Heute in den Feuilletons: "Kapitalistische Normalität kehrt ein"

Die "NZZ" verfolgt die Tragödie der Brüderlichkeit von Thomas und Heinrich Mann. Die "taz" fragt, was die Rückkehr der Kreativen aus Berlin-Mitte in die City-West für die kapitalistische Ausdifferenzierung der Stadt bedeutet. Die "Welt" antwortet in Sachen Suhrkamp auf Frank Schirrmacher.

Die Welt, 22.12.2012

Elmar Krekeler stürzt sich über Weihnachten freudig ins "Delirium der Nostalgie", mit Lady Violet Grantham und den anderen Herrschaften der Aristokraten-Soap "Downton Abbey": "'Ich empfinde Sehnsucht', stößt sie hervor aus dem in feinen Falten liegenden, spitzlippigen Gehege ihrer Zähne, 'nach einer einfacheren Welt. Ist das ein Verbrechen?" Diese Stalinorgel des britischen Spätfeudalismus ist eine von uns. Wir sind nämlich genauso. Wir empfinden auch Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. Sonst säßen wir nicht hier, hätten uns gerade zweieinhalb Folgen und fast drei Stunden lang mit wachsender Abhängigkeit Julian Fellowes' Fernsehserie 'Downton Abbey' ausgesetzt."

Richard Kämmerlings lässt in der Causa Suhrkamp nicht locker und antwortet Frank Schirrmacher, der in der FAZ Ulla Berkewiczs Anspruch auf die Führung des Suhrkamp Verlags quasi höchstinstanzlich legitimieren wollte. Nach dem Willen Siegfried Unselds, meint Kämmerlings, sollte Berkwicz die Stiftung führen, nicht den Verlag: "An die Autoren hatte Unseld noch im Dezember 2000 geschrieben 'Die Stiftung wird nicht in die operativen Geschäfte der Verlage eingreifen' und unmittelbar danach Berg zum Verlagsleiter ernannt."

Weiteres: Als infernalisches Weihnachstmärchen goutiert Ulrich Weinzierl Ewald Palmetshofers in Wien uraufgeführtes Stück "räuber.schuldengenital" über schrecklich Alte, die Geld, Liebe und Sex haben und einfach nicht sterben wollen. Eva Munz berichtet von der Kritik an Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thirty" über die Jagd auf Osama bin Laden, weil der Film nahelege, unter Folter erpresste Aussagen hätte die CIA auf die Spur gebracht. Ulrich Goll trifft den Koch Tim Raue im Charlottenburger Good Friends. Besprochen werden eine Amsterdamer "Zauberflöten"-Aufführung und Peter Konwitschnys "Faust"-Inszenierung in Graz.

Die Literarische Welt übernimmt aus der NY Review of Books einen Essay des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski über die Frag, ob Gott glücklich sein kann. Besprochen werden unter anderem Alexis Jennis Roman "Die französische Kunst des Krieges" über Frankreichs Kolonialkriege, Ernst Baltruschs Herodes-Biografie und Claudia Lanfranconis Porträts "Legendäre Gastgeberinnen und ihre Feste".

Die Tageszeitung, 22.12.2012

Für Ronald Berg markiert der Weggang der gefeierten Fotogalerie C/O Berlin aus Mitte in die City West das Ende einer Nachwende-Epoche mit Berlin-Mitte als "Tummelplatz für Kreative". "Kapitalistische Normalität kehrt ein", schreibt er im Kulturteil der Berliner Ausgabe und prognostiziert einen neuen Aufstieg der zuletzt eher abgehängten Gegend im Westen der Stadt: "Die City West scheint für unternehmerische und kreative Besetzungen ... inzwischen offener als die alte Stadtmitte ... Die City West muss man nicht neu erfinden, sie wartet nur darauf, ihre alte Rolle wieder einzunehmen. Mit anderen Worten: Die hierarchische Ausdifferenzierung der Stadt in Zentrum und Peripherie und die soziale in Arm und Reich ist in vollem Gange."

