"Abriss-Atlas" Berlin Danke, das kann weg

Kanzleramt, Siegessäule, Shoppingmall: Berliner Architekten präsentieren im "Abriss-Atlas" 50 Bauwerke, die sie gern loswerden wollen. Hier eine Auswahl.

Von Torsten Landsberg

Mitte /Rand Verlag

Die zehn Zentimeter Neuschnee sind längst unter den Füßen Tausender Besucher geschmolzen. Vor dem Alexa, einer der größten Shoppingmalls in Berlin, wird zwischen den Jahren fortgesetzt, womit man zu Weihnachten aufgehört hat: Die Leute strömen zum Einkaufen.

Das Ambiente draußen ist dabei zweitrangig, denn selbst die weißeste Pracht könnte diesen unwirtlichen Ort kaum aufhübschen: Über das Erscheinungsbild des rosafarbenen Klotzes gibt es seit seiner Eröffnung 2007 geteilte Meinungen. Stephan Burkoff findet, das Alexa bringe "die Hässlichkeit des Alexanderplatzes auf den Punkt", alles an ihm "beleidigt Auge und Intellekt".

Burkoff ist Architekturjournalist, Herausgeber und einer der zehn Autoren des "Abriss-Atlas Berlin". Rund 50 abrisswürdige Bauwerke umfasst das Pamphlet über die Architektur Berlins. Burkoffs Co-Herausgeberin Jeanette Kunsmann, selbst Architektin, erzählt, sie habe bei einem Spaziergang durch Berlin-Mitte vor einem Wohnhaus gedacht: Das muss weg. So entstand die Idee zum Buch.

Viele Orte, an denen die Autoren ihre imaginären Abrissbirnen schwingen, sind konsensfähig: der zugige Potsdamer Platz mit seinen kühlen Glasfassaden oder die O2 World samt der Forderung, sie ab- und in Brandenburg wieder aufzubauen. Mit dem Brandenburger Tor oder dem Berliner Dom - der "peinlichste Nouveaux-Riches-Bau", den die ohnehin angeberische Kaiserzeit hervorgebracht habe - komplettieren auch traditionelle Bauten das Buch.

Wem gehören Berlins Brachflächen?

Bei aller Ironie und Provokation geht es im "Abriss-Atlas" um einen Diskurs über den städtischen Raum, seine Nutzung und die Frage, wer Anspruch auf ihn hat: Arme oder Reiche, Investoren oder Bürger, Eingesessene oder Zugezogene? "Jeder sollte die Möglichkeit haben, dort zu wohnen, wo er möchte", sagt Stephan Burkoff. Eine Idealvorstellung von gesellschaftlicher und sozialer Durchmischung. Eine Utopie.

Vor einigen Jahren gab es in Berlin einen Brachflächenatlas, beliebt etwa bei Architekturstudenten, die sich dort potenzielle Baulücken für ihre Entwürfe suchten. Der "Abriss-Atlas" ist so etwas wie der Gegenentwurf. Berlins Brachen galten lange als Symbol des Kreativen: Flächen, die man sich einfach nimmt und temporär nutzt, für Kunst oder Urban Gardening. Diese Brachen werden heute romantisch glorifiziert, auch weil ihre Zahl dramatisch sinkt. Wenn in einer so großen Stadt wie Berlin alle Zuzügler nur innerhalb eines begrenzten Gebietes wohnen wollen, sind Brachflächen ein Luxus, der schlecht zu rechtfertigen ist.

Den Herausgebern geht es dann auch weniger um den tatsächlichen Erhalt der Brachen als um ihre künftige Nutzung. "Wir sagen nicht: Es soll alles bleiben, wie es ist", erläutert Stephan Burkoff, "aber die Entwicklung muss kontrolliert werden." Baugenehmigungen müssten vermehrt an sozialgesellschaftliche Bedingungen geknüpft werden, ergänzt Jeanette Kunsmann.

Investorenarchitektur aus dem Katalog

Die Realität sieht anders aus, die Herausgeber bezeichnen sie als "Investorenarchitektur": Maximale Ausnutzung der Fläche, weil sich die Investition sonst nicht rechnet. Gestaltung, die sich am Geschmack zahlungskräftiger Klientel statt am Stadtbild orientiert. Ein bisschen langweilig, austauschbar. Ins Buch geschafft hat es auch das Wohnhaus einer privaten Baugruppe in Kreuzberg. Das Ergebnis sehe aus "wie Investorenarchitektur aus dem Katalog". Die Aussage: Selbst wer frei entscheiden kann, wählt das, was er woanders schon mal gesehen hat.

Mit dieser konsumgetriebenen Architektur geht der Atlas hart ins Gericht: Er empfiehlt zynisch, eine umzäunte Luxuswohnanlage in Prenzlauer Berg als Auffanglager für syrische Flüchtlinge umzunutzen - Mauern und Sicherheitsanlagen seien schließlich vorhanden. Über dem Eintrag zum Yoo Berlin, einem mit Interieur vom Pariser Designer Philippe Starck eingerichteten Luxuswohnquartier samt Hotel gegenüber dem Berliner Ensemble, steht: "Zombifizierung".

