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Insolvenz der "Abendzeitung": Münchner Herzinfarkt

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Münchner "Abendzeitung": Gedrucktes Lebensgefühl Fotos
DPA

Die "Abendzeitung" ist pleite - aber noch lange nicht am Ende. Denn München ist schlicht nicht vorstellbar ohne die Zeitung, die wie keine andere das Lebensgefühl dieser Stadt verkörpert. Ein Nachruf, der verdammt noch mal keiner sein will.

Sie ist schon etwas Besonderes. Im unschönen Rest der Welt, also jenseits der Grenzen des Münchner Umlandes, muss man sich als geachteter Bürger fast schon schämen, mit einer Boulevardzeitung in der Hand auf der Straße angetroffen zu werden. Nicht so in München: Mit der "Abendzeitung" unterm Arm kann man im Zweifel sogar in die Philharmonie gehen. Oder in den Biergarten. Die "AZ" verkörpert, in ihrer idealen Form jedenfalls, das Lebensgefühl in der bayerischen Landeshauptstadt, eine einzigartige Mischung aus Weltläufigkeit und Provinzialität, aus feiner Gesellschaft und derber Bierseligkeit. Die "Abendzeitung" ist kein Schreihals wie "Bild", nie so simpel wie ihre Konkurrenz "tz", nein: München ist die "Weltstadt mit Herz" , sagt man, und dieses Herz ist die "AZ".

Oder war es. Denn obwohl das jetzt keinesfalls nach einem Nachruf klingen soll: Es sieht schlecht aus für die Münchner "Abendzeitung", schlechter denn je. Die Verlegerfamilie Friedmann sieht sich laut Pressemitteilung außerstande, nach 70 Millionen Euro Verlust seit 2001, davon allein zehn im vergangenen Jahr, noch weitere Mittel nachzuschießen. Verkauft ist längst, was zu verkaufen war: die Schwesterausgabe in Nürnberg, mittlerweile eingestellt. Die Beteiligungen an Radiosendern. Und vor allem das Verlagsgebäude an der Sendlinger Straße, gelegen in Bestlage zwischen Marienplatz und Stachus. Jetzt ist nichts mehr übrig, nur noch die Hoffnung, dass sich ein Investor findet, der das traditionsreiche Blatt weiter betreiben will. Und 110 Mitarbeiter, die sich nicht unterkriegen lassen wollen: "Wir machen weiter", schreiben sie an ihre Leser. Drei Monate lang sind die Gehälter noch sicher, dann wird man sehen.

Wie eine Maß Helles im Biergarten

Und so sehr man der "Abendzeitung" und ihrer Belegschaft eine Zukunft wünscht - der Blick auf die "AZ" ist doch vor allem einer zurück in eine große und gemütliche Vergangenheit. 1948 bekam der Journalist Werner Friedmann von den amerikanischen Besatzern das Recht zugesprochen, eine Zeitung herauszugeben, und bald gehörte die "Abendzeitung" zu München wie eine Maß Helles auf den Tisch unter einem Kastanienbaum.

Fast 40 Jahre beschrieb der Autor Sigi Sommer in seiner "AZ"-Kolumne "Blasius, der Spaziergänger" das Münchner Flair, und dass der Frauenheld in eine Angelegenheit verwickelt war, die man heute wohl "Sex-Skandal" nennen würde, und die seinen Herausgeber Friedmann den Posten als Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" kosten sollte, verzieh man Sommer in München nicht nur - man setzte ihm 1998 sogar ein Denkmal unweit der Redaktion.

In der großen Zeit der "Abendzeitung" schaute man nicht schon Minuten nach der Ausstrahlung auf SPIEGEL ONLINE nach, wie sich der "Wetten, dass..?"-Moderator geschlagen hat - sondern wartete bis Montag darauf, wie das Urteil der legendären Fernsehkritikerin Ponkie ausfiel. Ganz hinten im Blatt freute man sich über den archetypischen Münchner "Herr Hirnbeiß", und wunderte sich mit ihm über den Lauf der Welt, während dieser, gezeichnet von Franziska Bilek, Wurstradel an seinen Dackel verfütterte. 1986 widmete Helmut Dietl der Zeitung sogar eine ganze Fernsehserie: "Kir Royal" mit Franz-Xaver Kroetz als Klatschreporter Baby Schimmerlos, mit seinem treuen Fotografen Herbie (Dieter Hildebrandt) unterwegs in der Münchner Bussi-Gesellschaft.

