Abu Dhabi Araber planen gigantische Kunst-Museen

Louvre? Guggenheim-Museum? Bauen Sie nicht auf diese Adressen. Die Kunstwelthauptstadt heißt womöglich bald Abu Dhabi. In der arabischen Metropole sollen Star-Architekten die prestigeträchtigsten Museen der Welt errichten.

Von Heiko Klaas und Heiko Klaas


Im Jahre 1791 trugen sich zwei Ereignisse zu, die zunächst überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben schienen: Am arabischen Golf stieß der Beduinenstamm der Bani Yas auf eine Süßwasserquelle und gründete dort eine kleine Siedlung, aus der das heutige Emirat Abu Dhabi hervorging. Einige Tausend Kilometer weiter in Paris beschloss im selben Jahr die konstituierende Nationalversammlung des nachrevolutionären Frankreich per Dekret die Verstaatlichung des königlichen Kunstbesitzes, gleichzeitig verfügte man, in der großen Galerie des Louvre ein öffentliches Museum einzurichten. 216 Jahre später haben der Louvre und Abu Dhabi plötzlich sehr viel miteinander zu tun.



Wie die "New York Times" am 13. Januar 2007 unter der Überschrift "Abu Dhabi will seinen eigenen Louvre errichten" vermeldete, plant die königliche Familie von Abu Dhabi, sich gegen eine Zahlung von geschätzten 650 Millionen US-Dollar in den Pariser Louvre einzukaufen. Daraus abgeleitet werden soll der Transfer von mehreren Hundert Kunstobjekten für zunächst 20 Jahre in ein noch zu errichtendes Museum in der arabischen Metropole.

In Frankreich löste die Mitteilung zunächst einen Sturm der Entrüstung aus. Der "Wüsten-Louvre" stößt bei der Grande Nation auf wenig Gegenliebe. Kritiker befürchten gar den Ausverkauf des nationalen Erbes. Offenbar sind die Verhandlungen darüber aber noch in vollem Gange. Dem Vernehmen nach verlangen die Franzosen für diesen Deal jetzt mindestens eine Milliarde US-Dollar.

Louvre, auf Sand gebaut

Ob nun unter dem Label "Louvre Abu Dhabi" oder einem anderen zugkräftigen Namen: Gebaut werden soll weit mehr als nur ein Museum für Klassische Kunst. Abu Dhabis nationale Tourismusentwicklungsgesellschaft TDIC (Tourism Development & Investment Company) verspricht "ein Reiseziel, das so attraktiv sein soll, dass es jeder Kunst- und Kulturinteressierte in Zukunft zumindest einmal im Jahr, wenn nicht gar häufiger, aufsuchen wird." 2012 sollen die ersten Attraktionen eröffnen, bis 2018 rechnen die Bauherren mit der kompletten Fertigstellung.

Gleich vier der weltweit renommiertesten Architekten wurden von Scheich Khalifa Bin Zayed Al Nahyan, dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate und Herrscher von Abu Dhabi, beauftragt, die laut Eigenwerbung "größte Konzentration kultureller Erfahrungsräume weltweit" zu schaffen: Frank O. Gehry, Jean Nouvel, Tadao Ando und Zaha Hadid.

Auf der 27 Quadratkilometer großen, natürlichen Insel Saadiyat Island, arabisch für "Insel der Glückseligkeit", die der Hauptstadt Abu Dhabi unmittelbar vorgelagert ist, soll der Kalifornier Frank O. Gehry, Jahrgang 1929, eine weitere Filiale des Guggenheim Museums bauen. Seine Aufsehen erregenden Pläne für einen Guggenheim-Neubau an der Südspitze Manhattans waren nach dem 11. September 2001 für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt worden. Ausgleichende Gerechtigkeit: Jetzt haben es seine Computer generierten, abstrakten Formen sogar bis an den Persischen Golf geschafft.

Guggenheim, go home

Mit seiner spektakulären Architektur aus gestauchten und ineinander geschobenen Quadern, Prismen, Kegeln und Zylindern und einer Gesamtfläche von fast 30.000 Quadratmetern dürfte das Guggenheim Abu Dhabi das New Yorker Stammhaus in den Schatten stellen. Architekt Gehry freut sich: "Ein Gebäude dieser Art zu errichten, wäre in den Vereinigten Staaten oder in Europa niemals möglich gewesen. Von Anfang an war mir klar, dass es hier darum geht, etwas völlig Neues zu erfinden."

