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Abgekratzt: Straßenreinigung beseitigt Documenta-Kunstwerk

Mit moderner Kunst ist das so eine Sache: Nicht jeder erkennt sie auf Anhieb. Auf der Documenta durchkreuzte die Kasseler Straßenreinigung die Pläne einer Aktionskünstlerin, auf Machtstrukturen hinzuweisen - und kratzte ihre Arbeit von der Straße.

Kassel - Schon vor der offiziellen Eröffnung der zwölften Documenta am kommenden Samstag in Kassel ist ein Kunstwerk im Abfall gelandet. Die chilenische Aktionskünstlerin Lotty Rosenfeld, offizielle Teilnehmerin der Ausstellung, hatte Fahrbahnmarkierungen mit weißem Klebestreifen in Kreuze verwandelt und damit "zum Aufspüren unterschwelliger Formen von Macht und Kontrolle" beitragen wollen.

Kassels Stadtreinigung jedoch erkannte in den Kreuzen lediglich eine Verkehrsgefährdung und entfernte die Klebebänder. Die 1943 geborene Chilenin zeigte sich am Nachmittag entsetzt: "Ich bin persönlich wirklich verletzt. Es ist ein Akt der Gewalt und ich fühle mich missachtet", sagte Rosenfeld der Deutschen Presse- Agentur in Kassel

In einem anderen Interview sagte sich: "Ich habe schon gedacht, dass die Kreuze 14 Tage halten." Rosenfeld beteuerte, mit ihrer Aktion, die sie bereits Ende 1979 auf einer Ausfallstraße von Santiago de Chile als Protest gegen das Pinochet-Regime praktizierte und die auf einem in Kassel gezeigten Video dokumentiert ist, wolle sie niemandem "wehtun".

Hans-Jürgen Schweinsberg, Pressesprecher der Stadt Kassel, äußerte sich gelassen zu dem Vorfall: "Immerhin hat Frau Rosenfeld ja damit eine Reaktion erreicht, die ihrer Aktion auch die gewünschte Beachtung vermittelt."

Fast immer werden die Eingriffe Rosenfelds von den Behörden umgehend wieder rückgängig gemacht. Dass das auch in Kassel geschehen ist, wundert die Macher der Documenta nicht. "Es geht nicht darum, diesen Akt der Korrektur zu provozieren", sagte Pressesprecherin Catrin Seefranz. "Aber selbstverständlich gilt auch hier die Straßenverkehrsordnung."

Ob es während der documenta zu weiteren Zusammenstößen zwischen der Künstlerin und dem Straßenverkehrsamt kommen wird, ist offen. "Lotty Rosenfeld ist eine autonome Künstlerin und kann jederzeit ihre Aktionen realisieren", sagte Seefranz. "Aber vorprogrammiert ist da nichts."

Im Documenta-Katalog wird die Arbeit der Aktionskünstlerin, die schon am Berliner Checkpoint Charlie Kreuze aufgestellt hatte, um damit "deutsch-deutsche Kreuzungen zu symbolisieren", so beschrieben: "Im Verlauf ihres Werks wird Rosenfeld konsequent an Grenzübergänge und Orte der Macht gehen und deren Ordnung durchkreuzen. Diese gibt es auch in Kassel."

hoc/AP/ddp

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