Neuer Jelinek-Text: Ich glaub, ich krieg die Krise

Von Tobias Becker

Wie antwortet das Theater auf die wildgewordenen Märkte? Mit einer wildgewordenen Autorin: Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek setzt dem Finanzkrisen-Tsunami schon seit längerem einen Text-Tsunami entgegen. Ihr neuester Wortschwall wird nun in Bremen uraufgeführt.

Tempo, Tempo, Tempo: Elfriede Jelinek überfällt gutmeinende Theatergänger wie manch Bankberater gutverdienende Kunden. Sie sabbelt ihren Text herunter, schneller, als die Theatergänger denken können, schneller vermutlich auch, als sie selber denken kann. Sie dreht den Theatergängern Wahrheiten an, von denen sie selbst nicht weiß, ob sie wahr sind. Sie verdient an den Theatergängern, an ihrer Leichtgläubigkeit. Denn die Theatergänger denken sich: Die muss es ja wissen, die klingt so klug. So klug, dass ich nichts verstehe.

Natürlich ist das eine gehässige Analogie, fast so gehässig wie die Analogien, mit denen sonst die Nobelpreisträgerin Jelinek arbeitet. Aber falsch, das ist sie nicht. Auf den Finanzmarkt-Tsunami antwortet Jelinek seit einigen Jahren mit einem immer weiter aufgeblasenen Text-Tsunami, der die Herrschaft des Geldes hinwegfegen möchte, mit einer bitterbösen Wortschwall-Satire, die die Köpfe kritisch denkender Theatergänger flutet. Ihre Finanzkrisenkomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns", uraufgeführt 2009 in Köln und Hamburg, verstanden die meisten genauso wenig wie die Finanzkrise, und doch standen Jelineks Aktien danach besser denn je: Einladung zum Berliner Theatertreffen, Nominierung für den Mülheimer Dramatikerpreis, Nachinszenierungen des Textes an Theatern in Berlin, Braunschweig, Dresden, Frankfurt, Göttingen, Nürnberg, Wuppertal.

Jelinek ist systemrelevant

Zugaben landauf, landab also, aber anders als manch Bankberater, das ist der Unterschied, gibt Jelinek ihre eigene Ratlosigkeit zu. Und erweist sich damit als systemrelevanter für unsere Gesellschaft als jedes Kreditinstitut. Die neueste Zugabe kommt nun am Theater Bremen heraus: das Stück "Aber sicher!", inszeniert von dem jungen Hausregisseur Alexander Riemenschneider, geboren 1981.

Dass die Uraufführung in Bremen über die Bühne geht, in der Theaterprovinz, liegt an den guten Kontakten des Bremer Chefdramaturgen Benjamin von Blomberg. Gemeinsam mit dem Regisseur Nicolas Stemann hat er wiederholt Jelinek-Texte uraufgeführt, zuletzt "Die Kontrakte des Kaufmanns" in Köln und Hamburg. Den Text über die wildgewordenen Märkte schrieb Jelinek wie wild weiter, auch als die Proben längst liefen, schrieb weiter und weiter, auch als die Uraufführung schon stattgefunden hatte, so dass das Team die Inszenierung von Abend zu Abend veränderte. Krisentheater im Wettlauf mit der Krise.

"Aus dieser Maschine heraus sind auch die Texte entstanden, die wir nun in Bremen inszenieren", sagt Regisseur Riemenschneider. Zunächst hatte er es nur mit zwei Teilen zu tun, die in Köln und Hamburg nicht zum Zuge gekommen waren, doch im Oktober lieferte Jelinek einen weiteren Teil und im Januar noch einen. "Ich hoffe, dass bis zur Premiere nun nichts Neues mehr kommt, sonst müssten wir es zunächst einfach ablesen", sagt er.

Jelinek ist eine blinde Seherin

Der Text ist ein typischer Jelinek-Text: kein Theaterstück im klassischen Sinne, sondern ein Textstrom ohne Figuren und ohne Handlung, vollgestopft mit Wiederholungen und Wortspielen und assoziativen Analogien. "Ein Viertel der Anspielungen, die in dem Text stecken, habe ich selbst noch nicht verstanden", sagt Riemenschneider, "aber es geht auch nicht um ein Verstehen Wort für Wort. Der Text ist eine Massage des Unterbewusstseins."

Die Abwasserkanäle, die Kommunen beim Cross-Border-Leasing verscherbelten, schließt Jelinek kurz mit dem Kanal, in den 1919 die Leiche der ermordeten Rosa Luxemburg geworfen wurde; die Schulden, die Banken weiterverkauft haben, mit der Schuld vorheriger Generationen, an die Ödipus schicksalhaft gefesselt ist; die unfehlbaren Vorhersagen des blinden Sehers Teiresias, den Ödipus verspottete, mit ihrem eigenen Schreiben, das von der weltweiten Krisenbewältigung widerlegt zu sein scheint.

