Tod von Aharon Appelfeld "Meine Geschichte ist eigentlich undenkbar"

Der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Aharon Appelfeld ist verstorben - SPIEGEL-Autor Martin Doerry sprach mit ihm 2005 über deutsche Kultur, das Leben im Getto und die Frage, was Jüdischsein bedeutet. Lesen Sie hier das Gespräch.

Aharon Appelfeld (2010)
AFP

Aharon Appelfeld (2010)


    Aharon Appelfeld wurde 1932 im rumänischen Jadowa geboren und wuchs in der heutigen Ukraine auf. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er unter anderem als Küchenjunge bei der Roten Armee, später wurde Appelfeld zu einem der angesehensten Schriftsteller Israels. In Deutschland erschienen von ihm unter anderem "Der Mann, der nicht aufhöre zu schlafen" und "Zeit der Wunder". Jetzt ist Appelfeld im Alter von 85 Jahren verstorben. Dieses Interview stammt aus dem Band "Nirgendwo und überall zu Haus - Gespräche mit Überlebenden des Holocaust" von Martin Doerry.

SPIEGEL ONLINE: Herr Appelfeld, wann ist aus dem Jungen mit dem schönen deutschen Namen Erwin ein junger Mann namens Aharon Appelfeld geworden?

Appelfeld: Ich bin 1946 nach Israel gekommen. Mit dreizehneinhalb Jahren, ohne Eltern und ohne Ausbildung. Ich hatte zu Hause in Czernowitz gerade noch mein erstes Schuljahr abgeschlossen. Israel war 1946 ein sehr ideologisches Land, ein sehr heroisches Land, und man musste sich an diese Situation anpassen. Als ich angekommen bin, hat man mir sofort einen anderen Namen gegeben. Mein Name war Erwin, und Aharon klingt irgendwie ähnlich. So bin ich also ein Aharon geworden. Und es gibt nur noch vier, fünf Leute auf der Welt, die mich Erwin nennen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihren Nachnamen hat man Ihnen gelassen?

Appelfeld: Nun, auch Appelfeld war ein Problem in diesem ideologischen Land. Und es gab Zeiten, in denen ich einen anderen Namen gehabt habe. Der hieß Pellet, und das heißt: Stahl.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Nachname klang zu deutsch?

Appelfeld: Nein, es lag nicht an Deutschland. Wenn ich etwa als Lehrer arbeiten wollte, war es einfach besser, einen hebräischen Namen zu haben. Es war kein Muss, es war ein leichter Druck: "Du lebst hier, bist hierher gekommen. Du hast dich zu ändern. Du hast zu vergessen. Du bist ein neuer Jude.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen das Israel der fünfziger Jahre ein "ideologisches Land": Wie äußerte sich das?

Appelfeld: Es war sehr stark sozialistisch, ja fast kommunistisch geprägt. Ich habe damals ein Buch mit Erzählungen unter dem Titel "Der Rauch" geschrieben. Warum heißt es "Rauch"? Weil die Leute Zigaretten rauchen, smoking cigarettes. Das war ein Buch über Leute, die nach Israel gekommen waren und am Ufer des Meeres lebten, am Strand. Sie führten das Leben von Vagabunden: Nachtleben, Karten spielen, Wodka trinken, Geldwechseln. Was Sie im Lager und im Getto gemacht hatten, machten sie nun auch hier, sie lebten wie ärmliche Bohemiens. Ich kam mit diesen Erzählungen zum Verleger, und er fragte mich: "Wie alt bist du?" "25 Jahre." "Mit diesem Thema willst du dich wirklich beschäftigen?" sagte er. "Hier ist ein neues Land. Wir bauen hier ein neues Leben auf, Kibbuzzim, eine Armee. Das ist ein Stoff, über den man schreiben muss. Das, was Du schreibst, das ist doch Dekadenz. Was soll das heißen, dass diese Menschen nach dem Holocaust nach Israel gekommen sind und hier nun Karten spielen, Wodka trinken und Affären mit Frauen haben? Was für ein Leben ist das? Das ist doch unmöglich, so ein Leben. Du willst schreiben? Schreib positiv, nicht dekadent." Das hat er mir gesagt.

