Actionserie "24": Leben am Rande des Burnout-Syndroms

Von Uh-Young Kim

Was macht Jack Bauer, rastloser Hauptdarsteller der Echtzeit-Serie "24", eigentlich zwischen seinen Einsätzen? In der vierten Staffel der erfolgreichen TV-Reihe entlarvt sich die spannende Terroristenhatz als Allegorie auf die Härten neoliberaler Arbeitswelten.

"24"-Agent Jack Bauer im Einsatz: Patriotischer Workaholic
20th Century Fox

"24"-Agent Jack Bauer im Einsatz: Patriotischer Workaholic

Vergangene Woche endete in den USA die vierte Staffel der Thrillerserie um den Anti-Terror-Agenten Jack Bauer. Während für Januar 2006 bereits "Season 5" angekündigt ist, läuft Bauers jüngste Mission erst im Herbst in Deutschland an. Gerade befindet sich hier die dritte Staffel der 24-stündigen Terroristenjagd auf der Zielgeraden. Die Zeitzonen mögen in den Fernsehnationen versetzt sein. An Jack Bauers Grundproblem ändert dies nichts: Permanent rennt ihm die Zeit davon. Als patriotischer Workaholic kann er nicht anders, als ihr hinterher zu hetzen.

Dass "24" als ultimative Fernsehserie der amerikanischen Gegenwart gilt, liegt nicht nur am Echtzeit-Prinzip und den Bezügen zum "Krieg gegen den Terrorismus". In der vierten Staffel wird nun deutlich, dass die Serie darüber hinaus als Allegorie der Arbeit verstanden werden kann. Die Arbeitswut Jack Bauers erweist sich als einzig verbliebenes Mittel gegen die Verunsicherung, die sich durch die Gesellschaft der USA seit dem 11. September 2001 zieht. Zudem spiegeln die flexibilisierten Abläufe in der "Counter Terrorist Unit" (CTU) ein Panorama neoliberaler Arbeitsverhältnisse wider. So schwingt in der Angst um die Innere Sicherheit immer auch die Angst um den Arbeitsplatz mit.

Bürgerrechte auf der Folterbank

Terroristenjäger Bauer (Kiefer Sutherland): Gnadenloser Soziopath
RTL2 / ddp

Terroristenjäger Bauer (Kiefer Sutherland): Gnadenloser Soziopath

Zwischen dem Ende von "Tag 3" und dem Anfang von "Tag 4" liegen 18 Monate. Nur so viel sei verraten: Ungewohnt bieder kehrt Bauer in Anzug und Krawatte zurück auf den Bildschirm. Seit seinem Rauswurf aus der CTU steht er im Dienste des Verteidigungsministers. Natürlich dauert es nicht lange, bis er aus dem geregelten Beamtendasein ausbricht. Als gnadenloser Soziopath missachtet er anschließend wieder Gesetze im Auftrag des Vaterlandes und spannt Bürgerrechte auf die Folterbank.

Die Deadline als Gott und Dämon

Mobilität auf Abruf und Entscheidungskompetenz unter Zeitdruck zeichnen die Arbeit des Selbstausbeuters Bauer aus - Berufsanforderungen, die auch auf jeden Selbstständigen im Kreativsektor passen. Die Quittung kommt als Leben am Rande des Burnout-Syndroms. Bauer ist stets nur einen Adrenalinschub weit vom Karoshi - dem Tod durch Überarbeitung - entfernt. Trotzdem verfolgt er mit protestantischer Arbeitsethik jede Fährte. Wie ein Webdesigner bei der Projektarbeit verschleißt er zwanghaft Leib und Seele in selbstverständlichen Überstunden. Immer auf den letzten Drücker: Die Deadline ist sein Gott und Dämon.

Dabei produziert Bauer nichts, er verhindert bloß. Als Agent der Inneren Sicherheit besteht sein Service für die Nation darin, die fragile Ordnung der Dienstleistungsgesellschaft vor dem Kollaps zu beschützen. Frustrierenderweise ist das Ergebnis seiner Arbeit nicht nur unsichtbar. Zum Plot jeder Staffel gehört, dass er sogar von den eigenen Leuten verfolgt wird. Im Gegenzug geht er auch in der neuen Staffel kaltblütig über kollegiale Leichen.

