Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Afrika-Kunstschau in Berlin: Lasst 100.000 Schnapsdeckel sprechen

Von

Kopflose Figuren mit Flinten, ein zerschossener Fasan und ein gigantischer Teppich aus Spirituosenverschlüssen: In Berlin zeigt die Ausstellung "Who knows tomorrow" aktuelle Kunst aus Afrika - und beleuchtet, wie auch die Deutschen in das Schicksal des Kontinents verwickelt sind.

"Who knows tomorrow": Zielgenau erledigt Fotos
AFP

Einen Gewinner hat die Fußball-WM schon jetzt. Allerdings keine Mannschaft, die das Runde ins Eckige zu transportieren trachtet, sondern eine Equipe, die aus dem eckigen Format längst ausgebrochen ist: die Liga der afrikanischen Künstler. Landauf, landab dürfen sie mit Installationen, Skulpturen oder Fotografien derzeit antreten: In der Berliner Nationalgalerie ebenso wie bei der Gerisch-Stiftung in Neumünster, am Londoner Trafalgar Square, bei Daimler Contemporary in Berlin oder beim Brüsseler Großevent "Visionäres Afrika" im Palais für Schöne Künste.

Zentrales Ereignis in Deutschland ist dabei "Who Knows Tomorrow". Fünf Künstler mit afrikanischem Hintergrund besetzen vier Orte der Berliner Nationalgalerie: von der Friedrichswerderschen Kirche über den klassisch modernen Bau der Neuen Nationalgalerie und den Hamburger Bahnhof bis hin zum Kunsttempel der Alten Nationalgalerie.

Dabei spielen die fünf balllosen Künstler hier nicht auf, um die Kunst der 53 Staaten Afrikas zu repräsentieren, sondern um ein wenig am repräsentativen Lack Deutschlands zu kratzen. Geknüpft an die geschichtsträchtigen Dimensionen ihrer Auftrittsorte ist nicht Afrika als solches ihr Thema; es geht auch um die Verwicklungen Deutschlands und Europas in das Schicksal Afrikas.

Mit Flinten einen Fasan zerschießen

Der für afrikanische Belange stets besonders engagierte damalige Bundespräsident Horst Köhler hatte dem Ausstellungsprojekt schon in einem frühen Stadium seine Unterstützung und die Schirmherrschaft zugesagt. Dem Katalog verleiht er mit seinem Grußwort präsidiale Weihen, obwohl die Ausstellung seit seinem Rücktritt offiziell gar keinen Schirmherrn mehr hat. So hat sich der die Ungewissheit der Zukunft beschwörende Ausstellungstitel "Who Knows Tomorrow" kurioserweise als besonders visionär erwiesen.

"Heute halten uns Künstler aus Afrika den Spiegel vor und geben uns dadurch die Möglichkeit, einen Blick auf Geschichte und Gegenwart zu werfen", schreibt Köhler im Ausstellungskatalog. Am zielgenauesten erledigt diesen Job Yinka Shonibare in der Friedrichswerderschen Kirche. Der Schinkel-Bau dient heute als Museumsraum für Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Ihn durchweht, etwa mit Standbildern von Wilhelm von Humboldt oder Johann Joachim Winckelmann, der Traum der Goethezeit von einem aufgeklärten, liberalen und tugendbasierten Staat. Im Raum unmittelbar vor dem Altar ist Shonibares Figurengruppe "Colonel Tarleton und Mrs. Oswald Shooting" aufgebaut.

Diese beiden historischen Persönlichkeiten - er ein gnadenloser Befürworter der Sklaverei, sie eine Profiteurin der wirtschaftlichen Kolonisierung Afrikas - werden in dem Moment gezeigt, da sie mit ihren Flinten gemeinsam einen Fasan zerschießen. Über ihnen zerplatzt der Körper des Vogels, aufgehängt an unsichtbaren Fäden. Im geistesgeschichtlich aufgeladenen Andachtsraum der Kirche wirkt das, als würde dort vor dem Altar der gute Geist des noch nicht kolonisierten Afrika in der Luft zerrissen und in fliegende Federn und spritzendes Blut zerstäuben.

Togo oder Kamerun berauschen

Auf der Empore zitiert eine zweite skulpturale Arbeit Shonibares - kopflose Figuren debattierend am Tisch - die in ihren Folgen so blutige Berliner Kongokonferenz herbei, die 1884/85 die Basis für Afrikas koloniale Aufteilung bildete.

Abstrakter operiert El Anatsui. Durch seine Arbeit wird die Alte Nationalgalerie in den nächsten Monaten auf tausenden Touristenfotos so verewigt werden, als sei ihre ehrwürdige Fassade mit Fetzen verhängt: Der in Ghana geborene Künstler hat hunderttausend Schnapsflaschen-Versiegelungen zu einem Teppich vernäht und gleich einem mottenzerfressenen Gobelin vors antikisierende Säulenportal gehängt. Damit projiziert El Anatsui an die Schaufassade deutscher Hochkultur einen Hinweis darauf, womit deutsche Spirituosenproduzenten in nicht gerade aufklärerischer Absicht beispielsweise Togo oder Kamerun berauschten.

Auch die weiteren Arbeiten der Schau sind ohne Eintritt zugänglich: die etwas dröge Flaggenparade von Pascale Marthine Tayou vor der Neuen Nationalgalerie, das gigantische Container-Menetekel von António Ole am Hamburger Bahnhof oder das hochästhetische und tieftraurige Sisal-Filmepos von Zarina Bhimji. Ob aber die räumlich so zerstreute Schau wirklich den nötigen konzentrierten Reflexionsraum schafft für den nicht weniger weit gespannten gedanklichen Kontext postkolonialer Kunststrategien?

Ihr Titel allerdings scheint sich schon ins Herz der Republik vermittelt zu haben. So tastete sich Angela Merkel kürzlich zur Frage nach den entscheidenden Wochen ihrer Kanzlerschaft an eine Erkenntnis heran, die vom Gehalt des "Who Knows Tomorrow" zu zehren schien: "Man kennt ja die Zukunft nicht so", formulierte sie. "Insofern weiß ich nicht, was noch kommt." Womit aber auch deutlich wird, dass von Afrika noch weiter zu lernen ist.


"Who Knows Tomorrow", bis zum 26. September in Berlin: Alte Nationalgalerie, Friedrichswerdersche Kirche, Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Who knows tomorrow?
lalito 04.06.2010
Habe die Antwort schon vor vielen Jahren im Sahel auf einem uralten Karren gepinselt gefunden: "Nobody knows tomorrow!"
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: