Abschiedsheft "jetzt" zum letzten Mal "lebenswert"

"jetzt", das vielfach preisgekrönte Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung", erschien am 22. Juli 2002 zum letzten Mal. Für das Abschiedsheft hatte sich die Redaktion etwas ganz besonderes einfallen lassen. Redakteure, Fotografen, Freunde und Fans des Magazins durften noch einmal sagen, "wofür es sich zu leben lohnt".

Von Meike Werkmeister


Jugendmagazin "Jetzt": Seismograph der Jugendkultur

Jugendmagazin "Jetzt": Seismograph der Jugendkultur

"'Lebenswert' war die berühmteste 'jetzt'-Rubrik", sagt Redaktionsleiter Timm Klotzek. "Sie war auch die einzige, die es geschafft hat, neun Jahre zu überleben." Allein wegen ihr habe die Redaktion jede Woche an die 100 Leserbriefe bekommen. Zum Abschied habe man noch einmal allen, die jemals für "jetzt" gearbeitet haben, die Chance geben wollen, ein Statement abzugeben. "Wir haben uns entschieden, aus diesem letzten Heft ein einziges 'Lebenswert' zu machen, weil es am authentischsten das Lebensgefühl widerspiegelt, das 'jetzt' verkörpert hat", so Klotzek.

Die 3657 Gründe, warum es sich lohnt, zu leben, hat die "jetzt"-Redaktion vor allem auf ihrer Website gesammelt. Einige hätten aber auch ganz altmodisch eine Postkarte geschrieben, nachdem man in der Ausgabe von vergangener Woche dazu aufgerufen habe. "Bei 6000 Einträgen auf der Website haben wir aufgehört, zu zählen", erzählt Klotzek. "Wir konnten nur ungefähr die Hälfte der Einsendungen veröffentlichen." Einige Berühmtheiten tummeln sich zwischen "jetzt"-Machern und Lesern: SPD-Politiker Franz Müntefering, die Autoren Florian Illies, Benjamin von Stuckrad-Barre und Max Goldt, aber auch die deutschen HipHopper Michi Beck und Thomilla haben sich verewigt.

"jetzt" erschien 1993 zum ersten Mal und hatte von Anfang an viele Fans. Es erreichte eine Leserschaft von 230.000 jungen Menschen in ganz Deutschland. Das Magazin hatte einen hohen Anspruch an sich selbst. Es wollte mehr sein, als die Jugendbeilage einer großen Zeitung. "jetzt" wollte Seismograph der Jugendkultur sein, eigenständig und eigenwillig, intelligent und wachsam. Grundsatz war, nie populären Phänomenen nachzujagen, sondern stets neue Trends vorzustellen, schneller zu sein als andere Jugendmagazine. Das ist so manches Mal gelungen. So erschien in "jetzt" das erste Porträt der damals noch unbekannten Schauspielerin Franka Potente, und Jung-Autor Benjamin Lebert ("Crazy") wurde durch die Veröffentlichung seines Tagebuches entdeckt.

Für die Aktualität und Individualität ihres Magazins erhielten die "jetzt"-Macher immer wieder Preise - 31 allein vom "Art Directors Club" für die oft innovative Gestaltung des Heftes. Viele der jungen Leser wollen sich auch jetzt noch nicht einfach geschlagen geben. In München demonstrierten am Wochenende ein paar Hundert von ihnen gegen die Einstellung des Magazins. Auch im Internet haben sich Foren entwickelt, in denen Jugendliche den Verlust eines ihrer Sprachrohre beklagen. Seiten wie www.jetztundfürimmer.de und www.jetzt-retten.de sind eigens für "jetzt" und gegen seine Einstellung entstandene Protest-Seiten.

Die Internet-Domain von "jetzt" wird den Jugendlichen übrigens erhalten bleiben. "Sie kann und will aber kein Ersatz sein für das Heft", sagt Klotzek. Man werde demnächst zwar ein neues Konzept für jetzt.de erstellen, eins stehe jedoch fest: "Man kann das, was durch das Magazin verloren geht, nicht im Internet auffangen."



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