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"Nirgendwo und überall zu Haus"

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SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben sich an diesen Rat nicht gehalten.

Appelfeld: Nein. Aber der Druck war groß. Der Verleger sagte: "Das ist doch nur Fantasie, was du da schreibst. Komm und zeige mir diesen Strand, wo diese Vagabunden leben." Ich sage: "Ich weiß es nicht. Ich schreibe, was ich fühle, was ich denke." Aber das ließ er überhaupt nicht gelten.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist ja das, was Sie in "Rauch" beschreiben, durchaus geprägt von Ihrer eigenen Erfahrung.

Appelfeld: Ja, selbstverständlich, zum Beispiel in den Flüchtlingslagern in Italien. Ohne solche Erinnerungen kannst du das nicht schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Sie schreiben grundsätzlich aus diesem Fundus der Erinnerung, ohne exakt zu rekonstruieren, Sie entwickeln eine Mischform zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Appelfeld: Das hängt jetzt davon ab, wie wir Fiktion definieren, was Fiktion ist, ja. Fiktionen sind keine Sachen, Fiktion heißt das Innere. Es gibt ein äußeres Leben, und es gibt ein inneres Leben.

SPIEGEL ONLINE: Aber beides ist wahr.

Appelfeld: Genau. Wahr ist alles, was du fürchtest, alles, was du dir vorstellst, was du träumst.

SPIEGEL ONLINE: In einem Gespräch mit Ihrem Kollegen Philip Roth haben Sie 1988 gesagt: "Ich habe nie so über die Dinge geschrieben, wie sie sich wirklich zugetragen haben." Und dann, im Hinblick auf den Holocaust: die Wirklichkeit gehe über jedes Vorstellungsvermögen hinaus. Warum haben Sie als Überlebender in all Ihren Büchern vor dem Äußersten haltgemacht - und es eben nicht beschrieben?

Appelfeld: Es ist zu groß und unglaublich. Wie können andere Menschen dir so etwas glauben? Schon meine Geschichte ist doch eigentlich undenkbar: Ich war ein Kind und lebte viele Tage allein im Wald. Wie konnte es geschehen, dass ein kleines Kind, das aus einem sehr kulturellen, wohlhabenden Haus stammt, sich nun von Blättern ernähren muss? Mein Vater war ein erfolgreicher Unternehmer, bei uns zu Hause gab es eine große Bibliothek, es gab Musik - und dann das!

SPIEGEL ONLINE: Ihre Heimatstadt Czernowitz war damals eine weitgehend jüdischen Stadt. Welche Sprache sprachen Ihre Eltern untereinander, welche mit Ihnen?

Appelfeld: Mit mir deutsch, aber es gab bei uns auch Hausmädchen aus der Ukraine, mit denen wir ukrainisch gesprochen haben, mit anderen rumänisch. Und die Nachbarn waren Polen. Französisch sprach man in der upper class. Und alle diese Sprachen habe ich zu Hause gehört.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch war Deutsch Ihre Muttersprache?

Appelfeld: Unbedingt. Nur mit meinen Großeltern, die in den Karpaten wohnten, haben wir jiddisch gesprochen. Meine Eltern wollten allerdings nicht, dass ich jiddisch lernte.

SPIEGEL ONLINE: Das galt als sozial niedrig stehend?

Appelfeld: Nun, meine Eltern wollten keinesfalls als Ostjuden gelten. Das Ideal war Wien, Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Also war Ihre Familie schon stark assimiliert? Fehlte Ihnen das, was man jüdische Identität nennen könnte?

Appelfeld: Ja, sie hatten das schon verloren. Ein assimilierter Jude hat die Verbindung mit den jüdischen Werten verloren, mit der jüdischen Gesellschaft, mit der jüdischen Religion, er hat alles verloren.

SPIEGEL ONLINE: Und bei Ihren Eltern war das auch schon ein bisschen der Fall?

