Adorf zum 80. Geburtstag Spiel weiter, Super-Mario

Wenn der Mann auf einem Pferd reiten will, muss eben das Drehbuch umgeschrieben werden - und manchmal bepöbelt er einfach mal einen Regisseur. Aber immer aus guten Gründen, beteuert Mario Adorf. Der große Schauspieler wird 80 Jahre alt - doch ans Aufhören denkt er zum Glück nicht.

Von Katharina Miklis

Patrick Wamsganz

Eigentlich könnte er jetzt zu Hause an der Côte d'Azur auf der Veranda sitzen. Die Sonne schiene ihm auf den Bauch und seine Frau Monique, früher Double von Brigitte Bardot, servierte ihm vielleicht einen Aperol Sprizz. Stattdessen liegt Mario Adorf blutend vor dem Stadion des FC St. Pauli. Es regnet. Eine Bierbude brennt und sorgt für brüllende Hitze. Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag stirbt Adorf am Hamburger Millerntor einen Filmtod nach dem anderen. Immer wieder steht er auf, schleppt sich zu den Flammen zurück und stirbt schon wieder. Und wieder. Bis er sagt: "Ok, das war's."

Mario Adorf bestimmt selbst, wann es vorbei ist. Da lässt er sich auch vom Alter nicht reinreden. In Hamburg hat er gerade die Low-Budget-Produktion "Gegengerade - Niemand siegt am Millerntor" abgedreht - eine Herzensangelegenheit. Im Herbst dreht er mit Veronica Ferres. Er ist einer, der nie genug bekommt. Auch nicht mit 80 Jahren.

Adorf braucht die große Bühne. Aber Divengehabe? Nein, er sieht sich als Perfektionist. Der uneheliche Sohn eines italienischen Chirurgen und einer elsässischen Röntgenassistentin arbeitet hart an sich und seinen Rollen. Das war schon immer so.

Gerne erzählt er die Geschichte, wie er mit 26 Jahren in Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam" den psychopathischen Massenmörder Bruno Lüdke spielt und neben den Dreharbeiten die Verhörprotokolle der Kriminalpolizei wälzt. Am Set geht er mit Verbesserungsvorschlägen zum Regisseur und bittet ihn, Szenen umzuschreiben. Siodmak macht es - und tut gut daran. Der Film wird Adorfs Durchbruch.

Adorf herausschneiden? Das gibt Diskussionen!

Als Adorf 1963 als Bösewicht Santer für "Winnetou" vor der Kamera steht, lässt er nach Drehschluss Szenen wiederholen, in denen er nicht groß genug im Bild zu sehen ist ("Das hätte auch meine Großmutter sein können"). Rainer Werner Fassbinder dreht mit ihm den Film "Lola" und verspottet ihn als Diva. Weil er zunächst zickt, als die Hauptrolle nicht an ihn, sondern an Armin-Mueller Stahl geht und danach im Drehbuch nicht vorgesehene Großaufnahmen fordert - und bekommt.

Adorf hasst Nachlässigkeit und Dilettantismus am Set. Als Don Camillo treibt er in den Achtzigern ein englisches Filmteam in den Wahnsinn und verweigert eine Szene - weil die italienischen Spaghetti nicht originalgetreu gekocht wurden. Die Mischung aus Egozentrik und Perfektion bekommt auch der Filmemacher Florestano Vancini zu spüren, als er den gebürtigen Rheinländer 1973 Mussolini spielen lässt. Adorf will in "Die Ermordung Matteottis" unbedingt eine Szene, in der er auf einem Pferd sitzt. Nicht nur weil Mussolini ein Reiter war, "das war eine Frage der Eitelkeit und der Fertigkeit", gibt er später zu, "ich bin eben gut zu Pferde." Und so mancher Regisseur musste sich tagelangen Diskussionen stellen, wenn er ungefragt eine Adorf-Szene herausgeschnitten hatte - so wie Volker Schlöndorff 1978 in "Die Blechtrommel".

"Ich glaube, ich bin ein folgsamer Schauspieler. Und pflegeleicht. Andere sehen das vielleicht nicht so. Aber ich versuche, es den Leuten wirklich nicht schwer zu machen," versichert Adorf am Set des Hamburger Fußballfilms und erzählt im selben Atemzug, wie er das aktuelle Drehbuch in den Händen hielt - und dann doch wieder auf den Regisseur einreden musste: Die Rolle des Bierbudenbesitzers Baldu von St. Pauli war ihm schlicht zu klein. Er ging zu Regisseur Tarek Ehlail und verwies auf "Rossini". "Da habe ich auch eine kleine Rolle gespielt. Aber dadurch, dass sie immer präsent war, dadurch wurde sie doch erst richtig schön." Ehlail veränderte das Drehbuch - und räumte Adorf mehr Präsenz ein.

