Aberkennung des Welterbe-Titels: Faustrecht und Barock

Morddrohungen gegen Architekten, Disneyland-Architektur und Politiker, die sich der Autofahrer-Lobby unterwerfen: Ursache für das Dresdner Brückendebakel ist das Klima der Stadt: Kulturbigotterie und Kulturlosigkeit liegen eng beieinander. Ein Kommentar von Steffen Winter, Dresden.

So sieht kein Welterbe aus. Nicht mal in Burkina Faso. Haushohe Spundwände schneiden sich seit Monaten in die Dresdner Elbaue, Baufahrzeuge aller Art buddeln sich durch unberührte Natur. Das Areal am Waldschlösschen sieht aus, als wolle die Stadt ihr Parkproblem mit einer gigantischen Tiefgarage direkt neben der Elbe beheben. Schon beim Anblick auf die in Bau befindlichen Zufahrtsstraßen packt den ahnungslosen Dresden-Reisenden inzwischen das kalte Grausen. Und dabei ist die 600 Meter lange, vierspurige und millionenschwere Brücke noch gar nicht gebaut.

Dass die Unesco Dresden den Welterbetitel aberkannt hat, kann niemanden ernsthaft verwundern, der in jüngster Zeit einmal vor Ort war. Das Elbtal gleicht in einem entscheidenden Abschnitt inzwischen einer Mondlandschaft. Die Sachsen haben auf den Erbetitel gepfiffen, sie haben die Weltgemeinschaft mit ihrer Provinzialität, Randständigkeit und Bauwut verhöhnt. Und sind, in Teilen, auch noch stolz darauf, es denen da oben mal wieder ordentlich gezeigt zu haben.

Ausgerechnet Dresden. Eine Stadt, die an ihrer Kulturbeflissenheit zeitweise fast erstickt. Wo möglichst noch das Klohäuschen wieder in Barock erstrahlen soll. Wo die Menschen die Frauenkirche originalgetreu wieder aufbauten. Den Platz darum zwanghaft so gestalten, wie er vor den Bombenangriffen im Februar 1945 einmal war. Heute sieht der Neumarkt aus wie Disneyland. Es gibt namhafte Architekten in dieser Stadt, die Morddrohungen erhielten, weil sie die Innenstadt mit moderner Architektur auflockern wollten. In Dresden toben extreme Kulturkämpfe - und eigentlich gewinnen immer die Bewahrer.

Nur nicht, wenn es um die Elbaue und die Waldschlösschenbrücke geht.

Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man vor allem den Dresdner Autofahrer kennen, dem Kultur am Steuer weitgehend fremd ist. In dieser Stadt werden Radfahrer geschnitten, Fußgänger zum Sprint über die Straße gezwungen, das gute alte Reißverschlussprinzip gern mal dem Faustrecht geopfert. Das Repertoire an obszönen Gesten ist in der feinen Barockstadt schier unermesslich. Der gemeine Fahrzeugführer ist hier vor allem eines: aggressiv und chronisch genervt.

Das passt zwar nicht zur Legende vom gemütlichen Sachsen, ist aber vor allem hausgemacht. Mit 27 Kilometern pro Stunde zottelt der Verkehr im Durchschnitt durch die meist verstopfte Metropole. Grüne Wellen erhofft man vergeblich. Ein Taxifahrer hat im Selbstversuch herausgefunden, dass er auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt nur dann alle Ampeln bei grün erwischt, wenn er im Schnitt 100 fährt. In Dresden, immerhin Sitz einer verkehrswissenschaftlichen Fakultät, sind Straßenbahnschienen teilweise derart planlos durch die Stadt gelegt, dass an jeder Haltestelle der gesamte Verkehr zum Erliegen kommt. Deshalb wird hier um jeden Meter gekämpft. Wer bremst, hat verloren.

Da galt eine neue Brücke natürlich als Wundermittel. Als Bypass quasi, der den drohenden Infarkt verhindert. Pläne dafür hatten die Dresdner seit Generationen. Seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 sollten alte Fährverbindungen durch Brücken ersetzt werden, schon 1900 gab es eine Bürgerinitiative. 1988 beschließt die DDR endlich den Bau einer Elbquerung an dieser Stelle, dann geht sie unter.

Im Jahr 2000 gibt es einen Spatenstich für die Brücke, später rückte der Stadtrat von dem Projekt ab. 13 Millionen Euro kosteten allein die Planungen. Bis es im Februar 2005 zu dem alles entscheidenden Bürgerentscheid pro Brücke kam. 67,9 Prozent der Dresdner stimmten für den Bau. ADAC, CDU und Liberale hatten mächtig getrommelt für das Bauwerk. Hatten die genervten Autofahrer mit teils schlichten Parolen motiviert, obwohl es immer strittig war, ob die Querung tatsächlich die versprochene Entlastung auf den Hauptstrecken bringt.

Dass die Brücke den Titel als Welterbe kosten könnte, wussten die Menschen bei der Abstimmung nicht. Das ist der große Makel des Urnengangs. So lag die Beteiligung am Entscheid nur bei knapp 50 Prozent, viele heutige Gegner blieben zu Hause. Letztendlich hat eine Minderheit den Bau durchgesetzt - ein neues Bürgerbegehren, von vielen nach dem ersten vernichtenden Statement der Unesco gefordert, war rechtlich unmöglich. Der Bau eines Tunnels, als einzige Alternative zur Aberkennung, politisch und juristisch nicht durchsetzbar.

Nun müssen die Dresdner ohne Titel und mit Brücke leben. Ihre Arroganz könnte sich am Ende rächen. Bisher kamen die Touristen von allein und in Strömen. Wollten die Frauenkirche sehen, das Grüne Gewölbe, das Stadtschloss. Doch vieles hat sich inzwischen relativiert. An der Frauenkirche brauchen Touristen kaum noch anstehen, um hinein zu kommen. Die Besucherzahlen in der Stadt gehen zurück. Das neue Negativ-Image könnte den Trend verstärken.

In der Stadt gehen unterdessen die Grabenkämpfe weiter. Ausgerechnet den Brückengegnern wird nun vorgeworfen, sie seien für die Aberkennung verantwortlich. Erst ihr Protest habe die Unesco auf das Bauwerk aufmerksam gemacht. Umweltverbände versuchen weiterhin, die Elbquerung mit juristischen Mitteln zu stoppen. Und die Oberbürgermeisterin träumt schon von einem neuen Antrag auf Aufnahme in die Welterbeliste. Wenn die Brücke fertig ist: 2011.

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