Ablenkungsmanöver Wenn Gedichte zu "Fake News" werden

Dass unsere Welt voll des Streits ist, ist nicht schlimm. Schwerer wiegt, dass wir um das Falsche streiten - unsere Aufmerksamkeit sollte auf die wichtigen Dinge gelenkt werden.

Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule
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Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule

Eine Kolumne von


Regression ist das Verfallsmoment einer freiheitlichen Ordnung, die sich ihrer eigenen Prämissen nicht mehr sicher ist. Gefährlich ist Regression deshalb, weil an die Stelle etwa von Rationalität, Geduld und Genauigkeit, die alle notwendig sind für den demokratischen Prozess, andere Faktoren treten wie Hektik, Hysterie und Gedankenlosigkeit.

Donald Trump ist natürlich ein Über-Charakter der Regression, ihm ging es in seiner Kommunikation auf Twitter nie um Richtig und Falsch, um Wahrheit oder Lüge, ihm geht es allein um die Lautstärke und das, was Tim Wu in seinem Buch "The Attention Merchants" als den Kampf um den "brutal beschränkten Rohstoff unserer Aufmerksamkeit" beschrieben hat.

Good news, bad news, Lob, Kritik, Informationen, all das spielt bei dieser Art der Kommunikation keine Rolle mehr. Hauptsache, die Leute hören hin. Pay attention. Die Bürgerinnen und Bürger werden zu Kunden und bezahlen mit ihrer Aufmerksamkeit, und das, sagte Trump in seinem Buch "The Art of the Deal" schon 1987, "bringt direkt eine Wertsteigerung".

Das alles verändert das Wesen der Politik, wo Argumente immer schwieriger durchdringen und die Unterschiede verwischen zwischen dem, was wichtig ist und was nicht. Es verändert aber auch das Wesen der demokratischen Öffentlichkeit durch die Medien, die sich dem Automatismus der Aufmerksamkeit ergeben und Kleinigkeiten groß machen und das Große gern übersehen.

Wie hechelnde Hunde

Mit jedem "Sad!" oder "Fake news", das Trump twittert, lenkt er ab von dem, was wirklich wichtig wäre - so war das etwa beim Wirbelsturm, der Puerto Rico verwüstete und eine desaströse Katastrophenpolitik Trumps offenbarte, der wiederum aber die Aufmerksamkeit vom einen Thema leicht in Erregung über ein anderes umlenkte, indem er einfach mal wieder ein paar Footballspieler dafür beschimpfte, dass sie schwarz sind und in Würde leben wollen.

Was er damit aushebelt, ist die Öffentlichkeit als Ort der demokratischen Willensbildung. Es kann ihm aber nur gelingen, weil die Medien entweder ratlos sind, wie sie damit umgehen sollen, dass sie täglich wie hechelnde Hunde warten, in welche Richtung der Ball von Trump geworfen wird; oder eben, weil sie aus eigenem Interesse mitspielen und direkt davon profitieren.

Es ist eine infektiöse Ungenauigkeit, die sich dabei ausbreitet und fast alles durchdringt. Aufmerksamkeit ist die Börse, an der spekuliert wird, und Erregung die Währung, in der bezahlt wird. Je größer die Probleme wirken, im globalen oder regionalen Maßstab, desto kleiner werden die Themen, die Beachtung finden. Das ist bei Trump so im Format XXL, das ist aber auch in Deutschland so, allerdings eher im Format XS.

Flucht vor der Wirklichkeit

Von den Sondierungsgesprächen etwa, wo es ja um die Frage gehen könnte, wie eine Gesellschaft unter den Bedingungen der vierten industriellen Revolution aussehen könnte und wie überhaupt das Überleben der Spezies gesichert werden kann in einer Welt, die gerade eine epochale Phase des Artensterbens durchläuft - wird kaum etwas bleiben als das Gezeter um den - notwendigen, selbstverständlichen, integrationsrelevanten - Familiennachzug für Flüchtlinge.

Es ist eine Flucht vor der Wirklichkeit, die man da beobachten kann, aber sie ist eben weit verbreitet in einer Zeit, in der sich viele von der Wirklichkeit fast unsittlich bedrängt fühlen. Lieber also, als über die Themen zu streiten, auf die es ankommt, sucht man sich kleine, symbolische Themen, bei denen man leicht die Lautstärke erhöhen kann. Von Verstehen zu Verdammen ist es dabei meistens ein kleiner Schritt, statt Hermeneutik betreibt man Hysterisierung.

Und nur deshalb auch lohnt es sich nochmal, über den Nicht-Skandal der vergangenen Woche zu reden, der das deutsche Feuilleton in fast schon Trumpscher Verblendetheit beschäftigt - ein Streit angeblich um die Kunstfreiheit, bei dem es gar nicht um die Kunstfreiheit ging.

Denn die war gar nicht gefährdet durch die Entscheidung der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, ein Gedicht von Eugen Gomringer zu übermalen, das eine Außenwand der Hochschule schmückte und von einigen Studierenden als sexistisch empfunden wurde.

Warum all die Aufregung?