"24"-Besetzung: Es wird munter gemobbt, verraten und bespitzelt
20th Century Fox

"24"-Besetzung: Es wird munter gemobbt, verraten und bespitzelt

Inmitten der Datenkollisionen der Terroristenbekämpfung bleibt keine Zeit für Schuld oder Selbstmitleid. Der CTU-Agent hat im Multitask-Modus sowieso schon mehr als genug zu tun. Ausgestattet mit modernsten Überwachungstechnologien beobachtet er finstere Laptop-Terroristen durch wärmesensorische Faseroptikkameras, während er Satellitenbilder auf dem Pocket-PC empfängt und sich am implantierten Peilsender kratzt. Auch wenn "24" die virtuelle Verbrecherjagd zelebriert, wird die anfällige und manipulierbare Technologie in den entscheidenden Momenten immer wieder zum Fluch.

Wadenbeißer vom Dienst

Dann ist es an der Zeit, die Immaterialität der Computer durch den Pragmatismus des amerikanischen Helden à la Bruce Willis abzulösen. Trotz aller Aussichtlosigkeit bezwingt er das Böse im Alleingang durch schiere Willenskraft. Mehr noch als bisher konzentriert sich der Plot der vierten Staffel auf den Alleingang des All-American-Hero Jack Bauer. So weichen die preisgekrönten, synchronen Handlungsstränge früherer Staffeln dem Spotlight auf den Wadenbeißer vom Dienst.

Je mehr aber die Einzigartigkeit des Helden als Konstante fixiert wird, desto deutlicher tritt die Austauschbarkeit von Arbeitskräften in seinem Umfeld hervor. In der vierten Staffel wird das Prinzip "hire & fire" zum Leitmotiv. Ohne Unterlass dreht sich das Jobkarussell bei der CTU bis in die obersten Befehlsränge. Durch Intrigen und Versagen im Belastbarkeitstest ergeben sich fast in jeder Folge neue Aufstiegsmöglichkeiten. Es wird munter gemobbt, verraten und bespitzelt.

Patzer darf sich keiner leisten

Dagegen gehorchen die gesichtslosen Terroristen bis in den Tod. Am Ende muss die starre Befehlsstruktur der Bösewichte natürlich der individuellen Dynamik des freien Willens unterlegen sein. Um die Freiheit aber nicht zu wild wuchern zu lassen, herrscht in der verglasten Innenarchitektur der CTU die volle Kontrolle am Arbeitsplatz via Bildschirmtelefon und Passworthierarchien. Patzer darf sich hier keiner leisten, denn jeder - außer Jack - ist ersetzbar.

Workaholic Bauer: Das private Versagen als Motor
20th Century Fox

Workaholic Bauer: Das private Versagen als Motor

Der Austauschbarkeit am Arbeitsplatz steht die Einzigartigkeit der Familie gegenüber. Die Familie ist seit Beginn der Serie die Leidtragende. Da die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben immer durchlässiger wird, geraten die einst getrennten Milieus ständig in Konflikt: Von den Entführungen von Bauers Tochter und der Ermordung seiner Frau bis hin zu Terroristen mit väterlichen Gefühlen und Hochverrat aus Liebe. In Bauers Fall hat die Arbeit die Familie erst verdrängt, dann durchdrungen und schließlich zerstört.

Versagen als Motor

Der Verlust seiner Frau, der am Ende der ersten Staffel stand, ist sein persönliches Trauma. Für einen Kontrollfreak wie Jack Bauer ist das private Versagen zum Motor geworden. Einsatz für Einsatz muss er ihm einen Sinn geben, indem er nationale Katastrophen verhindert und die Kontrolle über die öffentliche Ordnung wiederherstellt. Wo andere überfordert kapitulieren, hält Bauer dem Stress stand und funktioniert weiter. "24" ist nicht zuletzt eine Durchhalteserie. In Zeiten des "information overload", der privaten und globalen Unsicherheit und der sozialen Entfremdung liegt auch darin ihr Erfolg begründet.

