Radikale Kürzungspläne Hamburg zieht in den Kulturkampf

Nicht arm, aber unsexy: Hamburg riskiert seinen Ruf als Kulturstadt. Mit einem harten Sparprogramm gefährdet die Metropole das Programm des renommierten Schauspielhauses, ein Museum soll geschlossen werden - Kritiker sind empört. Und Künstler wenden sich ab.

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Hamburg - Giftiger hätte die Kritik von Daniel Richter über Hamburgs Kulturpolitik kaum ausfallen können. "Jeder intelligente Hamburger will jetzt weg, auch nach Stade", sagte der international gefeierte Maler kürzlich anlässlich seiner Ausstellung "Painters on the run" in der niedersächsischen Kreisstadt.



Der Künstler hatte schon im vergangenen Sommer mit seinem überraschenden Umzug von Hamburg nach Berlin Aufmerksamkeit erregt. "Sexy ist die Stadt nur noch für die Reichen": So spottete Richter damals über die Hansestadt und zielte auch auf das millionenschwere Prestigeprojekt Elbphilharmonie. Richters Satz war eine Anspielung auf Berlins Ruf als "arm, aber sexy".



Wenn seiner Meinung nach jetzt schon Stade, 47.000 Einwohner, rund 50 Kilometer westlich von Hamburg gelegen, mit seinem Schwedenspeicher-Museum und seinem Heimatmuseum ein besserer Ort für Künstler ist als Hamburg - dann muss wohl etwas faul sein in der 1,7-Millionen-Einwohner-Metropole. "Einfach deprimierend" sei die dortige Kulturpolitik, sagte Richter.



Er steht mit seinem Urteil nicht alleine da. Seit Tagen formiert sich Widerstand gegen die Sparpläne der schwarz-grünen Regierung von Hamburgs Erstem Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU). Am Tag der Deutschen Einheit etwa kamen 6000 Bürger zum Solidaritätsfest für das Altonaer Museum. Geht es nach dem Willen von Kultursenator Reinhard Stuth, wird das 1863 gegründete Museum, dessen drei Millionen Euro teure Renovierung gerade erst beendet wurde, am 31. Dezember geschlossen.



Hamburgs Finanzlage ist desolat. Rund 500 Millionen Euro will der Senat einsparen, und Stuth setzt für das Kulturressort offenbar auf einen rigorosen Kurs. Neben dem Aus für das Altonaer Museum sieht er beim Schauspielhaus erhebliches Sparpotential. Um 1,2 Millionen Euro will er die Zuschüsse für die kommende Spielzeit kürzen.



Schon vor wenigen Wochen hatte Friedrich Schirmer seinen Intendantenposten an dem Theater wegen "gravierender Unterfinanzierung" des Schauspielhauses aufgegeben. Kritiker von Stuths Plänen sehen jetzt das renommierte Theater in seiner Existenz bedroht. "Der Begriff Todesstoß ist nicht von der Hand zu weisen. Guter Wille und Kompetenz reichen nicht aus, um diese Auflagen umzusetzen", sagte Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, der im vergangenen Jahr noch das Hamburger Thalia-Theater leitete, der "Frankfurter Rundschau".



"Kultur-Harakiri"



Das Schauspielhaus ist kein beliebiges Theater. Es ist die größte Sprechbühne Deutschlands, 1900 eröffnet, in den fünfziger Jahren leitete Gustaf Gründgens das Haus, in den Achtzigern war Peter Zadek Intendant. "Wir wollen das Schauspielhaus als Theater mit herausragender Qualität unbedingt erhalten", sagte Stuth selbst kürzlich in einem Interview.



Als der Senator sich von Schauspielhaus-Mitarbeitern darüber aufklären ließ, dass seine Sparpläne entweder die Abwicklung des Kinder- und Jugendtheaters oder die Beschränkung auf zwei Inszenierungen pro Saison im Großen Haus zur Folge hätten, sagte der CDU-Politiker, dass er dies nicht gewusst und beabsichtigt habe. Und so gilt er manchen schon jetzt als Fehlbesetzung - obwohl er erst seit einigen Wochen im Amt ist.