Außerdem: Arno Frank begibt sich auf Spurensuche nach den Wurzeln des Evergreens "House of the Rising Sun". Robert Miessner wohnt in Leipzig einem Gedenkabend zu Ehren von Tomaz Hostnik, dem ersten Sänger von Laibach, der sich vor 30 Jahren umgebracht hat, bei.

Besprochen werden Ang Lees Verfilmung von Yann Martels Roman "Schiffbruch mit dem Tiger" und Bücher, darunter Claudia Lanfranconis Studie über "Legendäre Gastgeberinnen und ihre Feste", die bei Jenni Zylka dekadente Sehnsüchte weckt.

Neue Zürcher Zeitung, 22.12.2012

Die 81 Postkarten von Thomas an Heinrich Mann, die sich jüngst im Nachlass von dessen Tochter Leonie fanden, geben einen faszinierenden Einblick in die Geschwisterbeziehung beziehungsweise, in Thomas Manns Worten, "die Tragödie unserer Brüderlichkeit", berichtet Roman Bucheli. Der Umgangston ist überwiegend herzlich, lässt aber auch harte Kritik zu: "Es sei 'die Begierde nach Wirkung, die Dich corrumpirt', schrieb er Heinrich im Dezember 1903 zu dessen Roman 'Die Jagd nach Liebe', und setzte gar noch eins obendrauf: 'Was Du machst, ist krank.'" Eine Auswahl der Postkarten ist noch bis zum 4. Januar 2013 im Buddenbrookhaus ausgestellt.

Weiteres: Die Flut von Erinnerungsbüchern in den USA hat mittlerweile Tsunamistärke erreicht, meldet Andrea Köhler und sieht die Ursache in einer Trias aus "Trauer, Therapie und Triumph". Jan-Heiner Tück, Professor für dogmatische Theologie in Wien, versucht zwischen fundamentalistischen Christen und Atheisten zu vermitteln, indem er auf ihre Gemeinsamkeit verweist: den insgeheimen Zweifel an ihrer Ideologie. Die Alttestamentler Othmar Keel und Florian Lippke referieren die Geschichte von Mondgottheiten in altorientalischen Kulten. Thomas Burkhalter schreibt einen Nachruf auf die Berner Harfenistin Asita Hamidi.

Besprochen werden zwei Stücke junger Autoren am Wiener Akademietheater: "räuber.schuldengenital" von Ewald Palmetshofer (zu dem Barbara Villiger Heilig genervt anmerkt: "Nicht alles, was geschrieben wird, muss auch gespielt werden") und "Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz (in dem die begeisterte Barbara Villiger Heilig "Theater als Summe seiner Möglichkeiten" erlebt), außerdem eine Kopenhagener Ausstellung über den exzentrischen Theatermann Herman Bang und Bücher, darunter der biografische Roman "Ein ganzer Mann" von David Lodge über den britischen Autor H. G. Wells.

Süddeutsche Zeitung, 22.12.2012

Kaum ein Artikel über Suhrkamp ohne Hinweis auf den im Berliner Landgericht eifrig mitschreibenden Rainald Goetz: Jetzt meldet sich der Gerichtsreporter und Suhrkamp-Autor im seitenfüllenden Gespräch mit Thomas Steinfeld zu Wort. Erwartungsgemäß positioniert er sich strikt Pro-Unseld-Berkéwicz, singt ein Loblied auf den in den vergangenen Jahren zu neuem Leben erwachten Verlag und wundert sich, dass der an Rentabilität so interessierte Barlach mit seinen Interventionen die Geschäftstüchtigkeit des Verlags erst recht beeinträchtige. Viele gute Worte hat Goetz nicht für ihn übrig: "Es gibt nur schlimme Geschichten über ihn, und wenn man ihn sieht, glaubt man sie alle. ... Ich habe ihn in einer Prozesspause angesprochen, was er seine Anwälte da für einen wahrheitswidrigen Unsinn erzählen lässt. Da reagiert er wie ein stumpfer Automat, redet sofort von seinen Rechten, die er ja nur in Anspruch nimmt. Er ist auch noch ein Wimp, nicht nur ein Rechtsquerulant, ein Feigling, ein unsicherer Mensch. Aber egal! Wir selber sind ja auch alle leicht kontaktgestört, unoffen, überobsessiv. Alles Dinge, die man im Interesse der Sache mal probeweise zur Seite drängen könnte."

