Kabul - Die 24-jährige Shamsia Hassani ist keine Spitzenpolitikerin und auch keine Kämpferin, trotzdem ist sie eine Revolutionärin. Als wahrscheinlich erste afghanische Street-Art-Künstlerin besprüht sie die Ruinen in Kabul mit Bildern von Frauen in Burkas.
2010 kam Hassani bei einem Workshop des britischen Künstlers Chu zum ersten Mal mit Street Art in Berührung. Hier lernte sie den Umgang mit der Spraydose, und zusammen mit den anderen Teilnehmern gestaltete sie die erste Graffiti-Wand in Afghanistan. Während der Herrschaft der Taliban wäre das undenkbar gewesen: Bildende Kunst wurde von ihnen abgelehnt, Kino, Musik und Theater waren komplett verboten.
Der Workshop eröffnete Hassani, die am Kunstinstitut der Universität in Kabul arbeitet, ganz neue Ausdrucksweisen. "Wenn du eine Ausstellung machst, werden das die meisten ungebildeten Leute gar nicht mitbekommen", sagte sie der britischen Zeitung "The Guardian". "Aber wenn wir Graffiti in der ganzen Stadt machen, dann kann das jeder sehen." Und mit der Kunst werden auch die sozialpolitischen Themen sichtbar, die Hassani beschäftigen. "Ich denke ständig über die Belange von Frauen nach", sagte sie dem Internetportal Kabulatwork.tv.
Obwohl die Taliban seit mehr als zehn Jahren nicht mehr an der Macht sind, leiden afghanische Frauen immer noch unter Gewalt und Ungerechtigkeit. An die halb verfallene Wand des ehemaligen Kulturzentrums in Kabul hat Hassani deshalb eine Frau gesprayt, zusammengesunken auf einer Treppe, von Kopf bis Fuß in eine Burka gehüllt. "Sie überlegt, ob sie aufstehen kann oder ob sie fallen wird," sagte Hassani der Nachrichtenagentur Reuters: "Frauen in Afghanistan müssen bei jedem Schritt, den sie machen, aufpassen."
Hassani hat das nicht abgehalten. Ihre Familie stammt aus Kandahar, sie selbst ist in Iran geboren und aufgewachsen. In der Schule dort wollte sie Kunst als Hauptfach wählen, aber als Afghanin sei sie dazu nicht zugelassen, hieß es. Stattdessen lernte sie Buchführung. Als ihre Familie nach Kabul zurückkehrte, konnte Hassani ihren Traum verwirklichen: Sie fing an, Kunst zu studieren.
Heute zeichnet sie und malt in Öl, und sie hat ein Kollektiv für zeitgenössische Kunst mitbegründet, Rosht, zu Deutsch: Wachstum. Ihre Street Art ist ein erster Schritt in diese Richtung: "Kunst kann Veränderung bringen, da bin ich sicher. Wenn Leute ein Kunstwerk sehen, dann ändert ihr Denken vielleicht ein wenig die Richtung, und das kann weiter- und weiterführen."
avk/Reuters
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