Jelinek spielt auf den US-Versicherungsriesen AIG an, den der Staat einst mit einem milliardenteuren Aktienkauf retten musste - wofür er nach Wiederverkauf der Aktien mit einem mächtigen Gewinn belohnt wurde. Ausgehend davon kalauert die öffentlichkeitsscheue Autorin: "Alles, was ich je getan habe, geschrieben, ist ganz anders ausgegangen, vielleicht weil ich nie ausgehe?" Der gerettete Riese "kommt schon zurück auf seinen wohl tönernen, nein, wohltönenden Füßen". Keine Frage: Die Katastrophe ist, zumindest in den Augen Jelineks, dass die Katastrophe sich nicht ereignet hat. Wieso nicht, das versteht sie selbst nicht: "Vielleicht sollte ich auf meiner eigenen Spur zurückgehen bis dorthin, von wo ich in die Irre gegangen bin, aber die Spur fehlt, die fehlt mir so, die liebe Spur, auch sie ist einsam, denn ich hab sie verloren, sie geht mir so ab, daher kann ich nicht abgehen. Ich kann jetzt nicht abgehen."

Man muss kein antiker Seher sein, um zu prognostizieren: Die Uraufführung in Bremen wird nicht Jelineks letzter Auftritt im Krisentheater sein.


Aber sicher!. Öffentliche Probe am 13. März, Uraufführung am 14. März, weitere Vorstellungen am 16. März sowie am 6., 10., 19., 21. und 25. April, Theater Bremen, Kleines Haus, Kartentelefon 0421/365 33 33.

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1.
kay_ro 13.03.2013
Zitat von sysopWie antwortet das Theater auf die wild gewordenen Märkte? Mit einer wild gewordenen Autorin: Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek setzt dem Finanzkrisen-Tsunami schon seit längerem einen Text-Tsunami entgegen. Ihr neuester Wortschwall wird nun in Bremen uraufgeführt. Aber sicher! von Elfriede Jelinek: Uraufführung am Theater Bremen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/aber-sicher-von-elfriede-jelinek-urauffuehrung-am-theater-bremen-a-888408.html)
"Ein Viertel der Anspielungen, die in dem Text stecken, habe ich selbst noch nicht verstanden", sagt Riemenschneider, "aber es geht auch nicht um ein Verstehen Wort für Wort. Der Text ist eine Massage des Unterbewusstseins." Ach so, Klar. Dann lass ich mich eben einfach volllabbern. Verstehen ist optional. Wichtig ist, das die subventionierten Kulturmacher ihren Tätigkeitsnachweis abgeliefert haben. Warum es nicht auch Stücke geben kann, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen und die von Regie und Publikum verstanden werden, wäre auch mal einen Artikel wert.
2. Neoliberaler Verriß
hh4 13.03.2013
von einem neoliberalen Autor in einem neoliberalen Organ.
3. Wer Talent hat, macht was draus
taleweaver 13.03.2013
Andere Leute, die gut mit Wortspielen sind, werden Comedians. Bei Frau Jelinek ist es halt die Theaterbühne statt der Kabarettbühne. Vielleicht, weil das als die höhere Kunst gilt, vielleicht auch deswegen, weil man auf der Theaterbühne dem Publikum nicht gefallen muss, um erfolgreich zu sein.
4. Traumhaft
denkmal! 13.03.2013
Traumhaft! Endlich ein explodierender Schreibvulkan. Schrei-Vulkan... Möge SIE der Aufschrei(b) sein, den wir brauchen!
5.
marty_gi 13.03.2013
Zitat von taleweaver... weil man auf der Theaterbühne dem Publikum nicht gefallen muss, um erfolgreich zu sein.
Doch, sollte man schon, wenn man nicht fremd-finanziert und unterstuetzt wird. Leider ist der staatliche (und aus Laendern und Kommunen) bezuschusste Kulturbetrieb aber durch solch Abgehobenheit Meilenweit von denen entfernt, die die Zuschussgelder erst mal in die Staatskassen bringen muessen. Sodass fuer die, die wirklich verstaendliches und ankommendes Theater machen, kein Geld mehr uebrig bleibt - und sie somit zu wirklichem Erfolg verdammt sind. Wenn Sie nicht anbiederungswuerdiges Theater auf Fernseh-Unterhaltungs-Niveau bringen wollen.
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