"New York Times"-Chef Sulzberger Ein Mann stellt sich gegen Donald Trump

Der US-Präsident und die "Fake News": Donald Trump attackiert die Medien immer heftiger. A.G. Sulzberger, der erst 37-jährige Herausgeber der "New York Times", will sich das nicht länger gefallen lassen.

A.G. Sulzberger, Herausgeber der "New York Times"
AFP

A.G. Sulzberger, Herausgeber der "New York Times"

Von , New York


Als A.G. Sulzberger im Januar mit erst 37 Jahren neuer Herausgeber der "New York Times" wurde, trat er in tiefe Fußstapfen. Er ist das sechste Familienmitglied in Folge an der Spitze der Zeitung, die sein Ururgroßvater 1896 gekauft hatte.

Sulzberger übernahm die Führung in schweren Zeiten: Der kaputte Printmarkt, die digitale Revolution und die Wahl von US-Präsident Donald Trump, der fast täglich über "Fake News" schimpft, machen auch der "NYT" zu schaffen.

Vor allem die Konfrontation mit Trump wird nun aber zur größten Bewährungsprobe für Sulzberger - mit Folgen für die gesamte Medienszene: Plötzlich findet sich ausgerechnet der junge "NYT"-Erbe in der Rolle des Bannerträgers seiner drangsalierten Branche. Und wie dieser Kampf ausgeht, bleibt ungewiss.

Seit Monaten verschärft Trump seine Hetze gegen die US-Medien, allen voran die "NYT", die "Washington Post"und CNN. Selbst als im Juni in Maryland fünf Lokaljournalisten erschossen wurden, beschimpfte er Reporter weiter als "Volksfeinde", eine implizierte Sanktionierung von Gewalt.

Am Wochenende brach der Konflikt offen zutage - und mittendrin: Sulzberger. Auslöser war ein Treffen mit dem Präsidenten im Oval Office, das Trump selbst initiiert hatte. Es fand vor elf Tagen statt und diente zugleich als Antrittsbesuch Sulzbergers, der "NYT"-Meinungschef James Bennett mitbrachte - als wichtigen Zeugen, wie sich später herausstellte.

Verlagsgebäude der "New York Times"
REUTERS

Verlagsgebäude der "New York Times"

Anschließend vereinbarte man auf Wunsch des Weißen Hauses Diskretion: Das Gespräch sei "off the record", wie üblich. Wer brach diese Vereinbarung? Trump.

Mehr noch: Trump - der gegen die Indiskretionen anderer sonst immer wütet - machte das Treffen nicht nur publik, sondern verzerrte seinen Inhalt, um mehr denn je gegen die "NYT" zu keilen - und gegen kritischen Journalismus sowieso.

"Sehr gutes und interessantes Meeting" , twitterte er am Sonntag - nur um das dann ganz anders darzustellen: "Wir haben über die enorme Menge von Fake News geredet, die von den Medien verbreitet werden, und darüber, wie sich daraus der Begriff 'Feinde des Volkes' entwickelt hat. Traurig!"

Sulzberger konterte umgehend

Natürlich sind "Fake News" wie auch "Feinde des Volkes" Reizworte, die Trump selbst in Umlauf gebracht hat, um missliebige Medien auszuschalten. Das ist mehr als nur Gerede - sondern eine bei Autokraten beliebte Strategie.

Genau das will Sulzberger Trump auch zu erklären versucht haben. Weshalb er den Tweet nicht unwidersprochen hinnahm: In einer ungewöhnlich scharfen und langen Erklärung verurteilte er Trumps "zutiefst beunruhigende pressefeindliche Rhetorik" - und enthüllte seine "Charakterisierung der Unterhaltung" als Lüge.

"Ich habe dem Präsidenten direkt gesagt, dass ich seine Wortwahl nicht nur für spalterisch halte, sondern für zunehmend gefährlich", schrieb Sulzberger: Seine Verunglimpfung von Journalisten als "Volksfeinde" werde "zu Gewalt führen". Im Ausland nutzten manche Trumps Rhetorik bereits als Rechfertigung für "breite Übergriffe gegen Journalisten". Menschenleben stünden auf dem Spiel.

In der "NYT" veröffentlichte Sulzberger später noch weitere Details. So habe er Trump gewarnt, dass einige Redaktionen schon unter Waffenschutz stünden. Trump sei überrascht gewesen - "dass die nicht schon längst bewaffnete Wachen hätten". Auch sei er "stolz" gewesen, den Begriff "Fake News" groß gemacht zu haben.

Trump attackiert "unpatriotische" Medien

Sulzbergers Replik konnte Trump, den eine lange Hassliebe mit seiner alten Heimatzeitung "NYT" verbindet, nicht auf sich sitzen lassen. Er reagierte mit einer Breitseite gegen alle "Trump-Hasser in der sterbenden Zeitungsindustrie": Sie seien "sehr unpatriotisch", unter anderem weil sie "interne Verhandlungen unserer Regierung" enthüllten und damit ihrerseits Leben aufs Spiel setzten.

Mit solchen Verdrehungen facht Trump den Hass seiner Basis - die nur ihm zuhört - weiter an. Das war auch vergangene Woche zu spüren, als Trump bei einer Rede in Missouri die Menge aufpeitschte: "Bleibt bei uns! Glaubt den Mist nicht, den ihr von diesen Leuten seht, diese Fake News", rief er und zeigte auf die Reporter im Saal. "Was ihr seht und was ihr lest, ist nicht das, was geschieht."

"Trump ändert sich nicht"

Richtig ist, was Trump für richtig erklärt: Die orwellianische Qualität dieser Worte entging den meisten, die da buhten und grölten. Doch die vordergründige Wirkung - Wut auf die Medien - war damit ebenso erzielt wie die hintergründige - eine Entwertung der Realität zugunsten einer von Trump propagierten Scheinwelt.

Es geht um mehr als Trumps bodenlosen Narzissmus, den er von der freien Presse geschmäht sieht. Hier geht es um Amerikas Demokratie.

Und um das Erbe der Sulzbergers, der letzten Zeitungsfamilie Amerikas. Sein Vater hatte die "NYT" 26 Jahre lang geführt, sein Großvater 29 Jahre lang. Er selbst begann seine "NYT"-Karriere als Lokalreporter und profilierte sich mit einem "Innovationsreport" über den Zustand der Zeitung.

Als neuer Herausgeber versprach er, ohne Trumps Namen zu nennen, den "kräftigen Mächten", die "Misstrauen in die Medien säen" und absichtlich "Verwirrung stiften", Paroli zu bieten. Dieser Moment scheint nun gekommen.

Von weiteren Treffen mit Trump sollte er dabei vielleicht aber absehen. Das riet ihm jedenfalls Erik Wemple, der Medienkritiker der "Washington Post": "Trump hört nicht zu, Trump ändert sich nicht, Trump interessiert sich nicht."

Video: Die Macht der Fake News

dbate.de


insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
FK-1234 31.07.2018
1. Albtraum
...einer freien Welt mit Meinungs- und Pressefreiheit sowie Gewaltenteilung. Die Pfeiler einer Demokratie. Wenn Trump könnte, würde er all dies abschaffen, um seinem Ego zu huldigen und seinen Narzissmus auszuleben. Alle Demokraten bitte aufwachen: Wir reden hier nicht von Putin, Erdogan, Assad oder Orban, sondern vom amerikanischen Präsidenten.
Zündkerze 31.07.2018
2. endlich
Herr Sulzberger hat meine volle Anerkennung. Nur wenige Trauen sich dem Menschen, der alle blufft und allen droht, die Stirn zu bieten. Da kommt man schon mal in Versuchung mit der Historie Deutschlands Vergleiche zu ziehen, obwohl er wie alle Vergleiche hinkt und falsch wäre. Ich hoffe Herr Sulzberger und seine Zeitung hat die Kraft das durchzuhalten, das kann man sich als Demokrat nur wünschen.
der_durden 31.07.2018
3.
Die Menschen, die auf Trumps Wahlkampfzirkus pilgern, ihm zugrölen und blind folgen, kann ich nicht ernst nehmen. Jeder dieser Personen kann die Widersprüche und offenen Lügen dieses Mannes erkennen. Dazu braucht es keine Interpretationen der Medien. Trump selbst lügt derart offen, dass man dem nur ungläubig und im Grunde ohnmächtig zusehen kann. Wer so einen Präsidenten unterstützt, das goutiert, dem ist nicht zu helfen. Im Grunde muss man bei solchen Menschen eine fehlende Reife, eine politische allemal, unterstellen. Es heißt, jeder bekommt, was er verdient. Dumm nur, dass solche Autokraten auch die in den Abgrund reißen, die sich mit Anstand und Würde dagegen stellen. Trump ist ein widerlicher Mensch. Es gibt überhaupt keinen Grund, diesem Herrn Respekt und Höflichkeit entgegenzubringen.
Siebengestirn 31.07.2018
4. Ja, Trump ist ein hoffnungsloser Fall.
Es lohnt nicht, gegen einen notorischen Egozentriker und Lügner anzuschreiben. Der wird hoffentlich bald von seiner Vergangenheit eingeholt. Man muss aber wohl deutlich mehr tun, um dessen Anhänger zu erreichen. Die sind das eigentlich Bedrohliche. Die haben das Bild der USA in der Welt mindestens genauso verschlechtert wie der Präsident. Es kann doch nicht sein, dass etwa die Hälfte der US-Amerikaner die Wahrheiten nicht zur Kenntnis nehmen will.
cup01 31.07.2018
5. Trump klein machen mit..
Amerika ist wichtiger als Trump, die Demokratie ist wichtiger als Trump, das Klima ist wichtiger als Trump, Frieden ist wichtiger als Trump, Arbeitsplätze sind bedeutender als Trump, die Natur ist größer als Trump usw.... Das dürfte dem neuen Sonnenkönig nicht gefallen, denn das sind unwiderlegbare Fakten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.