Abgesetzte Oper Weltweites Kopfschütteln über Berliner Selbstzensur

Die Kunst hat sich dem Terror gebeugt: Die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" in Berlin wird weltweit mit ungläubigem Erstaunen verfolgt. Der Wiener "Standard" spricht von einem "Dammbruch", die "New York Times" von einem "Meilenstein der anderen Art".


Hamburg/Berlin - So etwas hat es in der deutschen Kunstszene noch nie gegeben: Eine Intendantin einer Oper erhält eine diffuse Sicherheitswarnung - und kippt daraufhin das Stück aus dem Programm.

Das Landeskriminalamt hatte Kirsten Harms vor möglichen Risken durch die Aufführung der Mozart-Oper "Idomeneo" gewarnt, Harms sagte daraufhin die Aufführung ab - aus Furcht um Leib und Leben. Berliner Politiker kritisieren ihre Entscheidung als "unerträglich" und "fatal", Kanzlerin Merkel erklärte: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen. Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich."

Weltweit wird die Absetzung mit Kopfschütteln und Empörung verfolgt: Der "Standard" aus Österreich verurteilt die Entscheidung der Oper als "äußerst bedenklichen Dammbruch. Noch nie hat es in der deutschen Kunst und Kultur einen derart vorauseilenden Gehorsam gegeben". So kurz vor der Islamkonferenz heute in Berlin sei die Absetzung besonders heikel: "Selten hat es (wenn auch unfreiwillig) eine derart groteske Ouvertüre zu einer politischen Veranstaltung im Nachbarland gegeben." Wenn man bei dem Beschluss Ursache und Wirkung abgleiche, könne man "nur zum Schluss kommen: Osama Bin Laden muss der Berliner Oper sein persönliches Erscheinen angedroht haben, sollten die Berliner weiterhin die Mozart-Oper spielen und den abgeschlagenen Kopf des Propheten Mohammed zeigen". Das sei aber "mitnichten" der Fall: "Es war ganz anders und harmloser: Das Opernhaus stützt sich auf eine 'allgemeine Gefahrenanalyse', eine konkrete Bedrohung gibt es nicht." Daher sei die Absetzung "nicht einfach ein besonders origineller Beitrag zum Mozartjahr 2006".

"Jetzt hat die Selbstzensur Idomeneo dahingerafft"

Viele Medien sehen Harms' Entscheidung in Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit und der umstrittenen Papst-Rede, auch die italienische Zeitung "La Repubblica": "Wenige Tage nach dem Streit über die Papst-Rede zur Beziehung mit den Muslimen teilt eine neue Polemik Deutschland." Ausgerechnet während der ersten Konferenz in einem europäischen Land über das Zusammenleben mit dem Islam werde Mozart "zensiert - aus Angst, den Islam zu beleidigen". Stattdessen würden "Die Hochzeit des Figaro" und "La Traviata" aufgeführt. Während Deutschland Schiffe und Soldaten vor Libanons Küste schicke, wachse die Angst vor Attentaten: "Vergangene Woche sind Drohungen der Hisbollah ohne Antwort geblieben. Jetzt hat die Selbstzensur Idomeneo dahingerafft."

"La Stampa" fragt: "Handelt es sich hier um Angst vor islamischen Racheakten, um eine Folge der Mohammed-Karikaturen oder der Proteste, die nach Ratzingers Worten entbrannt sind?" Klar sei, "dass es solch eine Entscheidung noch nie gab". Deutschland sei geteilt zwischen jenen, die "den Papst verteidigt haben, und jenen, die tief im Herzen die Reaktionen der starken islamischen Präsenz in der Bundesrepublik fürchten - obwohl sie auf die Freiheit pochen".

"Mozarts Librettos haben nie Islamisten auf den Plan gerufen"

Grundsätzlich wird Harms' Entscheidung als Einknicken der Kultur vor der Gefahr des islamistischen Terrors eingeordnet. Die "Neue Zürcher Zeitung" nennt die Absetzung "überängstlich", der österreichische "Kurier" titelt: "Kopflos vor dem Islamismus", und die britische "Times": "Opernführung zensiert Mozart".

Die "New York Times" äußert die Befürchtung, die Absetzung von "Idomeneo" "könnte zu einem Meilenstein der anderen Art werden". Die Zeitung zitiert als Kronzeugen den Opernregisseur Nikolaus Lehnhoff mit dem Satz, er habe so etwas wie die Absetzung "noch nie gehört, nicht einmal etwas Ähnliches". Er habe schon viele politisch anstößige Aufführungen in Berlin gesehen, und offensichtlich habe die Reaktion auf die Papst-Rede die Kulturszene sensibilisiert.

Die "Los Angeles Times" spottet: "Mozart hat grandiose Dirigenten und abstrakte Inszenierungen überlebt - aber die Librettos für seine Opern haben noch nie Islamisten auf den Plan gerufen, eine empfindliche Theaterleitung zu bedrohen." Berlin habe einen Tag voll "chaotischem Drama und hitziger Debatte über die freie Meinungsäußerung" erlebt. In diese Richtung schlägt auch die "Washington Post" in ihrem Bericht: Sie verweist eigens auf die "starke Tradition der freien Rede" in Deutschland, die sich als Reaktion auf die Zensur im Hitler-Regime entwickelt habe - und merkt an, dass die Nazis 1933 die Kontrolle in der Deutschen Oper übernommen hatten. Propagandaminister Joseph Goebbels habe damals den Spielplan überwacht - und Adolf Hitler einen Ehrenplatz gehabt.



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