Appelfeld: Nicht ein bisschen, mehr: Alles, was an das Judentum erinnerte, schien Ihnen irgendwie anachronistisch zu sein. Das Gute, das Schöne war die deutsche Sprache, die deutsche Literatur und Musik. Das war ihr Credo, das war das Wesentliche. Deutsch bedeutete für den assimilierten Juden mehr als nur eine Frage der Kommunikation. Die deutsche Sprache war seine Kultur, ja seine neue Religion.

SPIEGEL ONLINE: Unter diesen Vorzeichen muss es für Sie und Ihre Familie noch schlimmer gewesen sein, dass es ausgerechnet die Deutschen waren, die Sie seit 1939 so barbarisch behandelt haben.

Appelfeld: Für meine Eltern war es so, nicht für mich. Ich war achteinhalb Jahre, was konnte ich verstehen?

SPIEGEL ONLINE: Aber die Eltern hatten Ihnen dieses Idealbild doch sicher schon vermittelt.

Appelfeld: Selbstverständlich, aber ich konnte das alles noch nicht begreifen. Die Sprache und diese Kultur, die meine Eltern so geliebt haben, wurde nun auf einmal zur Sprache der Mörder.

SPIEGEL ONLINE: Wann und wo haben Sie die Deutschen erstmals gesehen?

Appelfeld: Wir waren im Sommer bei unseren Großeltern in den Karpaten. Eines Tages sind die Rumänen und die Deutschen in dieses Dorf gekommen, sie gingen von Haus zu Haus und ermordeten die Juden. Man hat die Christen gefragt, wo Juden wohnen, und hat sie dann alle getötet.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie selbst waren zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause?

Appelfeld: Doch, ich war im Bett und krank. Ich habe Mumps gehabt. Und meine Eltern waren draußen.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau?

Appelfeld: Meine Mutter war im Hof, mein Vater war irgendwo bei einem Nachbarn. Ein Schuss ging in die Fensterscheibe. Ich bin ans Fenster, habe gesehen, was passierte und bin dann in das große Kornfeld hinter dem Haus gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Dort haben Sie sich versteckt?

Appelfeld: Ja. Und den ganzen Tag über hörten die Schießerei und das Geschrei nicht auf, überall hat man rumgeschossen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Appelfeld: Mein Vater hat mich irgendwann in diesem Kornfeld gefunden und wir sind zurück nach Czernowitz.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Mutter gar nicht mehr gesehen?

Appelfeld: Wir haben gewusst, dass sie tot ist.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie denn in Ihre Wohnung in Czernowitz zurückkehren?

Appelfeld: Ja, aber nicht lange. Wir mussten sie dann aufgeben, eine schöne, große Wohnung war das.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten ins Getto?

Appelfeld: In ein Zimmer gepresst mit 15 oder 20 Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie so gelebt?

Appelfeld: Ich glaube, zwei oder drei Monate waren wir dort. Dann sind wir weiter in ein Lager in der Ukraine geschickt worden. Als wir am Dnjepr ankamen, einem großen Fluss, hat man viele Juden einfach ins Wasser getrieben. Nur die stärkeren Männer durften weiter nach Bessarabien marschieren, vielleicht hundert Kilometer. Es sind viele Leute gestorben. Aber mein Vater war ein starker Mann, er hat mich viel getragen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Die Geschichte eines Lebens" erzählen Sie, wie Sie auf dem Marsch immer wieder im Schlamm einsinken und Ihr Vater auch mit Ihnen schimpft. Dann kommen Sie schließlich in diesem Lager an, und dort wird Ihr Vater schon nach wenigen Tagen von Ihnen getrennt.

Appelfeld: Ja, da hat man mir meinen Vater weggenommen, und ich bin mit älteren Leuten, mit Frauen und Kindern allein geblieben, von denen viele nach zwei, drei oder vier Tagen starben. Und ich wusste: Wenn ich dort bleibe, sterbe ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie mussten fliehen.

Appelfeld: Es gab da einen hohen Zaun, der nicht gut bewacht war - insgesamt nur drei oder vier rumänische und zwei deutsche Soldaten - , und durch ein Loch konnte ich entkommen, erst mal in den Wald, wie gesagt, aber dann, als der Hunger unerträglich wurde, zu einem Bauern. Ich wollte arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie waren nur zehn Jahre alt.

