Actionserie "24" Beim Sterben ist jeder der Nächste

Heute läuft in Deutschland die zweite Staffel der Echtzeit-Serie "24" an. Der Erfolg des spannenden Action-Spektakels erklärt sich aus verschiedenen Faktoren. Einer davon ist der ungewisse Serientod der Akteure. SPIEGEL ONLINE besuchte die "24"-Crew am Set, wo bereits das Finale der dritten Staffel vorbereitet wird.

Von Julia und Rüdiger Sturm


Actionserie "24", Hauptdarsteller Sutherland: Intensiver als Kino
20th Century Fox

Actionserie "24", Hauptdarsteller Sutherland: Intensiver als Kino

Aufs Klo zu gehen kann interessante Erkenntnisse bringen. Vor allem wenn man das in der Studiohalle am Rande Hollywoods tut, in der eine neue Folge von "24" gedreht wird. Denn die Toiletten sehen seltsam vertraut aus. Haben sich hier nicht entscheidende Momente der ersten Serienstaffel abgespielt? Der Eindruck trügt nicht. Das wohl spektakulärste TV-Format der letzten Jahre nutzt sogar die Studio-Waschräume als Schauplatz.

Auch die offiziellen Kulissen machen einen desillusionierenden Eindruck. Die Zentrale der Antiterror-Einheit CTU, in der die Handlungsfäden zusammenlaufen, besteht weitgehend aus Pappmaché-Tischen und schmucklosen Metallgerüsten. Und das in einer Fernsehserie, gegen die viele Kino-Thriller billig hingeschludert wirken. "Sie kostet ungefähr genauso viel wie andere Serien auch", gesteht Produzent Howard Gordon.

Potenzielle Bauer-Geliebte Kate Warner (Sarah Wynter): Kinoangebot war attraktiver
20th Century Fox

Potenzielle Bauer-Geliebte Kate Warner (Sarah Wynter): Kinoangebot war attraktiver

Natürlich hängt der überwältigende Erfolg von "24" mit dem Echtzeit-Format zusammen, das einen atemlosen Plot durch exakt einen Tag minus Werbepausen peitscht. Aber es ist trotzdem bezeichnend, dass Geld darauf praktisch keinen Einfluss hat. Regisseur Steven Hopkins und sein Kameramann, die uns den Aufbau einer Szene erklären, wirken eher wie zwei Guerilla-Filmemacher, die scheinbar aufwändige Einstellungen aus einem Klein-Budget zusammenzaubern.

Was mehr zählt als jeder Dollarbetrag ist der Einfallsreichtum der beiden Schöpfer Joel Surnow und Robert Cochran. Ohne sie wäre auch das Realzeit-Konzept nur ein leeres Gimmick. Die beiden Hauptautoren wissen, dass der Schrecken terroristischer Anschläge allein nicht ausreicht, um es mit Leben zu füllen. "Du brauchst einen Teppich kleiner Spannungsmomente, um eine packende Stunde Fernsehen zu schaffen", so Surnow. "Nur dank ihnen funktioniert auch die Show. Dagegen ist die Haupthandlung sogar zweitrangig. Wichtig ist es auch, parallel zu den Action-Szenarien persönliche Geschichten für die Charaktere zu entwickeln."

Cast der zweiten "24"-Staffel: "Wir lieben es, uns selbst zu überraschen"
20th Century Fox

Cast der zweiten "24"-Staffel: "Wir lieben es, uns selbst zu überraschen"

Wenn die erste Staffel von "24" so gut funktionierte, dann auch, weil der von Kiefer Sutherland gespielte Agent Jack Bauer mit dem Nachbeben einer Ehekrise zu kämpfen hatte. So finden sich auch in der zweiten Staffel, die am Dienstag in Deutschland anläuft (RTL2, 20.15 Uhr), viele private Dramen, die in die Handlung eingeflochten sind. Aber Bob Cochran weiß: "Die zu finden wird von Mal zu Mal schwieriger."