Auch die in London lebende Irakerin Zaha Hadid, 57, plant Bombastisches. Ihr "Performing Arts Center", ein 62 Meter hoher Gebäudekomplex, in dem zwei Konzertsäle, eine Oper und zwei Theatersäle untergebracht werden sollen, wird 6300 Sitzplätze umfassen, ungefähr vergleichbar dem New Yorker Lincoln Center. Ebenso wie das Guggenheim Abu Dhabi wird auch der Theaterkomplex spektakuläre Blicke auf den Persischen Golf und die Skyline Abu Dhabis erlauben.

Hadid, die Hohepriesterin des Dekonstruktivismus, macht dem ihr vorauseilenden Ruf alle Ehre: Rechte Winkel sucht man bei ihr vergebens. Schiffsbugartig schiebt sich der vierstöckige Bau dynamisch ins Meer hinein. Eine amöbenartige Struktur, überzogen mit einem Gitternetz riesiger, organisch geformter Fensterflächen. Die vollkommen weißen Zuschauerräume erinnern an die feinen Verästelungen im Inneren eines aufgesägten Knochens.

Microcity mit großem Konzept

Der Franzose Jean Nouvel, Jahrgang 1945, bezieht sich in seiner metaphorisch aufgeladenen Architektur für den "Wüsten-Louvre" auf die topografischen Gegebenheiten vor Ort: das unmittelbare Zusammentreffen von Wüste und Ozean. Er plant kein gigantomanisches Einzelgebäude, sondern eine "Microcity", eine clusterartige Ansammlung von unterschiedlich großen Gebäudetypen direkt am Meer. Dominiert werden soll sie von einem großen, lichtdurchfluteten Kuppelbau, der als symbolisches Bindeglied zwischen den Weltkulturen gedacht ist.

Nouvel: "Unterschiedlichste Muster sind in das halbdurchsichtige Dach eingewoben. Ein diffuses, magisches Licht in der besten Tradition großer arabischer Architektur wird den Raum beherrschen." Dass ausgerechnet Jean Nouvel, der mit dem Pariser Institut du Monde Arabe (1981-87) bereits vor 20 Jahren Orient und Okzident architektonisch vereinte, diesen Auftrag bekam, wurde bis zuletzt geheim gehalten.

Ein weiteres Highlight dürfte Tadao Andos Maritimes Museum werden. Der 1941 geborene Minimalist vereint in seiner oft klösterlich- kargen Architektursprache japanische Zen-Tradition mit dem modernistischen Hang zum rohen Sichtbeton. Ando hat, inspiriert von den Daus, den traditionellen Segelschiffen arabischer Kaufleute, ein fragiles Gebäude in Form eines abstrahierten, aufgeblähten Segels entworfen. Eingebettet in eine oasenartige Inszenierung von Natur, dominiert von einem unterirdisch gelegenen Aquarium, dürfte Andos zurückhaltende Architektur inmitten des geplanten kulturellen Overkills zu einem gefragten Ort der kontemplativen Ruhe werden.

Auch erbaulich: der Biennale-Park

Zusätzlich geplant wird in unverhohlener Anspielung auf das Vorbild in Venedig ein sogenannter Biennale-Park mit 19 internationalen Pavillonbauten von 19 jüngeren Architekten. Mit dabei ist zum Beispiel Hani Rashid, ein in New York lebender, ägyptischer Architekt, der als einer der wichtigsten Architekturtheoretiker der Gegenwart gilt. Durchzogen wird das zukünftige Pavillon-Gelände von einem Kanal im Zickzackkurs. Es lebe das wohldurchdachte Plagiat! Hemmungen, mit den traditionellen Kulturhauptstädten dieser Welt in Konkurrenz zu treten, kennt das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt jedenfalls nicht.

So viele kulturelle Highlights verlangen natürlich auch nach einer touristischen Infrastruktur, die den erwarteten Massen aus aller Welt Herr werden kann. Zwei jeweils zehnspurige Autobahnen verbinden die Insel in Zukunft mit der Stadt und dem Flughafen. 29 Hotels, darunter - wohl als Antwort auf das legendäre Burj al Arab in Dubai - ein 7-Sterne-Luxushotel, sollen bis 2018 fertiggestellt werden. Zudem steht für Kreuzfahrtschiffe und gut betuchte Yachtbesitzer eine Marina mit rund 1000 Liegeplätzen zur Verfügung.

Saadayat Island dürfte Las Vegas und Bilbao, bisherigen roten Tücher von Kulturpessimisten und Tourismuskritikern, in Zukunft an Provokationspotential weit übertreffen. Und dennoch viele Kulturinteressierte irgendwann nach Abu Dhabi - zum Staunen oder vielleicht auch nur, um sich aufzuregen.


Die Ausstellung der Entwürfe im 7-Sterne-Hotel "Emirates Palace", Corniche Road, GRB 104 Abu Dhabi läuft bis 30. April 2007. Der Eintritt ist frei.



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