierte, was aber nichts daran änderte, dass sie gern wiederholt wurde, in Feuilletons und bei Sonntagsreden.

Nochmal: Links oder rechts ist keine Frage der Geometrie, sondern der Werte.

Was soll es also bedeuten, wenn neulich in der "Zeit" stand, die neue Rechte sei das "Pendant zur kulturalistischen Linken? Wo die Linke die fremde Identität, das Andere, die Abweichung vergötzt, berauscht sich die Rechte an der Norm des Eigenen."

Wirklich? Ist das so? Ist das die Entsprechung?

Sind Menschen, die sich Gedanken darüber machen, ob Mann und Frau für sie die richtige Bezeichnung sind in einer sehr sehr komplexen Zeit, genauso gefährlich wie Menschen, die "Volksverräter, Volksverräter" rufen?

Und was soll dieses Wort von der "kulturalistischen Linken" überhaupt - die, eine tatsächlich böswillige Verzerrung, "jede ethnische, kulturelle oder sexuelle Differenz" unter "staatlichen Schutz stellen wollen", und zwar "als Kompensation für die Vergehen einer heteronormativen, eurozentrischen Vergangenheit"?

Das wäre dann die Erfindung der Herero-Sexualität aus dem Geist des Total-Ressentiments.

All dies seien übrigens "keine im eigentlichen Sinne politischen oder ökonomischen Streitfragen", heißt es in der "Zeit": Was nur zeigt, dass sich hier jemand offensiv weigert, politisch zu argumentieren.

Rechts ist keine Alternative

Als ob Geschlechtergleichheit nicht direkte wirtschaftliche Folgen hat in der Forderung um gleichen Lohn, als ob sexuelle Selbstbestimmung nicht eine direkte politische Forderung ist, wenn es zum Beispiel um die Homo-Ehe geht.

Aber anders zu argumentieren macht es natürlich einfacher, dem eigenen reaktionären Denken einen gemütlichen Anstrich zu geben: Wer die "neue Norm" der "ethnisch-kulturellen Diversität" nicht akzeptieren wolle, stand da, der sei geradezu "politisch heimatlos, wenn er nicht in den Reihen von Pegida mitmarschieren wollte".

Gut, das ist dann tatsächlich der "Verlust der Mitte", wie der Text überschrieben war, in Verbeugung vor dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der schon früh, 1930, in die österreichische NSDAP eingetreten war.

Aber vielleicht war auch das nur ein Kulturkampf.

Es war Ernst Nolte, der in den achtziger Jahren mit dem Versuch scheiterte, den Nationalsozialismus als Antwort auf den Kommunismus zu zeichnen.

Nun machen sich manche daran, das rechte Denken als Antwort auf linkes Denken zu skizzieren.

"Manchmal hat man tatsächlich das Gefühl", hieß es in der "Zeit", "dass die kulturalistische Linke mit ihrer verbal-intellektuellen Überlegenheit alle, die ihr nicht folgen wollen, in eine Ecke der Hilflosigkeit getrieben hat, in der sie sich nicht anders zu helfen wissen, als in die unterste Schublade zu greifen."

Ach ja?

Es gibt für die dann ja wohl intellektuell Unterlegenen "keine Alternative" im "Deutschland der Gleichstellungsbeauftragten" als Hass, Ausländerfeindlichkeit und Sexismus?

Wenn etwas populistisch ist, dann diese Argumentation.

Aber auch hier hilft die Analyse von Owen Jones weiter. Auch hier, im Feuilletonismus des kleinen, engen Deutschlands, erleben wir einen Kampf der Alten gegen die Jungen, der Vergangenheit gegen die Zukunft.

Die Zukunft aber, da hilft alles nichts, wird komplex sein, heterogen und hoffentlich gerecht.

Die Zukunft gehörte schon immer der Linken.