Mittlerweile ist das "24"-Team dabei, die letzten Folgen der dritten Staffel zu drehen, die in den USA bereits zur Hälfte gezeigt wurde. Doch noch haben die Autoren das Ende nicht im Detail durchgeplant: "Wir lieben es, uns selbst zu überraschen, denn dann haben wir eine bessere Chance, dass uns das auch beim Publikum gelingt", erklärt Cochran. So sorgte das Ende der ersten Staffel für doppelte Verblüffung. Nicht nur, dass sich die vermeintlich engste Verbündete des Helden Jack Bauer als Verräterin entpuppte, sie tötete auch noch dessen Frau, um die der Zuschauer 24 Folgen lang gezittert hatte.

CTU-Agent Tony Almeida (Carlos Bernard, l. mit Lourdes Benedicto):Damoklesschwert des Serientodes
20th Century Fox

CTU-Agent Tony Almeida (Carlos Bernard, l. mit Lourdes Benedicto):Damoklesschwert des Serientodes

So hängt über allen Charakteren das Damoklesschwert des Serientodes: "Das zu wissen ist schon schwer", gibt Carlos Bernard zu, der Tony Almeida, einen der Topspezialisten der Antiterror-Einheit, spielt. Dagegen hat sich Reiko Aylesworth, die in der zweiten Staffel als seine Kollegin debütiert, schon mit dem Gedanken an ein etwaiges Ableben abgefunden: "Ich hoffe nur, dass ich ein ruhmreiches Ende erlebe, bei dem ein großes Geheimnis der von mir gespielten Figur bekannt wird." Dennis Haysbert, den die zweite Staffel zum US-Präsidenten befördert, wusste nicht einmal, ob er in der dritten Staffel zurückkehren würde: "Die Autoren hatten mich schon begraben." Beim Sterben ist hier jeder der Nächste.

Trotzdem möchte keiner der Beteiligten den Job missen: "Das ist wie Kino", sagt Bernard. "Noch intensiver", ergänzt Kiefer Sutherland. Dabei nehmen sie auch in Kauf, dass für ihre restlichen Karrierepläne wenig Zeit bleibt: "Die Show ist wie ein goldener Käfig", meint Reiko Aylesworth. Die Einschränkungen erstrecken sich sogar aufs Privatleben. Während des Drehs zur zweiten Staffel verknackste sich Carlos Bernard beim Basketballspielen den Knöchel. Zwangsläufig mussten auch die Autoren eine solche Verletzung ins Drehbuch schreiben. Bei der dritten Staffel verzichtet er lieber freiwillig auf seinen Lieblingssport.

Es gibt aber Umstände, die auch die Schöpfer der Serie aus dem Konzept bringen. Gegen Ende der zweiten Staffel wird Kate Warner (Sarah Wynter) als mögliche neue Geliebte für Kiefer Sutherland etabliert. "In der dritten Staffel hätten wir diese Beziehung gerne ausgebaut", so Bob Cochran. "Aber sie hatte das Angebot für einen Kinofilm angenommen, können Sie sich so etwas vorstellen?", grinst Joel Surnow.

Wirklich "enttäuschend" (Cochran) sind jedoch die zurückgehenden Einschaltquoten bei der dritten Staffel. Offenbar machte der allgemeine Abwärtstrend des US-Fernsehens auch vor der Musterserie nicht halt, ungeachtet der weiterhin glänzenden Kritiken. Doch Bob Cochran gibt sich kämpferisch: "Wir liefern die beste Show ab, die wir können, egal wie viele Leute uns zusehen." Noch ist das Abschmelzen der Quote nicht Besorgnis erregend. Eine vierte Staffel erscheint aus Sicht der Macher realistisch. Wenn nicht, dann könnte es immer noch einen Kinofilm geben: "Der müsste dann '2' heißen", so Joel Surnow. "Aber noch haben wir nichts geplant."



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