Appelfeld: Ich war neuneinhalb, 1941. Aber der Bauer hatte genug Kinder, er hatte vier. Also habe ich weiter gesucht, und so habe ich gesehen, dass außerhalb des Dorfes vereinzelt noch andere Hütten standen, ärmere Hütten. Und dort habe ich eine Prostituierte gefunden, sie war die Dorfhure und sie hat mich akzeptiert. Während sie ihrer Arbeit nachging, musste ich den Haushalt erledigen. Waschen, Kochen, Einkaufen, die Kuh melken, im Garten arbeiten. Ich habe zu Hause die erste Klasse beendet, das Leben bei dieser Frau war, wenn man so will, die zweite Klasse.

SPIEGEL ONLINE: Sie hat Sie akzeptiert, weil sie auch eine Außenseiterin war - so wie Sie.

Appelfeld: Ganz genau. Die war von der Gesellschaft ausgestoßen. Ich habe viel über sie geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bücher tasten ja die eigene Erinnerung immer wieder von Neuem ab. Vielleicht kann man Ihren Blick in die Vergangenheit mit dem Lichtkegel einer Taschenlampe vergleichen, der eine lange, dunkle Wand anstrahlt und nach etwas sucht. Sie haben immer die eigene Geschichte als lange, große Wand vor sich, und immer wieder sehen Sie: "Ach, da ist noch etwas, dort ist noch etwas."

Appelfeld: Das ist sehr wahr.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben eben über Assimilation gesprochen. Und sie haben diesen Prozess ziemlich kritisch dargestellt: Die Menschen hätten schließlich ihre jüdische Herkunft ganz vergessen und verdrängt.

Appelfeld: So ist es, manchmal steigert sich diese Haltung bis zum Selbsthass.

SPIEGEL ONLINE: Nun meine Frage: Glauben Sie, dass zu dieser jüdischen Kultur und Identität auch noch der Glaube zwangsläufig dazu gehört? Muss man gläubig sein, um ein Jude zu sein?

Appelfeld: Der assimilierte Jude im Europa des frühen 20.Jahrhunderts wollte im Grunde kein Jude sein. Er wollte zur Welt der Deutschen oder der Franzosen oder zu den Engländern gehören, aber nicht zu den Juden. Er hatte sogar eine gewisse Aversion gegen seine Herkunft. Sehr tragisch war das Schicksal der deutschen Juden in den Lagern. Die haben sich häufig gar nicht als Juden gesehen. Und hier wurden sie nun mit Ostjuden zusammengepfercht. Viele haben Selbstmord begangen. Sie konnten diesen Widerspruch nicht verstehen: Was ist schlecht an mir? Ich bin doch wie jeder Deutscher. Was ist der Unterschied? Warum bin ich hier?

SPIEGEL ONLINE: Nun sprechen Sie über die assimilierten Juden in den dreißiger und vierziger Jahren. Aber es gibt auch in Israel heute viele assimilierte Juden, also Menschen, die sich zwar als Israeli empfinden, die aber völlig in der westlichen Kultur aufgehen.

Appelfeld: Ja, das stimmt. Aber es gibt einen Unterschied: Wenn du damals als Jude in Deutschland oder Frankreich lebtest, bist Du Deutscher oder Franzose geworden. Nicht nur die Sprache, sondern auch die body language, das Verhalten - alles ist deutsch oder eben französisch geworden. Aber woran assimilierst Du Dich in Israel? Du lebst doch unter Juden. Und wenn Du in Jerusalem lebst, wo 30 oder 40 Prozent der Einwohner sogar orthodoxe Juden sind, kannst du dich allenfalls an die Orthodoxen assimilieren, also auch orthodox werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber dennoch: Ob in Israel oder in Europa - die Menschen entfremden sich ihrer Religion, sie sind nicht mehr gläubig. Dieser Prozess gefährdet doch auch den Zusammenhalt der Juden, die Mehrzahl der Menschen in Israel ist ja keineswegs orthodox...

Appelfeld: ...80 Prozent der Bevölkerung sind säkular, etwa 20 Prozent sind religiös in unterschiedlicher Form.

SPIEGEL ONLINE: Also stellt sich doch die Frage, ob es so etwas wie eine Identität ohne Religion geben kann.

Appelfeld: Gut, ich kann nur von mir sprechen. Ich stamme aus einer ganz assimilierten Familie, aber ich habe in Israel Hebräisch gelernt. Das heißt, die hebräische Sprache hat mir nicht nur die Bibel zugänglich gemacht, sondern auch den Talmud, die mittelalterliche Literatur, die rabbinische Literatur, die jüdische Philosophie und auch die mystischen Texte, die Kabbala und vieles mehr. Das heißt, die Sprache hat mir ein so breites Tor zu meiner jüdischen Identität geöffnet, dass ich zwar kein religiöser Jude in traditioneller Form geworden bin, aber in Verbindung mit all dem stehe, was mit dem Jüdischen zu tun hat. Mein Kopf ist voll mit diesen Büchern. In den letzten 100 Jahren haben sich viele bedeutende Juden über solche Fragen geäußert, Leute wie Franz Rosenzweig, Martin Buber, Gershom Scholem - wunderbare Menschen, viele von ihnen kamen übrigens aus Deutschland. Sie alle wollten auch Ihre Frage beantworten: Wie geht das? Kann ein Jude Jude sein...

SPIEGEL ONLINE: ...ohne den Glauben an Gott?

Appelfeld: Ohne Gott. Ja, aber die Frage stellt sich für mich anders. Kann man ohne Bedeutung, ohne einen Sinn leben? Religion heißt Bedeutung. Das heißt, du lebst, weil es eine Bedeutung hat, weil es sinnhaft ist. Du bis in diese Welt gekommen, um etwas zu machen, etwas Gutes zu tun. Das ist die Frage.

SPIEGEL ONLINE: Ich verstehe, was Sie meinen. Und dennoch ist das ein sehr reduzierter Begriff von Religion.

Appelfeld: Ja, selbstverständlich. Aber das ist das Fundament. Das heißt, du suchst nach einer Bedeutung. Ohne dieses Fundament können wir nicht weiterleben Als ich 1946 nach Israel reiste, war ich noch völlig verwirrt und entwurzelt. Aber mit meiner Ankunft erhielt mein Leben plötzlich einen Sinn. Hierher kamen Leute, die alles verloren hatten, jetzt wurden sie zu Bauern, jetzt arbeiteten sie auf dem Feld, jetzt mussten sie sich verteidigen, jetzt führten sie ein einfaches Leben - das einen Sinn hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Ihnen denn gelungen, aus der Welt der Bauern und Siedler auszubrechen und in die literarische Welt aufzusteigen?

Appelfeld: Ich wollte einfach studieren. Und eines Tages kam ich zu Martin Buber, den ich sehr verehrte, und er suchte Studenten, die Deutsch verstehen. Er konnte anfangs kaum Hebräisch, bei ihm habe ich die Bibel gelernt. Gershom Scholem dagegen hat die Sprache sehr gut beherrscht, sehr gut. Er war aber auch der einzige deutsche Jude, der Hebräisch konnte. Viele deutsche Professoren tat sich sehr schwer mit der neuen Sprache.

SPIEGEL ONLINE: Galt das auch für Sie?

Appelfeld: Ja, es hat lange gebraucht, aber ich wollte es lernen. Viele jüdische Emigranten hatten dagegen immer noch eine vollkommen deutsche Identität. Sie sind nach Israel gekommen und haben sich dort in ein Getto zurückgezogen, ob nun in Jerusalem, in Haifa oder in Tel Aviv.

SPIEGEL ONLINE: Die Jeckes blieben unter sich?

