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Diskurs über die AfD: "Halbfaschistischer Sumpf"

Ein Interview von

AfD-Anhänger in Hamburg Zur Großansicht
DPA

AfD-Anhänger in Hamburg

Der Publizist Georg Seeßlen hält Europas Gastfreundschaft für ein Trugbild - und findet, dass Philosophen wie Peter Sloterdijk eine vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit der neuen Rechten unmöglich machen.

Zur Person
  • Bertz & Fischer
    Georg Seeßlen, Jahrgang 1948, arbeitet als Publizist für u.a. "Die Zeit", SPIEGEL und "taz". Vor allem zu Film und Popkultur veröffentlichte er zahlreiche Bücher - analysierte etwa Quentin Tarantinos Verhältnis zum Nationalsozialismus, setzte sich aber auch mit dem Erzählkosmos der "Tim und Struppi"-Bände auseinander.
SPIEGEL ONLINE: Herr Seeßlen, die AfD hat bei den letzten Landtagswahlen zwischen 10 und 24 Prozent der Stimmen bekommen. Haben die Ergebnisse Sie überrascht?

Seeßlen: Nein. Da hätte ja ein kleines Wunder passieren müssen, bei dem Zeitgeist, den man gerade spürt. Verharmlosen sollte man das nicht. AfD und Pegida sind nicht an der politischen Auseinandersetzung interessiert. Das hat das Potenzial für einen Staatsstreich.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Hass und Hoffnung" sprechen Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik von einer "Fata Morgana". Wie ist das gemeint?

Seeßlen: Europa ist keine Oase von Frieden und Freiheit, von Gastfreundschaft und Solidarität, sondern nur das Trugbild davon. Genauso wenig gibt es eine abendländische Wertegemeinschaft, die durch Grenzen definiert würde und durch die Neuankömmlinge etwas zu verlieren hätte. Die Angst vieler Europäer richtet sich darauf, dass sie selbst erkennen müssten, dass sie in einer Fata Morgana leben. Eine sehr unangenehme Wahrheit, die uns "die Fremden" da zumuten, ohne es zu wollen. Dabei sollte es eine demokratische Selbstverständlichkeit sein, Menschen aufzunehmen, die aus elenden Verhältnissen kommen. Die Probleme wären durchaus zu überblicken und zu bewältigen. Natürlich wird sich unsere Gesellschaft durch die Flüchtlinge verändern. Sie wird nicht mehr sein, was sie vorher war. Aber das ist kein Weltuntergang.

SPIEGEL ONLINE: Das eigentliche Problem liegt für Sie also in Europa.

Seeßlen: Der Weltuntergang, um bei dem Bild zu bleiben, passiert nicht bei den Flüchtlingen, sondern genau auf der entgegengesetzten Seite: Dadurch, dass Europa sich abschottet, dass es sich wieder nationalisiert, dass es einen halbfaschistischen Sumpf zulässt. Die sozialen Ungleichheiten zwischen den Mitgliedstaaten und in den einzelnen Ländern nehmen zu. Das wird der EU auf lange Sicht schaden und sie vielleicht zerstören. Indem man Europa in eine Festung verwandelt, verstärkt man diesen inneren Zerfallsprozess. Seine Ursache sind nicht die Flüchtlinge. Die sind nur der willkommene Brandbeschleuniger von sozialen Konflikten, die vorher schon da waren.

SPIEGEL ONLINE: Nun zeigt sich mehr und mehr, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Flüchtlinge nicht aufnehmen will. Wovor haben die Leute Angst?

Seeßlen: Die Angst vor Veränderungen ist weitverbreitet. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Angst der richtige Begriff ist. Man will nichts abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Geht es um Besitzstandswahrung?

Seeßlen: Nicht nur. Wir haben es offensichtlich nicht geschafft, eine Gesellschaft zu werden, die sich in einem gemeinsamen Ziel wiederfindet. Wer wollen wir sein, was sind unsere Ideale? Dieses Fehlen halten uns die Flüchtlinge sozusagen als Spiegel vor Augen. Wenn dann immer von deutschen Werten gesprochen wird, empfinde ich das als Perversion. Das ist auch ein großes Versagen unserer Kultur. Und viele populäre Intellektuelle haben offenbar nur auf den Moment gewartet, nach rechts überzulaufen.

SPIEGEL ONLINE: "Wir lügen uns um die Tatsache herum, dass Europa auch eine Festung sein muss", sagt der Philosoph Rüdiger Safranski. Sein Kollege Peter Sloterdijk spricht vom "Lügenäther" der Medien und der Politik. Da ist der "Lügenpresse"-Vorwurf von Pegida nicht mehr weit.

Seeßlen: In beiden Fällen geht es um semantischen Geländegewinn. Ein Text wie der von Sloterdijk markiert zuallererst, dass man so etwas nun wieder sagen darf, auch als Suhrkamp-Autor.

SPIEGEL ONLINE: Wieso dieser Schulterschluss mit der neuen Rechten?

Seeßlen: Die Intellektuellen leiden im Grunde unter derselben Veränderungsangst wie Angehörige anderer sozialer Schichten. Eventuell müsste man Definitionsmacht abgeben, und das ist nicht gewollt. Dabei könnten die Intellektuellen in einer Gesellschaft, die sich neu erfinden muss, eine neue Position finden. Das kann etwas Wunderbares sein. Stattdessen greifen Sloterdijk und Safranski auf den antimodernen Diskurs zurück, der in Deutschland immer mitgeschleppt wird.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Safranski und Sloterdijk selbst an ihre Thesen?

