Theaterfestival "Radikal jung" Die Phrasen der Gewalt

Die Zukunft kann kommen! Beim Nachwuchsfestival "Radikal jung" am Münchner Volkstheater überzeugten vor allem die Inszenierungen, bei denen die Wirklichkeit mitschrieb. So wurden etwa die Verbrechen von Anders Breivik oder Mohamed Merah zu gehaltvollen Bühnenthemen.

Angerer/ Krafft

Radikal zu sein am Theater: Bedeutet das unbedingt, in Amplituden arbeiten zu müssen? Wenn ja, dann bildete Sebastian Kreyers Kölner Inszenierung der "Glasmenagerie" von Tennessee Williams einen trefflichen Abschluss des Festivals "Radikal jung"am Münchner Volkstheater. Kreyer streicht allen Muff der fünfziger Jahre aus dem Stück und knallt dem Publikum Slapstick und Hysterie so schrill und überzeichnet hin, dass die Momente der Stille, der Verstörung und der Einsamkeit sich umso stärker einschneiden können in die Struktur der Inszenierung und die Gefühle der Beobachter.

Da drängt sich gleich die nächste Frage auf: Wenn die Übertreibung sich so deutlich als Gemachtes, als Unauthentisches präsentiert, ist dann im Theater das, was in Ernst und Ruhe geschieht, wahr? Die eindrucksvollsten Produktionen, die in diesem Jahr ans Volkstheater geladen waren, glaubten jedenfalls daran. Wobei ein bisschen Tumult einer solchen Veranstaltung auch nicht schaden kann. E.ON hatte seinen Sponsoring-Vertrag auslaufen lassen, dafür war die Stadt München eingesprungen. Und den Verantwortlichen vom Haus der Kunst, von den Nazis einst erdacht als Bollwerk gegen die verhasste ästhetische Moderne, wurde angesichts der Geschichte ihrer Einrichtung allzu mulmig bei dem Gedanken, dort "Breiviks Erklärung" verlesen zu lassen - eines der Pamphlete, die der norwegische Massenmörder vor Gericht zur Rechtfertigung seiner Taten heruntergeleiert hatte.

Milo Rau, der sich mit seinem International Institute of Political Murder dem "Reenactment" verschreibt, also dem Nachstellen von Wirklichkeit, hat im vergangenen Jahr bereits die Mordaufrufe des ruandischen "Hate Radio" beim Festival zur Aufführung gebracht. Im Ausweichspielort, dem Münchner Stadtmuseum, zeigt er vollkommen entschlacktes Texttheater. Sascha Soydan liest an einem Podest, Rau sitzt hinter der statischen Kamera, angeblich soll einmal ein Film aus den Aufführungen werden.

Den Befürchtungen des Hauses der Kunst zum Trotz hat die Propagandasprache von heute, all das Geseiere über Kulturmarxismus und Islamisierung, nichts Verführerisches mehr, nichts, das an den Affekt appellierte, sondern sie präsentiert sich als eine Mischung aus Phrasendrescherei und Zahlenhuberei. So funktioniert wohl der neurechte Diskurs - als Rationalisierung des Ressentiments. Eine große Leere ist da zu spüren hinter den Statistiken, ein geschlossenes Weltbild voller argumentativer Lücken. Sicher, das ist auch wieder eine recht überhebliche Art der Distanzierung, aber nicht nur bei Rau und Soydan wurde spürbar, wie hohl und einsam es sein muss in den Echoräumen der Ideologie.

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Das Gleiche lässt sich merken in "Die Protokolle von Toulouse", von Malte C. Lachmann ursprünglich am Thalia Theater in Hamburg inszeniert. Aus dem Originalgespräch des muslimischen Polizisten Hassan und Mohamed Merah, der 2012 in Südfrankreich von seinem Motorroller aus Soldaten ermordet hat und später dann jüdische Kinder, hat Lachmann eine reduzierte, einerseits sinnliche, andererseits aber auch abstrakte Situation destilliert.

Sinnlich, weil die beiden nur über Walkie-Talkies sprechen konnten, Merah saß allein in einer Wohnung, die von der Sondereinheit RAID umstellt war. Niemals hätte er dem anderen auf die Schulter klopfen können, niemals hätten sie einander umschleichen, belauern können wie auf der Bühne, die nur aus Lampen und einem mit trashig-bunten Discoleuchten bestückten Podest besteht.

Und abstrakt, weil all das Morden, die Drohung einer Stürmung, der Aufruhr, den Merahs Taten gemacht haben, eingedampft ist in die Konversation zweier Männer, die sich auf dem teilbaren Podest immer weiter voneinander entfernen. Doch auch hier, das entlarvt die Inszenierung sehr schön, stecken die Gespräche in Phrasen fest: Das ideologisierte Gefasel von Merah sowieso, aber auch das nur scheinbar kumpelhafte Gebaren Hassans, hinter dem eine andere, institutionalisierte Gewalt lauert.

Auffällig viele Uraufführungen waren in diesem Jahr zu sehen - was nicht verwundert, wenn man die Wirklichkeit ein wenig an seinen Geschichten mitschreiben lässt - , darunter auch zwei Produktionen aus Tel Aviv, die auf sehr einfallsreiche, nachdrückliche Weise die Situation ihres Landes mit fiktiven Biografien verknüpften.

Der Publikumspreis ging aber an "demut vor deinen taten baby", ein energiegeladenes Stück von Laura Naumann über Terrorangst, Korruption und vor allem das intensive Leben und, ja: Glück. Babett Grube hat es in ihrer Bielefelder Produktion so reduziert und so stark im Vertrauen auf ihre Schauspielerinnen auf die Bühne gebracht, dass ihre Inszenierung, die von Wahrheit handelt, aber keine Wahrheit nachstellt, den Festival-Jahrgang dann doch sehr gut repräsentiert.



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