Mario Adorf darf das. Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler. Einer der besten sowieso. Selbst Regisseur Dieter Wedel, mit dem er seine größten Erfolge gedreht hat ("Der große Bellheim", "Der Schattenmann", "Die Affäre Semmeling"), hat Adorf mittlerweile verziehen, dass der ihn vor ein paar Jahren als "kleinen Fernseharsch" bezeichnete. Scheinbar nichts kann seinem Ansehen schaden, geschweige denn, ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Egal, ob er mit Clownsnase beim Aachener Karnevalsverein Büttenreden hält, Werbespots für Versicherungen dreht oder bei Carmen Nebel auftritt. Er darf das.

"Ich will nicht übers Aufhören nachdenken"

Mario Adorf bereut nichts. "Nicht, dass ich keine Fehler gemacht hätte. Aber ich würde wahrscheinlich alles wieder genauso machen." Wenn er an diesem Mittwoch 80 wird, dann wünscht er sich vor allem, dass es nicht weniger wird mit den Rollen. "Solange es mir gutgeht und ich gesund bin, will ich nicht übers Aufhören nachdenken," versichert Adorf.

Zu seinem 80. Geburtstag fährt die ARD noch einmal dick auf, schrieb ihm eine Paraderolle auf den Leib. Natürlich hält "Der letzte Patriarch" dem Vergleich mit der perfektionierten Ekelhaftigkeit des Heinrich Haffenloher aus Helmut Dietls Schickeria-Satire "Kir Royal" nicht stand. Als Lübecker Marzipanfabrikant spielt Adorf die überwiegend zweitklassige Besetzung trotzdem an die Wand. Auch hier hat er es sich nicht nehmen lassen reinzureden. Zumindest, so bestätigt es Produzent Norbert Sauer, habe es viele Gespräche gegeben.

Seinen Geburtstag will Mario Adorf mit Frau Monique in St. Tropez feiern. Am Strand. Ein paar Freunde sollen kommen. Eine Fernsehgala zum runden Geburtstag wäre ihm ein Graus. Den großen Auftritt, den sucht er im Film. Mit 80 Jahren mehr denn je. Die jungen Regisseure sollten einfach mehr Mut haben, ihn anzusprechen, fordert der alte Mann, der mehr will. Und einfach anrufen. So wie Tarek Ehlail. Auch wenn Adorf verstehen kann, "dass es da Hemmungen gibt". Wahrscheinlich halte man ihn für zu teuer, vermutet er. "Oder man hat Angst, dass ich zu viel reinrede". Das, verspricht er, sei jedoch ganz bestimmt nicht der Fall.


"Der letzte Patriarch", Freitag, 10. September, 20.15 Uhr, ARD



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
sappelkopp 08.09.2010
1. Klasse!
Sehr guter Schauspieler, wurde mit den Jahren immer besser. So würdig wünscht man sich zu altern!
Nobus 08.09.2010
2. Einfach nur großartig
http://www.youtube.com/watch?v=CwE4mk2fbow
Eifelmaradona 08.09.2010
3. zürich und kleber
leider haben sich in den ansonsten guten artikel zwei fehler eingeschlichen. zum einen ist mario adorf kein "gebürtiger Rheinländer", sonder kam in zürich zur welt. zum andern mimt er als heinrich haffenloher in kir royal einen kleberfabrikant (nicht marzipanfabrikant)!
herrhoppenstedt 08.09.2010
4. Eine tiefe Verbeugung
vor einem der letzten großen deutschen Schauspieler! Heißen Dank für Bruno, Herrn Matzerath, Direktor Haffenloher usw. usw... Alles Gute Herr Adorf und lassen Sie uns nicht mit den Till Schweigers allein..
Meckerliese 08.09.2010
5. Herzlichen Glückwunsch
Sendungen mit Mario Adorf sind Sternstunden. Da müssen wir uns wenigstens nicht den US-Einheitskrimi-Brei anschauen. Hoffentlich bleibt er uns noch eine Weile erhalten.
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