Gewinnspiele statt Münchner Flair

Da dräute jedoch bereits die Konkurrenz durch das Privatfernsehen, das schneller und bunter berichtete, als eine Zeitung es konnte, später kam das Internet dazu und fraß die Kleinanzeigen weg, und es mag auch die unglückliche unternehmerische Entscheidung zum Niedergang beigetragen haben, Chefredakteure an die Spitze der "Abendzeitung" zu setzen, die sich wenig in München, aber umso mehr mit der Ausrichtung von Gewinnspielen auskannten. Die Auflage sank. Im vierten Quartal 2003 hatte die "Abendzeitung" noch 152.584 Ausgaben verbreitet, zehn Jahre später waren es nur noch 109.871.

Dabei hatte man bei der "AZ" in den letzten Jahren wieder einiges richtig gemacht: Hat 2008 Arno Makowsky von der "Süddeutschen" geholt und zum Chefredakteur gemacht, einen, der sich überzeugend daran machte, den alten Charme der Zeitung wieder aufleben zu lassen. Hat einen vernünftigen Internetauftritt gebastelt. Und hat mit einer engagierten Redaktion die Auflage, wenn schon nicht erhöht, so doch stabilisiert.

Eigentlich hoffnungsvolle Zeichen dafür, dass es doch noch weiter gehen könnte. Und weitergehen muss. Denn zu einem gepflegten Münchner Frühstück gehört immer beides: die feine "Süddeutsche", in der einem der Chefredakteur die Krim-Krise mit dem Wort "Irredentismus" erklärt. Und die "Abendzeitung", in der die Grippewelle rollt und man erfahren kann, "was wirklich hilft". Möge jetzt bitte der "Abendzeitung" geholfen werden. Schon klar, satt wird man auch ohne sie. Aber ohne sie schmeckt es halt nicht mehr so gut.

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1. Absehbar ...
Misha 05.03.2014
Zitat von sysoppicture alliance / Markus C. HurekDie "Abendzeitung" ist pleite - aber noch lange nicht am Ende. Denn München ist schlicht nicht vorstellbar ohne die Zeitung, die wie keine andere das Lebensgefühl dieser Stadt verkörpert. Ein Nachruf, der verdammt nochmal keiner sein will. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/abendzeitung-insolvent-noch-kein-nachruf-noetig-a-957121.html
Das konnte man schon absehen, als 2012 die Nürnberger AZ dicht gemacht hat. Und die hatte schon dort ein Alleinstellungsmerkmal.
2. Bedauerlich, jedoch halb so wild.
bitte_weitergehen 05.03.2014
Es ist ja nicht so, dass durch die Insolvenz der AZ die Stadt München ihren Charme verlieren würde.
3. Och nööö! Nicht auch noch die liebe AZ!
eugenius3 05.03.2014
Auch das noch! Vor vielen Jahren, ich war noch ein kleiner Bub, sagte mein mittlerweile verstorbener Vater, selber in der Wolle gefärbter Journalist, zu mir: „Junge, die AZ ist der Beweis, dass es eben doch guten Boulevard-Journalismus gibt!“ Selber kein Boulevard-Journalist, rümpfte er über BILD, BZ, The Sun oder die Kronen-Zeitung die Nase, aber für die AZ war er voll des Lobes. Meine erste AZ drückte er mir bei meinem ersten München-Besuch in die Hand. Seitdem war stets meine erste Tat beim Eintreffen in Bayerns schönster Stadt der Kauf der AZ — bis heute. Blasius, Hirnbeiß, „Die schöne Münchnerin“ und Ponkie! Einfach toll! Zeige mir mal jemand irgendein Print-Blatt in D, das Vergleichbares über so einen langen Zeitraum kontinuierlich gut geliefert hat. Dazu Aktualität, wie es sich gehört. Einfach eine tolle Zeitung! Zu München gehört sie wie der Aumeister! Sollte sie sterben, stirbt mit ihr ein originäres Stück bajuwarischer Presse-Kultur. Aber es wird ihr wohl so ergehen wie vielen guten Zeitungen in diesen Nicht-Leser-Zeiten ...
4. Bedauerlich
Freifrau von Hase 05.03.2014
Zitat von bitte_weitergehenEs ist ja nicht so, dass durch die Insolvenz der AZ die Stadt München ihren Charme verlieren würde.
Es gibt aber 110 Arbeitslose mehr. Und das ist sehr wohl bedauerlich.
5. Schade um die Arbeitsplätze
smi117 05.03.2014
Ansonsten trauer ich der Zeitung nur wenig nach. Der Sport-Teil und allgemein Berichte zu "Lifestyle" fand ich gut. Wenn es jedoch mal in die politische Richtung ging, glänzte die AZ durch sehr tendentiöse linksgrün orientierte Berichterstattung. Von Neutralität konnte hier leider keine Rede sein. Im Grunde die kompaktere Ausgabe der SZ.
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