Appelfeld: Sie haben die deutsche Sprache gesprochen, und sie haben ihre Kaffeehäuser gehabt. In diesen Kaffeehäusern waren sogar die Kellner Professoren, Ingenieure, Juristen, Romanisten, Kunsthistoriker. In Jerusalem gab es einige Kaffeehäuser, in die ich immer als Student gegangen bin, wenn ich irgendwelche Fragen hatte. Die Kellner wussten alles. Es war so tragisch, diese Leute zu sehen, wie sie Kaffee servierten und Tee und Sandwiches machten. Geistvolle, wunderbare Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Lauf der Zeit sind sie alle gezwungen worden, Hebräisch zu lernen.

Appelfeld: Es gab diesen gesellschaftlichen Druck. In den Kibbuzim war er sehr stark, in der Stadt weniger. Aber viele Jeckes konnten oder wollten sich nicht anpassen. Diese Bauern und Soldaten schienen ihnen sogar ein bisschen vulgär sein, roh, eben nicht so gebildet wie sie.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben sich diese Gettos aufgelöst?

Appelfeld: Eigentlich erst, als diese Leute gestorben sind, irgendwann in den siebziger Jahren. Die deutschen Juden machten nur einen kleinen Prozentsatz aus, aber sie haben die Universität aufgebaut, sie haben die Industrie und das Bankensystem aufgebaut, sie haben systematisch gedacht und gearbeitet in diesem großen Haus Israel. Die fehlen uns heute.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie das Israel von heute anschauen und an das Israel des Jahres 1950 zurückdenken: In welchem Land fühlen Sie sich wohler?

Appelfeld: Es war schön in den Fünfzigern - und auch unangenehm. Schön, weil damals über 800.000 Juden aus Europa kamen, die Überlebenden des Holocaust. Sie kamen einfach nur, um überhaupt zu leben, und das war wunderbar. Aber es gab auch dieses bolschewikische Element in dieser jungen Nation, das hatten nicht die deutschen Juden mitgebracht, sondern die russischen. Es hieß: Du musst hebräisch sprechen. Wir müssen ein Volk sein. Du musst arbeiten. Du musst an andere denken, denk nicht an dich. Das heißt, das Individuelle galt als unwichtig.

SPIEGEL ONLINE: Eine sozialistische Staatsideologie?

Appelfeld: Ja. Heute gibt es das praktisch nicht mehr. Dafür haben wir eine starke religiöse, aggressive Gruppe, die Siedler, nur ungefähr fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung, aber sehr fanatisch. Und dann haben wir auch die Linke in etwa derselben Prozentzahl. Aber zwischen der Linken und der Rechten handelt es sich hier um eine ganz normale Gesellschaft mit allen schlechten und guten Eigenschaften.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass der Jahrzehnte währende Konflikt mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn Israel in seinem Kern beschädigt hat? Zuweilen beobachtet man, dass der Terror der Intifada und die Bekämpfung des Terrors die Menschen sehr hart gemacht haben. Und zum Teil auch intolerant und rassistisch gegenüber den Palästinensern, gegenüber den Arabern insgesamt.

Appelfeld: Selbstverständlich gibt es eine gewisse Bitternis. Die ersten Juden kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach Israel, sie wollten sich noch anpassen und von den Arabern lernen, wie man in dieser Wüste hier leben kann. Diese sozialistische Gesellschaft, die nach Israel kam, wollte nicht in einen Konflikt mit den Arabern geraten. Aber es kam ganz anders, Krieg nach Krieg, immer wieder, bis heute. Jede Familie klagt heute über mindestens einen Gefallenen. Wir leben auf einer kleinen Insel mit vielleicht fünfeinhalb Millionen Juden - und um uns herum leben 200 Millionen Araber. Und sie wollen uns nicht, sie sehen uns als ein fremdes Element.

SPIEGEL ONLINE: Eine Lösung ist nicht in Sicht?

Appelfeld: Jedenfalls sehe ich eine große Verzweiflung, auch gerade bei jungen Leuten. Sie werden in jedem Krieg aufs neue mobilisiert, müssen kämpfen. Damals dachten wir, dass in zwei, drei Generationen das Fundament für ein normales Leben in einem normalen Staat aufgebaut sein könnte. Heute sehen wir, das wir das nicht erreicht haben. Das ist eine tiefe Enttäuschung.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch kommen immer noch Juden aus aller Welt nach Israel.