Newsletter
Kolumne - Der Kritiker
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 218 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gratulation, Herr Diez!
heutemalich 07.02.2016
Ihr bisher bester Beitrag. Es ist in der Tat ein Treppenwitz, Sanders mit Trump zu vergleichen. Das ist in etwa so, wie wenn man Herrn Höcke mit Willy Brandt vergliche (nur Beispiel). Die Zukunft gehörte schon immer den Linken. Ja - nur leider gehörte die Gegenwart meistens den Rechten.
2.
shran 07.02.2016
"... erleben wir einen Kampf der Alten gegen die Jungen, der Vergangenheit gegen die Zukunft.Die Zukunft aber, da hilft alles nichts, wird komplex sein, heterogen und hoffentlich gerecht. Die Zukunft gehörte schon immer der Linken" Ich bin selbst jung, aber ich finde den Kapitalismus/Marktwirtschaft toll ! Und ich kenne viele andere junge die sich ebenfalls nicht das Weltbild der Linken zu eigen machen wollen. Zudem maße ich mir selbst als libertärer Futurist nicht an die Zukunft zu kennen. Dass die Zukunft schon immer den Linken gehörte ist nur eine banale Floskel oder Wunschdenken, mehr aber auch nicht. Zum realen "machen der Zukunft" gehört nämlich zuallerst Ziele konsequent umzusetzen. Bei Linken sehe ich fast überall nur Berufs-Bedenkenträger die eher verhindern statt selbst etwas (abseits von Demos) Innovatives auf die Beine zu stellen. Ich sehe keinen einzigen realen proof-of-concept bei dem Linke zeigen könnten dass ihre Modelle funktionieren, keinen. Zum Thema B. Sanders: Er wird fast ausschließlich durch Gewerkschaften finanziert. Das verhält sich ähnlich wie bei der deutschen Linkspartei die viele ihre Leute bei Verdi & Co. haben und die dann thematisch mal trommeln wenns der Linkspartei grad hilft. In den immer noch freiheitsliebenden USA hat sowas keine Chance.
3. Super
noonecares 07.02.2016
Einer der besten Artikel von Spiegel Online, den ich ich je gelesen habe. Es ist absolut war, diejenigen, die die soforte Links-Rechts-Klassifizierung als "Argument" verwenden, scheinen sich offenbar seit Jahren mit vornehmlich Linken Werten zu beschäftigen. Warum das so ist, ist hier auch erklärt: Es ist nicht mehr von Relevanz, die Lebensumstände sind besser als noch in der "roten Jugend", wohlstandserhaltende Parteien, für den Wohlstand weniger wohlgemerkt, werden gewählt. Jedoch ist dieses Denken absolut egoistisch und zeugt von einem Opportunismus, der genau diese von den "Linken" angeprangerten Verhältnisse im Zuge des Kapitalismus erst möglich gemacht.
4. Linke sind unflexibel
From7000islands 07.02.2016
Manchmal ist Sturheit ein Segen (wie Schröder sich dem Irak Krieg verweigerte) , manchmal ein Fluch (das verordnete Schweigen über Straftaten der Ausländer). Ich stelle in Frage, ob Herr Diez unsere sog. Rechten einordnen kann. Für mich ist z.B. Pegida linke Politik. Es gibt keinen, der in der Pegida die Löhne zu hoch findet, oder die Arbeitszeiten zu kurz, die Verrottung von Schulen und Strassen gut findet und die ständigen Erhöhungen des Nahverkehrs eine Errungenschaft der Linken nennen. Die Mehrheit der Menschen sind von globalisierten Kapitalismus in der Menscheitsgeschichte nie dagewesenen Art betzrogen, ausgenutzt und übervorteilt worden. Dazu haben wir in den meisten Regierungen keine Sachverständigen in Ökonomie, sondern die Regierenden und ihre Politiker Freunde laufen den Gallionsfiguren des High-Profit-Kapitalismus hinterher, um sich mit ihnen ins Bett zu legen (Merkel-Ackermann) und die Bevölkerung auf "Anraten der Finanzsachverständigen" zu übervorteilen. Eigentlich Irrsinn, dass sich Pegida und Linke auf den Strassen bekriegen, anstatt sich am Schreibtsich gemeinsame Strartegien zu erarbeiten, wie man dem staatlichen Grosskapital Politik zu Leibe rückt. Denn es leiden alle unter diesem Politik-Kapital Pakt. In den USA versuchte nur Kennedy, die Staatsgerechtigkeit wieder auf die Füsse zu stellen, indem er die FED aus den Händen des Grosskapitals zurück in staatlichen Gewahrsam nehmen wollte, wie das in allen Staaten der Welt ausser den USA seit 1913, üblich ist. Er hat den Versuch mit dem Tode bezahlt. Kapital ist politische und militärische Power. Damit sind die USA für die eigene Bevölkerung schon verloren. Wenn sich dann angebliche Linke in Europa wie Vizekanzler Gabriel uns TTIP - das Produkt schlitzohriger US Kapitalisten - verkaufen wollen, dann ist Gabriel und mit ihm die SPD eine rechte Kapitalistenpartei, da muss man als Linker AFD wählen statt SPD.
5. Linke und Rechte
moritz27 07.02.2016
hatten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Chancen, als sie Regierungen (Diktaturen) stellten, nicht genutzt. Ich finde daher die Anläufe beider Seiten, dies zu wiederholen, mehr als fragwürdig. Ich bin bisher mit unserer sozialen Marktwirtschaft ganz gut gefahren. Dass die berechtigterweise immer noch so heißt, kann man am Bundeshaushalt gut ablesen. Wie lange das jetzt noch gutgeht. steht in den Sternen und ist, je nach Gusto, eine Frage des Glaubens. Ob ich das, was dann folgt, noch erlebe oder erleben will, das ist die Frage, die ich mir stelle.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: