Erfolg der AfD Das kann nicht die Gesellschaft sein, von der wir träumen

An der deutschen Regierung lässt sich viel bemäkeln. Aber Politikkritik darf nicht umschlagen in Hass, Homophobie und Holocaustleugnung.

Björn Höcke während einer Rede in Erfurt
imago

Björn Höcke während einer Rede in Erfurt

Eine Kolumne von


Die Selbstmordgefahr bei homosexuellen Jugendlichen ist siebenmal höher als bei heterosexuellen Jugendlichen im vergleichbaren Alter. Homosexualität tut keinem weh, außer den Jugendlichen, die dafür gemobbt werden und zwar von Erwachsenen. Von anderen Eltern und von großen Teilen der AfD-Führung, Zitat:

Wer lesbisch oder schwul ist, könne nicht zum "Erhalt unseres Volkes, unseres Staats und unserer Nation" beitragen.

Wie geht es einem Jugendlichen, wenn er so etwas hört? Wenn Ihr Kind, liebe Leserinnen und Leser, betroffen wäre, was wäre Ihnen wichtiger - das Leben Ihrer Familie oder Parolen? Würden sie Ihre Kinder nicht verteidigen? Und ist es wirklich so schrecklich, wenn in Schulen beizeiten darüber aufgeklärt wird, dass es verschiedene Arten der Liebe und des Zusammenlebens gibt, und dass alle in Ordnung sind?

ANZEIGE
Sibylle Berg:
Wunderbare Jahre

Als wir noch die Welt bereisten

Carl Hanser Verlag; 192 Seiten; 18 Euro

Ich verstehe viele Kritikpunkte an der deutschen Regierung. Es geht vermutlich den meisten Menschen in den meisten Ländern im Moment ähnlich. Sie haben das Gefühl, dass die Regierung nicht ihnen dient, sondern den Interessen der Industrie, der Wirtschaft. Eventuell alleinerziehend, mit Aushilfsjobs, oder als Hebamme am Existenzminimum, als Arbeitsloser über 50 oder als Kleinunternehmen an den Steuern erstickend.

Kaum einer kümmert sich offenbar um ihre Probleme und der Hinweis, dass es 40 Prozent der Menschheit schlechter geht als ihnen, zieht nicht, denn Leiden ist immer subjektiv. Sie sitzen in Deutschland, sie sehen die Ackermanns und andere CEOs mit den Geldern der Bürger Unternehmen retten und wer rettet sie?

Ich verstehe die Sorge vor einer Islamisierung, wer steht schon auf Religionen. Sie sind nicht fremdenfeindlich (oder?), Sie wollen nur keine fucking Religionen, die Ihnen auf den Geist gehen, richtig? Sie wollen mitbestimmen, Sie wollen, dass sich Ihre Situation nicht verschlechtert. Aber: Der Kapitalismus, den wir alle lange toll fanden - neues Auto, Waschmaschine wegschmeißen nach drei Jahren, Sofagarnitur gerade hinterher - funktioniert so nicht mehr. Es kann nicht immer mehr geben, denn irgendwo ist Ende. Das Ende ist also jetzt erreicht.

Was hat Einmischung in die Privatsphäre mit Politik zu tun?

Was sollen wir tun? Wen sollen wir wählen? Eine Partei, die als Protestbewegung begann, und in der sich Einzelne aus Profilierungsgründen mit Menschenfeindlichkeit überbieten? Hauptsache laut, Hauptsache provokativ. Muss momentan jede Protestbewegung zwangsläufig in Nationalismus und Faschismus münden, weil Menschen ihren Hass auf alles, was ihnen fremd ist, nicht unter Kontrolle bekommen? Wir gegen die anderen. So wie der AfDler Björn Höcke, der Holocaustleugnung als Meinungsdelikt verharmlost.

Holocaustleugnung, Homophobie und Aufruf zum Hass: Was hat Kritik an der vorherrschenden Politik mit der Einmischung in die Privatsphäre zu tun? Gibt es keine neueren Visionen, als die von der hehren deutschen Familie, in einem hehren, von blonden Menschen besiedelten Land, als die Kontrolle des Denkens im Intimen? Ist das nicht ein wenig einfach? Um solche Parolen zu finden, muss man ja nur in dem Bestseller "Mein Kampf" nachlesen. Wollen Sie ein hartherziger, ignoranter Mensch sein, der Kinder, die anders sind, in den Selbstmord treibt, wollen Sie sich über Bedürftige lustig machen, Hilflose abwerten? Wollen Sie Menschen, die Menschen lieben, verachten, ausgrenzen, wollen Sie sich für Unmenschlichkeit entscheiden? Seriously? Das kann nicht die bessere Gesellschaft sein, von der wir träumen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 361 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dyl Ulenspegel 26.11.2016
1.
Ich danke Ihnen für diesen Artikel. Er zeigt mir, dass ich mit meiner Meinung nicht allein stehe, und das gibt mir Hoffnung...
jan07 26.11.2016
2. Hass kommt auch von links
Frau Berg, Sie sehen das wieder mal viel zu einseitig. Der Hass kommt auch von links. Gehen Sie mal als Zuhörerin auf eine Veranstaltung der AfD. Sie werdenfeststellen, dass Sie diese nur unter Polizeischutz betreten können, dass Sie vorher durch ein Spalier von brüllend ungefähr geifernden Gegendemonstranten müssen, die Sie auf Rüdesheim Weise beschimpfen. Autos und Wohnhäuser von AfD - Mitgliedern werden demoliert. In Berlin gibt es ein Restaurant, in dem AfD - Sympathisanten unerwünscht sind. Erinnert Sie das an etwas? Mich auch. Was den Holocaust betrifft: ich leugne ihn keineswegs. Aber ich finde es richtig, dass man auch andere Meinungen ertragen muss, solange es sich nur um Meinungsäußerungen über geschichtliche Vorgänge handelt. Und ich fürchte, genau das unterscheidet uns grundsätzlich: Sie können keine abweichenden Meinungen ertragen. Ich schon.
GeMe 26.11.2016
3. Genau das ist die AfD
"Wollen Sie ein hartherziger, ignoranter Mensch sein, der Kinder, die anders sind, in den Selbstmord treibt, wollen Sie sich über Bedürftige lustig machen, Hilflose abwerten? Wollen Sie Menschen, die Menschen lieben, verachten, ausgrenzen, wollen Sie sich für Unmenschlichkeit entscheiden?" Genau das ist die AfD. Und wer es nicht glaubt, der muss nur mal bei der 2. (MdL) oder 3. (Kreistage) Riege der AfD nachlesen, was dort so über Twitter und Facebook losgelassen wird. 5 oder 6 Politiker aus der AfD-Spitze schaffen es ja häufig noch die Kurve zu bekommen, bevor es völlig ins Extreme abdriftet, aber je weiter man in der Partei nach unten kommt, desto ungehemmter wird es. Die Spitzte dieses rechten / hetzenden Eisberges ist die Junge Alternative, die die Wehrmacht als "Befreiungskrieger" sieht und die gegen sozial Schwache (Renter, Arbeitslose usw.) wettert. Wie man diese Partei unterstützen oder gar wählen kann, ist mir völlig schleierhaft. Es sei denn man ist ein vollkommener Egoist, dem weder am Land noch an den hier lebenden Menschen irgendetwas liegt. Dass auch nur max 7% der AfD Wähler glauben, diese Partei könnte etwas zur Lösung der Probleme beitragen, macht es nur noch unverständlicher.
midnightswim 26.11.2016
4. Sie haben sowas von recht.
Es ist halt anstrengend, andersein zu ertragen. Es ist halt schwierig, wenn sich die Welt verändert. Demokratie und Zusammenleben in der Gesellschaft bedeuten anderssein zu ertragen. Nationalismus hat uns viele Tote Menschen eingebracht. Wollen wir diesen Mist nochmal?
bombobabier 26.11.2016
5. Notbremse
Gewiss, die AfD ist politisch weitgehend substanzlos, ihr Parteiprogramm ist in weiten Teilen haarsträubend. Trotzdem hat sie eine unwiderstehliche Eigenschaft: sie ist die einzige Partei, die zumindest die erklärte Absicht hat, keine weitere Flüchtlingswelle über Deutschland hereinbrechen zu lassen. Und deshalb wird sie gewählt, ausschließlich und alleine deshalb. Ihre anderen Ziele sind bedeutungslos, es zählt nur das eine. Sie ist sozusagen die einzig verfügbare Notbremse. Und Erdogan bestimmt den Ausgang der Bundestagswahl 2017. Öffnet er die Grenzen und wiederholt sich das Spektakel von 2015 auch nur annäherungsweise, ist Merkel weg und die AfD in der Regierungsbeteiligung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.