Seeßlen: Natürlich ist ein Intellektueller immer auch PR-Agent in eigener Sache. Wenn man auf diesen Zug aufspringt, ist einem die Aufmerksamkeit der Medien relativ sicher.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre ein taktisches Moment. Und doch findet man in beiden Texten affektiv aufgeladene Begriffe. Rüdiger Safranski etwa meint, die Politik hätte die Entscheidung getroffen, "Deutschland zu fluten". Geht es da noch zuallererst um Aufmerksamkeit?

Seeßlen: Nein. Autoren wie Safranksi sollten die Bücher eigentlich gelesen haben, in denen sexuelle Metaphern wie die von der "Flut" analysiert worden sind, denken Sie nur an Klaus Theweleits "Männerphantasien". Es ist definitiv so, dass in der ganzen Diskussion immer auch der Diskurs der sexuellen Identität mitschwingt. Man kann ja mit kaum noch jemandem über Flüchtlinge sprechen, ohne dass es nach fünf Minuten um die Sorge um "unsere Frauen" geht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn in Ihren Augen Sorgen, die real sind und eine Berechtigung haben? Die Diskussion über das Frauenbild von Menschen aus Gesellschaften, die nicht von 1968 und vom Feminismus geprägt wurden, wird ja auch unter Linken und Flüchtlingshelfern geführt.

Seeßlen: Kein Mensch ist bislang auf die Idee gekommen, das liefe alle problemlos und würde ein großes Straßenfest. Jeder weiß, dass es Chancen und Probleme gibt. Die ganze Diskussion um Sexismus und Islam ist inzwischen dermaßen mit Kränkungen und Gegenkränkungen aufgeladen. Es gibt kaum noch die Möglichkeit, vernünftig über Probleme zu sprechen, die in einer demokratischen und kultivierten Gesellschaft durchaus zu lösen wären.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeichnen ein düsteres Bild.

Seeßlen: Es gibt schlicht niemanden mehr, der sich zu diesem Thema äußern kann, ohne gleich auf die eine oder andere Seite gestellt zu werden. Das ist eine alte Taktik der Rechten: Diskurse so lange zu vergiften, bis es einen vernunftgeleiteten Gedanken darin nicht mehr geben kann. Und die Beiträge von Sloterdijk und Safranski tragen dazu bei.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind Sie einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die mit den Flüchtlingen eine utopische Hoffnung verbinden. In welcher Weise könnten die Flüchtlinge Europa denn aus der von Ihnen diagnostizierten Misere helfen?

Seeßlen: Die Voraussetzung wäre eine Idee von einem Europa, in dem wir wirklich frei und gleich sein wollen. Menschen, die mit der großen Hoffnung auf einen Neuanfang zu uns kommen, könnten die idealen Träger einer solchen Idee sein. Dann könnten die Flüchtlinge Europa möglicherweise vor sich selbst retten. Und vor seiner weiteren Verrohung und Verblödung.

Lesen Sie zu dem Thema auch, wie SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Georg Diez zu dem Schluss kommt, dass Peter Sloterdijks Rhetorik vom Slang der AfD geprägt ist: "Verächter der Wirklichkeit"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 220 Beiträge
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1. Eine wertvolle...
tempus fugit 17.03.2016
...Darstellung, Analyse und Chlussfolgerung! Ob man daraus lernt?!...
2. lol
Hipster 17.03.2016
"Die Voraussetzung wäre eine Idee von einem Europa, in dem wir wirklich frei und gleich sein wollen. Menschen, die mit der großen Hoffnung auf einen Neuanfang zu uns kommen, könnten die idealen Träger einer solchen Idee sein." Mehr hat Herr Seeßlen nicht anzubieten? Ich kann mich noch erinnern, wie der Bonn-Berlin Umzug befürwortet wurde: "Zeichen der Deutschen Einheit", "Symbol der Hinwendung zum Osten" und ähnlicher Quatsch. Und für solche Worthülsen wurden ebenfalls Milliarden verbraten ....
3.
Ortho4 17.03.2016
"Das ist eine alte Taktik der Rechten: Diskurse so lange zu vergiften, bis es einen vernunftgeleiteten Gedanken darin nicht mehr geben kann." Übrigens ist diese Taktik bei den Linken mindestens genauso alt.
4. Georg Seeßlen ...
coyote38 17.03.2016
War das nicht der, der über STAR WARS schrieb "In jeder Popreligion gibt es auch einen Kindergeburtstag" ...? Also wahrhaftig die "allererste Adresse" für eine substanzielle politische Analyse ...^^ So langsam wird's echt albern ...
5. Wie jetzt?
tageskolumne 17.03.2016
Wie jetzt: Philosophen wie Sloterdijk sind so unvernünftig, dass die Gutmenschen keine Chance mehr haben? Oder die Sloterdijks ist zu vernünftig, um ideologisch verblendete Merkel-Anhänger emotional zu erreichen...? Der Artikel ist dermaßen kryptisch und widersprüchlich, dass man am Ende nur noch schmunzeln kann über so viel Super-Sanft-Sado-Masochismus.
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