Außerdem: Andrian Kreye schaut sich im boomenden Segment der Pop- und Rockklassiker-Neuauflagen um. Dazu passend würdigt Michele Mari Pink Floyd. Wolfgang Schreiber gratuliert dem Musiker und Komponist Friedrich Schenker zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden eine Doppelausstellung mit Arbeiten von Neo Rauch und Rosa Loy in den Kunstsammlungen Chemnitz, Andreas Homokis "Fliegender Holländer" am Opernhaus Zürich (das hier ein Blog zur Inszenierung führt), die Uraufführung von Ewald Palmetshofers neuem Stück "räuber.schuldengenital" am Wiener Akademietheater, Luigi Nonos in Weimar aufgeführte "Erleuchtete Fabrik" und Bücher, darunter eine illustrierte Ausgabe von Adelbert von Chamissos "Reise um die Welt".

Die SZ am Wochenende befasst sich auf acht, teils Kopf stehenden Seiten mit den Gegensätzen zwischen Arm und Reich.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2012

Jordan Mejias informiert über die Folterdebatte, die Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thirty" in den USA losgetreten hat. Die Debatte wird dadurch begünstigt, dass der Film ein "Rorschachtest" ist, in dem jeder sieht, was er sehen will, meint Mejias: "Im New Yorker versichert Bigelow, der Film enthalte sich jedes Urteils. Das Filmportal The Wrap zitiert [den Drehbuchautor Mark] Boal mit dem Rat, den Film als Film zu sehen und eben nicht als Abschussrampe für eine politische Erklärung. Aber geht das überhaupt? Ist nicht schon die Weigerung, eine klare Position zu beziehen, ein halbes Ja zur Folter?" Einen umfassenden Überblick über die ersten, internationalen Stimmen zum Film finden wir hier.

Weiteres: Neun FAZ-Autoren machen sich Gedanken über die Ursachen für die seit Jahren abnehmende Geburtenrate. Die Saucen, die Jürgen Dollase bei Harald Wohlfahrt von der "Schwarzwaldstube" im Hotel Traube Tonbach in Baiersbronn kredenzt bekommt, schmecken "frischer, transparenter und belebter denn je und vor allem klischeefrei". Besprochen werden die Uraufführung von Ewald Palmetshofers an Schiller angelehntem Stück "Räuber.Schuldengenital" in Wien ("Für zwei Stunden hat man ein bisschen was zu lachen und wenig zum Grübeln danach", bilanziert Martin Lhotzky) und Bücher, darunter Christa Wolfs nachgelassene Erzählung "August".

In Bilder und Zeiten möchte Uwe Ebbinghaus die These verteidigen, "dass Weihnachten die analogste Zeit des Jahres ist", weist aber zugleich nach, dass bereits das Weihnachtsfest bei den Buddenbrooks nicht ohne digitale Drehorgel und augmented reality auskam. Tilman Spreckelsen denkt über das ambivalente Motiv des Schatzes in alten und modernen Märchen nach. Das Krönungsevangeliar aus der Palastschule Karls des Großen erscheint in einer prächtigen Faksimile-Edition, berichtet Hubert Spiegel: "Das Faksimile des Krönungsevangeliars ist eines der teuersten und aufwendigsten Projekte seiner Art. Nur 333 Exemplare beträgt die Auflage, der Preis liegt bei knapp dreißigtausend Euro, Ratenzahlung ist möglich."

Besprochen werden neue CDs, darunter das vierte Solorecital der Pianistin Dina Ugorskaja mit Beethovens Klaviersonaten Nr. 29 und 32, die sie laut Eleonore Büning "mit Detmolder Intelligenz und russischer Pranke" meistert. Tobias Rüther unterhält sich mit Tocotronic über ihr bevorstehendes zwanzigjähriges Band-Jubiläum und das neue Album "Wie wir leben wollen", das im Januar erscheint.

In der Frankfurter Anthologie stellt Henning Heske das Gedicht "Groß-Stadt-Weihnachten" von Kurt Tucholsky vor:

"Nun senkt sich wieder auf die heim'schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.
..."

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