Stuths Politik sei "dilettantisch, das kann man gar nicht anders bezeichnen", sagte Helga Schuchardt, die von 1983 bis 1987 das Kulturressort in der Hansestadt leitete, bei einer Podiumsdiskussion. Auch der Deutsche Kulturrat in Berlin äußerte sich kritisch. "Was in Hamburg passiert, ist nicht nur grob fahrlässig, es ist der systematische Ausverkauf von Teilen der Kultur", sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Die Pläne des Hamburger Kultursenators nannte er "Kultur-Harakiri".



Fraglich ist unter anderem, welche Effekte sich der Kultursenator von der Schließung des Altonaer Museums verspricht. Stuth will damit den Haushalt der Hansestadt um 3,5 Millionen Euro entlasten. Der Stiftung Historische Museen zufolge geht diese Rechnung aber nicht auf. Der Grund: Die rund 70 fest angestellten Mitarbeiter können nicht einfach entlassen werden. Sie sind nicht beim Museum, sondern bei der Stiftung angestellt. Auch die Mietkosten für das Museum würden weiterlaufen. Schließlich kann die Immobilie, in der 640.000 Ausstellungsstücke untergebracht sind, nicht einfach verkauft werden.



"Hamburg ist keine Rockcity mehr"



In der Vergangenheit war Stuth weniger durch mangelnde Sachkenntnis als durch eigenwillige Umgangsformen und Führungsstil aufgefallen. 2009 trennte sich deshalb der damalige Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) von seinem damaligen Kulturstaatsrat. In einem Brief von Mitarbeitern der Kulturbehörde an die damalige Kultursenatorin Karin von Welck hieß es unter anderem: "In der Zusammenarbeit mit Herrn Stuth herrschen Angst und Misstrauen vor."



Auf Stuth kommen nun wohl schwere Wochen zu, denn der Protest gegen seine Sparpläne dürfte weitergehen. Der Kulturmetropole droht ein fortgesetzter Imageschaden.



Zuletzt hatten sich neben Richter mehrere Künstler aus Hamburg verabschiedet. Marius Müller-Westernhagen zog ebenfalls nach Berlin. Auch Udo Lindenberg, der seit 15 Jahren im Atlantic-Hotel an der Alster wohnt, hat Fluchtgedanken. "Ich weiß nicht, ob ich in Hamburg bleibe. Ich bin mit der Kulturpolitik nicht einverstanden", sagte er schon im Juli. Künftig will er viel Zeit in Berlin verbringen, und dort könnte auch das Lindenberg-Museum entstehen. Die Stadt Hamburg hat den 64-Jährigen bei seinen Plänen offenbar nicht ausreichend unterstützt. "Hamburg ist keine Rockcity mehr", gab Lindenberg zu Protokoll.



Auch die Schauspielerin Susanne Lothar ("Der Vorleser", "Das weiße Band") ist empört: "Ich glaube, dass hier inzwischen Menschen darüber entscheiden, die grundlegend kulturell nicht genug gebildet sind", sagte sie dem "Hamburger Abendblatt". Dass es in der Stadt mit den meisten Millionären und Mäzenen nicht genug Geld für Theater gibt, könne nicht sein: "Wenn Wuppertal kein Geld fürs Theater hat, wäre das ein Skandal. In Hamburg aber ist es eine Katastrophe, weil es hier ja Geld gibt." Wenn die Stadt weniger Geld für die Kultur ausgebe, verarme nicht nur die Kulturlandschaft, sondern die Stadt insgesamt.



Regierungschef Christoph Ahlhaus ist in der Debatte bisher nur durch einen Beitrag aufgefallen - er machte sich zuletzt für das Polizeiorchester stark. "Ich als Bürgermeister habe entschieden: Das Polizeiorchester bleibt. Punkt. Das ist ja auch ein Beitrag zur Kultur", sagte er. Im Etat sind dafür 1,5 Millionen Euro vorgesehen.



Bei führenden Sozialdemokraten in der Hansestadt provozierte das Kritik. "Die Zukunft des Schauspielhauses wird mutwillig gefährdet, aber gleichzeitig ist Geld für Folklore da. Das passt nicht zur Kulturstadt Hamburg", sagte SPD-Fraktionschef Michael Neumann SPIEGEL ONLINE.



Ahlhaus dürfte die musikalischen Qualitäten des Polizeiorchesters bestens kennen. Vor seiner Wahl zum Ersten Bürgermeister im August war er Innensenator und damit Chef der Sicherheitsbeamten.





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