Den Erwerbern sei diese Gleichförmigkeit im Zweifel egal, sagt Stephan Burkoff: "Auf dem Immobilienmarkt funktioniert es inzwischen wie mit einer Kunstsammlung." Solvente Interessenten kauften Immobilien auch ohne Bedarf für eine absehbare Nutzung - in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung. Die Folge sind Straßenzüge in Mitte oder Prenzlauer Berg, in denen abends in kaum einem Fenster Licht brennt.

Weitere Städte sollen folgen

Die Motivation hinter Shoppingmalls ist ähnlich: Nur drei Jahre nach seiner Eröffnung wurde das Alexa gewinnbringend verkauft, hässlich hin oder her. Jeanette Kunsmann spricht von den Zielgruppenanalysen, die Immobilienentwickler für solche Projekte entwerfen: Die Ästhetik ist nachrangig, eine gute S-Bahn-Anbindung dagegen unverzichtbar.

Auch wenn sich der "Abriss-Atlas" auf Berlin beschränkt, geht es im Kern um Trends, die auch andernorts aktuell sind: Die Enge in den Innenstädten, die Uniformität der Fußgängerzonen mit ihren identischen Bekleidungsketten. Aus anderen Städten gibt es bereits Interesse an eigenen Abriss-Atlanten.

"Vor hundert Jahren sind Investoren angetreten, um etwas zu hinterlassen", sagt Stephan Burkoff. Gute Materialien und Grundrisse, langfristig funktional, mit mehr Verantwortungsgefühl für das, was entstehen sollte. "Heute ist das Denken kurzfristiger", sagt der 39-Jährige. Der entscheidende Moment jeder Gegenwartsarchitektur ist der Zeitgeist. Und eine Zeit, in der jeder mobil und flexibel sein will und muss, geschäftlich wie privat, macht eben auch die Architektur schnelllebig: Wer weiß heute schon, ob er nicht in zwei Jahren ganz woanders leben wird? Oder sein Geld am anderen Ende der Welt investieren will?

Gibt es auch in Ihrer Stadt abrisswürdige Bausünden? Schicken Sie uns Ihre Vorschläge mit knapper Begründung an SPIEGEL ONLINE. Wir veröffentlichen eine Auswahl der unbeliebtesten Gebäude.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 06.01.2015
1. Möchtegernarchitekten.
Erfolglose bringen provozierendes Blättchen raus und hoffen auf Aufträge. Dass sie bisher nicht mit besserer Architektur überzeugen konnten, fällt hoffentlich keinem auf. Gähn. Geschichtsvergessene Möchtegernavantgarde.
Olaf 06.01.2015
2.
Das Brandenburger Tor fehlt auf der Liste. Wenn schon weg mit Geschichte, dann richtig.
bill_dauterive 06.01.2015
3.
Meine Favoriten: Hauptbahnhof, Potsdamer Platz, die unsäglichen Neubauten in der Saarbrücker Strasse und die furchtbaren Townhouses die jetzt in Köpenick und Umgebung aus dem Boden schiessen.
spiegelneuronen 06.01.2015
4. Wird nie was ...
Auf alle Fälle kann ich das folgende nur bestätigen: ZITATBEGINN+++....die Herausgeber bezeichnen sie als "Investorenarchitektur": Maximale Ausnutzung der Fläche, weil sich die Investition sonst nicht rechnet. Gestaltung, die sich am Geschmack zahlungskräftiger Klientel statt am Stadtbild orientiert. Ein bisschen langweilig, austauschbar. Ins Buch geschafft hat es auch das Wohnhaus einer privaten Baugruppe in Kreuzberg. Das Ergebnis sehe aus "wie Investorenarchitektur aus dem Katalog". Die Aussage: Selbst wer frei entscheiden kann, wählt das, was er woanders schon mal gesehen hat. Mit dieser konsumgetriebenen Architektur geht der Atlas hart ins Gericht: Er empfiehlt zynisch, eine umzäunte Luxuswohnanlage in Prenzlauer Berg als Auffanglager für syrische Flüchtlinge umzunutzen - Mauern und Sicherheitsanlagen seien schließlich vorhanden. +++ZITATENDE Mit der Maueröffnung hatte Berlin eine einmalige Chance, eine Stadtmitte zu bebauen, die die vergangenen Bausünden nicht wiederholt und trotzdem Charakteristik für Berlin schafft. Heraus kam ein Potsdamer Platz mit einer durchschnittlichen Verweildauer von ca. 30 Minuten, bis der Touri-Bus weiter muss. Potenzeierte Langeweile ala 1940 New York und oh - ein Glasdach. Berlin ist die käuflichste Hure und der Senat ein Zuhälter.
Europa! 06.01.2015
5. Kleine Frage
Steht denn das Berliner Stadtschloss schon auf der Liste, dass gerade aus Beton und Zuckerguss neu hochgezogen wird? Der beste Müll ist der, der gar nicht erst gebaut wird.
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