Appelfeld: Und auf der anderen Seite gibt es viele junge Leute, die emigrieren, die nach Europa oder Amerika gehen, weil sie hier nicht mehr leben können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Appelfeld, lassen Sie uns noch einmal an die Anfänge Ihrer Geschichte zurückkehren. Wenn Sie heute nach Europa kommen und durch einen Wald gehen: Sind Sie da sofort wieder der kleine Junge, der durch den Wald irrt und hungert?

Appelfeld: Ich bin immer dort. Ich brauche keine konkreten Anregungen. Ein Schriftsteller zehrt, so lange er lebt, von den Erfahrungen der Jugend.

SPIEGEL ONLINE: Und woran erinnern Sie sich, wenn Sie an das Leben im Haus der Dorfhure zurückdenken?

Appelfeld:Eigentlich habe ich immer nur gewartet, dass meine Eltern zurückkommen. Eine Illusion, natürlich. Aber sie war irgendwo ganz tief in meinem Kopf. Morgen, nächste Woche werden sie kommen. Ich habe fantasiert, dass meine Eltern zurückkommen. Ich habe mich dieser Fantasie völlig hingegeben, sonst hätte ich gar nicht leben können.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl sie wussten, dass Ihre Mutter tot ist?

Appelfeld: Ja. Nach dem Krieg war ich auch davon überzeugt, dass mein Vater nicht überlebt hätte. Ich hatte Leute getroffen, die mir von den furchtbaren Bedingungen in dem Lager erzählt hatten, in dem er eingesperrt war, von der Kälte, dem Hunger. Er war ein starker Mann, aber das konnte er eigentlich nicht überlebt haben. 20 Jahre später habe ich ihn dann doch gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Wo?

Appelfeld: In Israel habe ich ihn gefunden. Er hingegen - das hat er mir dann erzählt - hatte immer gedacht, dass dieser kleine Erwin nicht überleben konnte. Nicht die Kälte, nicht den Hunger.

SPIEGEL ONLINE:Wie haben Sie ihn wiedergefunden?

Appelfeld: Jeden Monat bin ich zur Jewish Agency gegangen, um die Newcomer zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Also die Liste jener, die nach Israel eingewandert waren.

Appelfeld: Ich suchte nach eine Cousin, einem Verwandten. Und plötzlich habe ich seinen Namen gesehen, Michael Appelfeld, da stand er auf der Liste.

SPIEGEL ONLINE: Und wo haben Sie ihn getroffen?

Appelfeld: Man hatte mir gesagt, dass er schon einen Monat in Israel lebt, in einem Aufnahmelager. Dort man sagte mir aber, er arbeite nun auf einer Orangenplantage, also bin ich dort hingefahren und sah dann einen alten Mann auf einer Leiter, der Orangen pflückte.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Vater?

Appelfeld: Ich sah den Mann und rief: "Herr Appelfeld?" Daraufhin kam er die Leiter herunter, sah mich und konnte für lange, lange Stunden nicht sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dann wieder zusammen mit ihrem Vater gelebt?

Appelfeld: Ja, wir waren 15 Jahre zusammen. Und er hat mir viel von meinen Erinnerungen zurückgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben drei inzwischen erwachsene Kinder. Wann haben Sie denen von Ihrer Geschichte erzählt?

Appelfeld: Als sie ganz klein waren, habe ich nichts erzählt. Für mich war es schwer genug, ich wollte sie nicht auch noch belasten. Irgendwann mit zehn, zwölf Jahren sind sie gekommen. Dann habe ich gespürt, dass ich ihnen etwas von meinem Leben erzählen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihnen Ihre Bücher gegeben?

Appelfeld: Nein, ich habe ihnen ein bisschen von meinen Abenteuern erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Also nicht streng chronologisch?

Appelfeld: Eher märchenhaft, so wie es ja auch für ein Kind wirken musste. Schließlich war mein Leben so etwas wie ein Märchen. Und nur weil es so war, konnte ich überleben.

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