Neuer Investor aus Straubing Provinz-Verleger will "Abendzeitung" retten

Hat der gedruckte Großstadt-Boulevard eine Zukunft? Martin Balle glaubt offenbar daran, denn der Verleger des "Straubinger Tagblatts" übernimmt die insolvente Münchner "Abendzeitung". Balle will vorerst nur 25 Mitarbeiter weiterbeschäftigen.

Martin Balle, Verleger des "Straubinger Tagblatts" (Archivbild): Einstieg bei der "AZ"
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Martin Balle, Verleger des "Straubinger Tagblatts" (Archivbild): Einstieg bei der "AZ"


Die insolvente Münchner "Abendzeitung" scheint gerettet: Insolvenzverwalter Axel Bierbach hat einen Investor gefunden, der die "AZ" übernehmen will. Bei einer Pressekonferenz in München stellte sich Martin Balle vor, der Verleger der Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung. Dies meldete am frühen Dienstagnachmittag der Bayerische Rundfunk.

Balle, der im niederbayerischen Raum insgesamt 15 Regional- und Lokalzeitungen verlegt, will vom 1. Juli an sowohl die Printausgabe als auch den Onlineauftritt des Boulevardmediums aus der Landeshauptstadt übernehmen.

Im Vorfeld der entscheidenden Sitzung des Gläubigerausschusses hatte Martin Balle angekündigt, aus der "AZ" ein Boulevard-Heimatblatt machen zu wollen, das sich an die Zielgruppe Familie richte und vor allem am Wochenende viele Veranstaltungstipps enthalten solle. Das "Handelsblatt" hatte skeptische Stimmen aus Verlagskreisen zitiert, dass die "Abendzeitung" aber "weder konservativ noch liebevoll" sei, "sondern links und frech".

Martin Balle, der die Verlagsleitung der Zeitungsgruppe um das "Straubinger Tagblatt" 2002 von seinem Vater Hermann übernahm, hält seiner Homepage zufolge Journalismus-Vorlesungen am Studiengang Medientechnik der FH Deggendorf. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Eugen-Biser-Stiftung, die sich für den Dialog zwischen den Religionen einsetzt.

"Es gibt halt so Metamorphosen"

Für die Onlineausgabe der "Abendzeitung" hatte nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" auch der Verleger des "Münchner Merkur", Dirk Ippen, ein Angebot abgegeben. Das "Handelsblatt" wiederum berichtete am Montag, dass der Verlag der "SZ" selbst am Internet-Auftritt der Boulevardzeitung Interesse geäußert haben soll - nicht zuletzt, weil "Süddeutsche" und "Abendzeitung" online bisher gemeinsam vermarktet werden.

Doch Balle bekam den Zuschlag, laut "SZ" hatte sein Angebot für Print und Online das größte Potenzial, die meisten der 94 Stellen in Verlag und Redaktion zu erhalten. Auf der Pressekonferenz hieß es nun allerdings, Balle wolle zunächst maximal nur 25 Mitarbeiter übernehmen. Die anderen werden in den nächsten Monaten von einer Auffanggesellschaft bezahlt. Als Minderheitseigner hat Balle den Rechtsanwalt Dietrich von Bötticher mit ins Boot geholt.

Die "Abendzeitung" hatte am 5. März beim Amtsgericht München Insolvenzantrag gestellt. Die finanziellen Schwierigkeiten der Boulevardzeitung mit einer verkauften Auflage von rund 100.000 Exemplaren waren seit Längerem bekannt. Die Familie Friedmann als Eigentümerin sehe sich nicht mehr in der Lage, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen, hatte der Verlag mitgeteilt. Nach Angaben der Geschäftsführung summierten sich die Verluste seit 2001 auf rund 70 Millionen Euro.

"Angeblich lesen die Leute keine Zeitung mehr. Ich halte das für einen Schmarrn", hat die legendäre TV-Kritikerin der "Abendzeitung", Ponkie, am Wochenende in einem Interview gesagt. "Jeder, der eine Frühstückszeitung gewöhnt ist, will sie doch jetzt nicht am Bildschirm lesen zum Kaffee. Es gibt halt so Metamorphosen", sagte Ponkie in einem langen Gespräch mit der "taz". In München buhlen gleich mehrere Boulevardzeitungen um die Gunst der Leser: neben der "AZ" auch die "tz", die zur Ippen-Gruppe gehört, und die "Bild"-Zeitung mit eigenem Regionalteil.

feb/dpa



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spon-facebook-10000752685 17.06.2014
1. Und nun?
Die Frage ist noch, wo wird die Zeitung gedruckt?
dr.könig 17.06.2014
2. Abendzeitung - gestern-heute-morgen
Zitat von sysopDPAHat der gedruckte Großstadt-Boulevard eine Zukunft? Martin Balle glaubt offenbar daran, denn der Verleger des "Straubinger Tagblatts" übernimmt die insolvente Münchner "Abendzeitung". Balle will vorerst nur 25 Mitarbeiter weiterbeschäftigen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/abendzeitung-az-martin-balle-straubinger-tagblatt-neuer-investor-a-975686.html
Ich glaube an die Abendzeitung. Die SZ ist mir zu international. AZ sollte für Bayern, München, Familie und Sport schreiben. Aber auch Boulevard, z.B. wie mit Herrn Graeter, den sollte man beibehalten.
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