Abgesehen von der Frage, ob die Hochschule nicht alles Recht hat, ihre Fassade so zu gestalten, wie sie will, und diese Entscheidung dann auch zu revidieren, gibt es weder ein Berufsverbot des Dichters Gomringer, noch wurde sein Buch verboten oder gar das Gedicht; das Werk, das ja nie als Wandschmuck gedacht war, bleibt also intakt.

Und was die Wirkung betrifft, wer hätte gedacht, dass dieses Gedicht mal diese Art von Ruhm haben würde und eine Leserschaft von vielen Millionen?

Warum also all die Aufregung? Ganz einfach: Weil der Streit gewollt ist. Er ist inszeniert, und manche, die dabei mitmachen, merken vielleicht gar nicht, dass sie Teil eines Prozesses fortschreitender Infantilisierung sind und eines um sich greifenden Irrationalismus, der aber eben auf Seiten der lyrischen Schutztruppen zu sehen ist und nicht auf Seiten der sexistisch Empfindlichen.

Die Motive, die hinter dieser Inszenierung stecken, sind komplex und wohl nicht vollständig abbildbar, sie reichen vom Unbehagen an der MeToo-Debatte über die generelle Lust an Clash-of-Civilisations-Randalen bis zu jener mal bewussten, mal unbewussten Flucht vor der Wirklichkeit, die eben schwerer zu beherrschen ist als der Streit um das Gomringer-Gedicht.

Angriff auf die Kunstfreiheit

Denn es gibt ja echte Konflikte. Was ist etwa, wenn sich eine Partei wie die AfD anmaßt, darüber zu richten, was Kunst ist und was nicht - und vor allem im Bundestag aktiv daran arbeitet, einer Kunst, die sich kritisch mit ihr oder einzelnen Vertretern der Partei auseinandersetzt, die Grundlage zu entziehen?

Das ist die Politik der AfD zum Beispiel gegenüber dem Zentrum für Politische Schönheit, die Björn Höcke sein eigenes Holocaust-Mahnmal spendiert hatte. Und das ist erst der Anfang. Hier, von dieser Seite, findet der aktuell wirkungsvollste und wichtigste Angriff auf die Kunstfreiheit und überhaupt die freiheitlichen Rechte unserer Gesellschaft statt - sollten die Verteidiger der Kunstfreiheit ihren Platz nicht lieber dazu nutzen, um das zu kritisieren und Stellung zu nehmen, wenn ein Vertreter der AfD davon spricht, den Kulturbetrieb zu "entsiffen"?

Aber dann müsste man natürlich eine Haltung haben zur Kunst, die über die Sympathie für ein leicht verständliches Gedicht hinausgeht und das Engagement für eine eh schon gewonnene Sache. Dann müsste man Kriterien haben und nachdenken. Dann müsste man erkennen, dass der Satz "Das ist doch gar keine Kunst" so etwas wie eine Chiffre geworden ist für den gebildeten Verächter der Kunstfreiheit.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
tempus fugit 04.02.2018
1. guter Artikel,...
....Fakten, Wahrheit und Objektivität (und damit das indiviuelle Denken und Analysieren) sollen abgeschafft werden. Und dann wird die 'BrutalSau' rausgelassen - dks. für ds. Kolumne!
pekaef 04.02.2018
2. Infantilisierung allerseits
"Teil eines Prozesses fortschreitender Infantilisierung [sind] und eines um sich greifenden Irrationalismus, der aber eben auf Seiten der lyrischen Schutztruppen zu sehen ist und nicht auf Seiten der sexistisch Empfindlichen." Mit Verlaub, ich bin der Ansicht, die Uni kann mit ihrer Fassade machen, was sie will. Aber wer dieses Gedicht als sexistisch betrachtet, unterliegt genau dem "Prozess fortschreitender Infantilisierung", den Sie beschreiben. Oder anders gesagt: Gibt es für einen AStA wirklich nichts Wichtigeres in der real existierenden studentischen Welt, als auf ein so harmloses Gedicht einzuschlagen?
müllers 04.02.2018
3. Gratuliere
"Er ist inszeniert, und manche, die dabei mitmachen, merken vielleicht gar nicht, dass sie Teil eines Prozesses fortschreitender Infantilisierung sind und eines um sich greifenden Irrationalismus, der aber eben auf Seiten der lyrischen Schutztruppen zu sehen ist und nicht auf Seiten der sexistisch Empfindlichen." Nun hat sich Dietz endgültig auf die Seite der Verschwörungstheoretiker begeben. Meinen Glückwunsch!
spon-facebook-10000042488 04.02.2018
4.
>> sollten die Verteidiger der Kunstfreiheit ihren Platz nicht lieber dazu nutzen, um das zu kritisieren und Stellung zu nehmen, wenn ein Vertreter der AfD davon spricht, den Kulturbetrieb zu "entsiffen"?
Erwin S. 04.02.2018
5.
"Mit Verlaub, ich bin der Ansicht, die Uni kann mit ihrer Fassade machen, was sie will." Die Fachhochschule bzw. deren Gremien dürfen genau das machen, was dass Berliner Hochschulgesetz zulässt.
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