Der Held aber hat keine Alternative, als obsessiv Raubbau an Körper und Geist zu betreiben. Dass Liebe dabei unmöglich wird, muss er als weiteren Kollateralschaden hinnehmen. Die einzige Sicherheit, die ihm bleibt, ist, der beste Terroristenjäger weit und breit zu sein. Ohne seine Arbeit würde Jack Bauer auseinander fallen. Nur in ihr findet der arme Kerl noch sein Glück.

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Forum - TV-Serien - Comeback für Qualität?
insgesamt 900 Beiträge
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1.
jann 13.04.2005
Ich bin eigentlich kein Serienfreund bzw. ich gucke eigentlich fast nie Fernsehen. Die einzige Serie, die ich mir zur Zeit auf DVD reinziehe ist "24", so ziemlich das Beste was ich aus diesem Genre bisher gesehen habe. Klasse Konzept, superspannend und man kann einfach nicht aufhören zu gucken....Ich glaube, ich würde vergehen, wenn ich immer erst eine Woche warten müsste, bevor ich die nächste Folge sehen kann, von der Werbung dazwischen mal ganz abgesehen.. :-(
2.
K.Schlüter 13.04.2005
Zitat von sysop… Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? Ist die Qualität der amerikanischen Serien generell besser geworden - oder zeigt sich an den aufwändig produzierten US-Formaten nur die Unzulänglichkeit deutscher Produktionen?
Die Verzweifelten Hausfrauen haben mir überhaupt nicht gefallen. Warum? Weil hier ein Verhalten dargestellt wird, das ich als infantil empfinde, Bsp: Ex-Bondgirl, Ex-Superman-Freundin Terri Hatcher, spielt eine erwachsene, hochattraktive Frau von Anfang 40 mit pubertierender Tochter, und alles, was ihr beim "Aufreissen" eines Klempners (wie hat der es in diese Nachbarschaft geschafft?) einfällt ist eine gestottertes "…*ich, äh, äh, …ich, äh…" So benehmen sich 14jährige Collegegirls in US-Serien.- Man könnte jetzt einen Diskurs über die Infantilisierung unserer Gesellschaft anfangen… aber vielleicht erschließt sich mir auch einfach nicht der Humor der Serie.- Zum Bsp CSI fällt mir nur ein: Der sog. production value ist geradezu ungeheuer! Da wird mal eben zur Illustration des Wortes "Blutgerinnungsfaktor" eine 3D Animation abgefackelt, die sich Hr Bublath nur 1x im Jahr vom zdf wünschen darf. Auch das Tempo der Dramaturgie muss positiv bemerkt werden - in der Zeit, in der ein deutscher Polizei Assi behäbig einen Wagen holt&aufschließt, zeigen US Serien gern schon mal den kompletten Tatablauf und reißen zwei vielversprechende Nebenstränge an. Deutsche Serien haben sich m.E. zu Tode gespart; die Sender wollen eine 1stündige Episode am Vorabend mit 12min Werbung nach 1xmaliger Ausstrahlung refinanzieren + ihre 18% Gewinn machen…- das KANN nicht gehen.- Und billig=schlecht. (ausgenommen vielleicht Ausnahmeformate wie Dittsche, die in der Herstellung vermutl. kein Vermögen kosten).
3.
thadeus 13.04.2005
Deutsche Fernsehserien werden für deutsches Fernsehpublikum produziert – und da ist es allemal ratsam seicht und belanglos zu bleiben, niemanden zu kränken, ein gefälliges Ambiente zu zeigen (immer gut: Münchner Nobelvororte, der Schwarz- oder Bayerische Wald, gerne auch mal ein Kreuzfahrtschiff oder eine tropische Urlaubsinsel) und keine Konflikte über Eifersüchteleien hinaus zu thematisieren. Alternativ kann die Handlung aber auch auf ein Mindestmaß reduziert und ausschließlich Action gezeigt werden. Es ist bezeichnend, dass Volksmusiksendungen prozentual wohl den größten Anteil an der Samstagabend-Fernsehunterhaltung haben. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Mut zur Qualität zeigten in den USA wohl zuerst Sender wie HBO (Pay-TV) mit Produktionen wie Sex and the City, Band of Brothers, Six Feet Under aber auch mit noch nicht in Deutschland gezeigten Serien wie Carnivale. Und mittlerweile ziehen die werbefinanzierten Sender nach: Selbst „Durchschnittsproduktionen“ wie Joan of Arcadia (Teenie-Serie), Everwood (Familien-Drama), Battlestar Galactica (SF), um nur mal drei aus verschiedenen Genres zu nennen, zeichnen glaubhafte Charaktere mit Ecken und Kanten, besitzen eine tiefer gehende Storyline und bieten – nicht zuletzt – auch eine adäquate schauspielerische Leistung (wohlgemerkt: für eine TV-Serie). Und haben Erfolg (in den USA). Das Risiko des Scheiterns mit Serien abseits der üblichen Pfade ist den hiesigen Privatsendern wohl zu groß und die öffentlich-rechtlichen wollen sich das Stammpublikum (60+) nicht vergraulen. Wurde eigentlich Six Feet Under von einem Sender der zweiten Garnitur zu später Stunde gezeigt, weil man sich nicht traute den wertvollen Sendeplatz mit Qualitäts-Unterhaltung zu füllen oder wollte man uns Themen wie Tod und (Homo)sexualität nicht in einer TV-Serie zur besten Sendezeit zumuten? Alles in allem glaube ich nicht, dass deutsche und US-amerikanische TV-Produktionen (die besseren) in einer Liga spielen – es handelt sich schlichtweg um unterschiedliche Sportarten!
4. Housewives sind bieder, aber ...
Kidyoh 13.04.2005
Zitat von sysop... Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? ...
Nein, die "Housewives" haben mir nicht gefallen. Das "subversive" an der Serie wurde in Vorberichten maßlos übertrieben. "Sex & the City" war die Clinton-Ära und die "Housewives" sind eben die Bush-Zeit. SATC war neu, anstößig und musste für's amerikanischen Free-TV komplett überarbeitet werden. DH kann Disney sonntags zur besten Sendezeit ausstrahlen und tut niemandem weh. Viel interessanter ist da "Lost". Zum einen führt es den selbstmördischen Sparzwang der deutschen Sender vor (siehe "Verschollen" bei RTL & einem vorherigen Beitrag) und ist zum anderen die Rückkehr der Serie mit fortlaufender Handlung (mal von 24 abgesehen), die ja gerade an die schreibenden TV-Macher hohe Ansprüche stellt. Leider versickern jährlich Millionen in Pfarrarsserien mit alternden Stars für alte Zuschauer (bei den öffentlich-rechtlichen). Gäbe es eine ausgeglichenere Verteilung des vorhanden Budget Mediabudget der Zuschauer, könnte es z. B. mehr und kreativere Pay-TV-Sender geben. Denn eigentlich gehört der werbefreien, gehobenen TV-Unterhaltung die Zukunft (siehe Sex & the City, Six Feet Under, Fat Actress). Danke:-)
5.
Larry David 13.04.2005
Der Grund für das Scheitern vieler US-Serien ist doch häufig die Synchronisation. Insbesondere bei Comedy Serien, wie Friends, geht jeder Spaß an der Übersetzung und der Wahl dilettantischer Sprecher verloren. Einen guten Weg geht hier Premiere, die Serien kurz nach der US-Austrahlung im O-Ton senden. Amsonsten bleibt nur festzustellen, dass der deutsche Fernsehzuschauer eben das bekommt, was er verlangt und verdient. Das ist offenbar "Hinter Gittern", "Cobra 11" und das Musikantenstadl.
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