Gebäude-Fotograf Adrian Schulz "Architekten hassen Topfpflanzen"

Her mit dem Kittel und dem Mundschutz! Architekturfotograf Adrian Schulz macht Aufnahmen von Krankenhäusern, Kundencentern und Edel-Apartments. Das Ergebnis sind Bilder mit einer verstörend schönen aseptischen Anmutung.

Adrian Schulz

SPIEGEL ONLINE: Herr Schulz, wie riecht es in OP-Räumen?

Schulz: Stark nach Putz- und Desinfektionsmitteln. Was anderes riecht man da eigentlich gar nicht. Aber das stört mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren unter anderem Krankenhäuser. Steht man da nicht sehr oft im Weg rum?

Schulz: Ja, ich muss mich da in das Geschehen eingliedern und darf natürlich niemanden stören. Aber meist hält sich niemand in den Räumen auf, die ich fotografiere. Ich muss mich nur an die hygienischen Standards halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen sich also Extra-Schühchen und einen Kittel überziehen?

Schulz: Die Überzieher für die Schuhe meistens ja. Manchmal sind auch Kittel und eine Haube für die Haare Pflicht.

  • Adrian Schulz wurde 1980 in Heidelberg geboren. Er studierte Architektur an der TU Berlin. Seit 2008 ist er als Architekturfotograf tätig. Er wohnt in Berlin.
SPIEGEL ONLINE: Die Mehrheit der Menschen hält sich nicht gern in Krankenhäusern auf, stört es Sie nicht, dort als Fotograf zu arbeiten?

Schulz: Eigentlich nicht, aber ich habe mal auf einer Intensivstation fotografiert, in der Patienten lagen. Da habe ich mir schon so meine Gedanken über das Leben gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren auch in Altenpflegeheimen. Welchen Eindruck hatten sie von der Arbeit dort?

Schulz: Dort dringe ich in die privaten Räume der alten Menschen ein. Sie beobachten, was ich mache. Da ist es wichtig, besonders respektvoll mit den Bewohnern umzugehen. Einige von ihnen nehmen das dann auch zum Anlass, aus ihrem Leben zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Die Räume, die sie fotografieren, sehen sehr sauber, fast schon steril aus. Bitten Sie diejenigen, die dort arbeiten oder wohnen, vorher aufzuräumen oder putzen Sie selbst?

Schulz: Nein, nein. Putzen muss ich nicht. Die Auftraggeber haben im Vorfeld schon dafür gesorgt, dass es ordentlich ist. Ich muss dann nur noch Dinge, die mich stören, aus dem Weg räumen.

SPIEGEL ONLINE: Was zum Beispiel?

Schulz: Alltagsgegenstände. Die Architektur steht dann nicht mehr so im Vordergrund. Bilder oder Bücher, Aktenordner und Topfpflanzen können extrem ablenken. Architekten hassen Topfpflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man denn nur Topfpflanzen hassen?

Schulz: Topfpflanzen werden meistens vom Nutzer oder Eigentümer hingestellt, damit es wohnlicher aussieht. Wenn man zum Beispiel eine Hausbar oder einen Tresen fotografiert, bei denen die Architektur im Vordergrund steht, dann sieht es einfach nicht gut aus, wenn da eine Pflanze rumsteht. Architekturfotografen werden in der Regel ja auch von den Architekten, Innendesignern oder Immobilienfirmen beauftragt und die wollen ihre Arbeit ja im besten Licht zeigen, da darf nichts ablenken.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst Architekt. Inwieweit unterscheidet sich Ihr Blick von dem eines Fotografen, der nicht diesen Hintergrund hat?

Schulz: Ich denke, ich kann verstehen, was sich der Architekt dachte, als er ein Haus gestaltet hat und das auch fotografisch in den Vordergrund rücken.

SPIEGEL ONLINE: Wie fotografiert man Räume und Gebäude denn so, dass sie gut aussehen?

Schulz: Ich versuche zu erkunden, was die attraktive Seite des Gebäudes oder Raumes ist. Ich suche quasi die Schokoladenseite. Und dann überlege ich mir, in welchem Blickwinkel das Gebäude oder der Raum am besten aussieht. Einen niedrigen Raum nimmt man am besten im Weitwinkel auf, das macht ihn weiter. Aber man muss aufpassen, dass man es nicht übertreibt - es sollte schon alles realistisch aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur die Objekte auf Ihren Bildern sehen klinisch sauber aus, auch die Fotos selbst scheinen makellos. Wie viel bearbeiten Sie nach?

Schulz: Ich muss sehr viel am Computer nacharbeiten. Das ist unerlässlich. Vier bis fünf Tage brauche ich schon für die reine Nachbearbeitung eines größeren Auftrags. Manchmal beschäftige ich auch Helfer, die für mich die Grundnachbearbeitung machen. Den Feinschliff mache ich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn grundlegende Nachbearbeitungen?

Schulz: Zum Beispiel die Helligkeits- und Kontrastkorrekturen. Oder störende Dinge rauszuretuschieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Topfpflanzen?

Schulz: Ja, oder Feuermelder an der Decke. Die zerstören das ganze Foto.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
DonCarlos 26.07.2014
1. Feuermelder zerstören Fotos?
Besser als das Feuer das ganze Haus samt Inhalt.
deranaluest 26.07.2014
2. kalt
alles Räumen ist gemein dass sie kalt arrogant und abweisend wirken. Bei der Klinik ist das noch in Ordnung aber die Wohnräume sind einfach nur scheußlich.
AusVersehen 26.07.2014
3. Über Geschmäcker läßt sich streiten
Naja, solche Fotos wären für mich kein Anreiz z.B. eine Immobilie oder ein Möbelstück zu kaufen. Nach meinem Geschmack muß eine Wohnung gemütlich sein und Wärme ausstrahlen, auch und ganz besonders Pflanzen gehören zu einem angenehmen Raumklima dazu. Diese Räume sehen allesamt sehr kalt und kahl aus. Auf längere Zeit braucht man da eine Skibrille, damit einem die Netzhäute nicht verätzen. Kurzum, diese Räume wirken auf mich abstoßend.
fessi1 26.07.2014
4. wow,
wäre nicht erwähnt worden, dass es sich um echte Fotos handelt... ich hätte die Bilder für 3D Visualisierungen gehalten. Willkommen in der Matrix.
mulhollanddriver 26.07.2014
5. Schöne Fotos...
Viele Außenaufnahmen sind etwas zu hell, aber ansonsten sind das schöne Fotos ohne übertriebene Bearbeitung.
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