Atelierbesuch bei Ai Weiwei "Ich will jeden Tag weg"

Ai Weiwei ist der Star der internationalen Kunstszene. Doch Chinas berühmtester Regimekritiker darf sein Land nicht verlassen. SPIEGEL ONLINE besuchte ihn in seinem Atelier.

Künstler Ai Weiwei: Sonnenblumensamen zum Abschied
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Künstler Ai Weiwei: Sonnenblumensamen zum Abschied

Von , Peking


Klar, da steht es, das Fahrrad mit den Blumen, hier muss es also sein. Vor einer Stahltür in einer typischen Straße im Norden Pekings lehnt ein Fahrrad an einen dünnen Baum, der Korb hängt am Lenker, darin frische Blumen. Jeden Morgen legt Ai Weiwei einen kleinen Strauß hinein, macht ein Foto. Gefilmt wird die tägliche Aktion von Dutzenden Überwachungskameras, die Chinas Unterdrückungsapparat vor dem Eingang zu Ai Weiweis Haus postiert hat. Seit Beginn des Jahres protestiert der Künstler so dagegen, dass sich die chinesischen Behörden noch immer weigern, ihm seinen Reisepass zurückzugeben.

Ai Weiweis Ausstellungen ziehen Menschen in der ganzen Welt an, aktuell sind seine Werke auf der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz vor der Küste Kaliforniens zu sehen und im britischen Churchill-Palast Blenheim. In Deutschland strömten zuletzt Zehntausende in die Berliner Ai-Weiwei-Ausstellung. Seine Kunst ist global, doch anders als seine Werke darf Ai Weiwei China nicht verlassen.

Sonntagnachmittag, 17 Uhr, ein Mitarbeiter des Künstlers öffnet die türkisgrüne Tür, die kleine Besuchergruppe steigt über eine Schwelle in den Hof. Ai Weiwei tritt hinzu, führt die Gruppe über den Hof in sein Atelier. Das Haus mit Privatwohnung, Büroräumen und dem Studio hat er vor wenigen Jahren gebaut, innerhalb von 60 Tagen, wie er sagt.

Zwei, drei Katzen huschen mit in den Raum, die Wände sind hoch und licht. Um einen Holztisch stehen Schemel, wie zuletzt im Berliner Gropius-Bau, darauf nehmen drei Journalisten Platz, dazu ein Kunstsammler aus Kanada, der deutsche Filmemacher Burkhard von Harder und Margarete Bause, die Fraktionschefin der Grünen im bayerischen Landtag.

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Bayerische Delegation in China: Bause und der Dissident
Bause hat das Treffen mit Hilfe einer Freundin organisiert, die sich in der Pekinger Kunstszene auskennt. Die Grünen-Politikerin reist derzeit mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) durch China. Sie findet, dass man neben den Gesprächen mit Wirtschaftsführern und kommunistischen Funktionären auch mit den Opfern von Chinas Unterdrückungsapparat reden sollte. Mit Leuten wie Ai Weiwei. Nicht alle in Seehofers Delegation sehen das so. "Eklat", werden bayerische Zeitungen nach Bauses Besuch titeln.

Ai Weiwei nimmt sich Zeit. Er ist Mitte 50, ein schwerer Mann, seine schwarzen Haare sind strubbelig, der Bart zerzaust. Er trägt ein Sweatshirt mit dem Aufdruck des Stockholm Film Festivals, eine labbrige Hose, Schuhe aus Stoff. Sein Englisch ist leise, aber sehr gut. Rund eine Stunde lang antwortet er auf die Fragen seiner Besucher. Ab und zu zückt er sein iPhone und fotografiert eine seiner Katzen.

Bause fragt nach Ai Weiweis Erwartungen an deutsche Politiker auf Chinareise. Sie sollten Menschenrechtsverletzungen offen ansprechen, sagt Ai Weiwei. Und zwar konkret mit Namen und Details. So wie bei dem Deutschen Kunstspediteur Nils Jennrich, der 2012 fast fünf Monate ohne Anklage im chinesischen Gefängnis saß, bis die Bundesregierung seine Ausreise erreichen konnte. Ihm gehörte auch das Fahrrad vor der Tür, das Ai Weiwei jetzt täglich mit Blumen schmückt.

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Ai Weiwei selbst spürt Veränderungen der politischen Großwetterlage am Härtegrad seiner Überwachung. Als Staatspräsident Xi Jinping in diesem Jahr nach Berlin zu Kanzlerin Angela Merkel reiste, kamen seine Bewacher noch mit Blumen vorbei. Heute sind solche Entspannungssignale vorbei. Die Partei sei nervös, sagt Ai Weiwei, immerhin hätten die Kommunisten noch nie eine freie Wahl gewonnen. Dazu kommen die Proteste gegen Chinas Allmacht in der ehemaligen britischen Kolonie Hongkong.

Im Schutz der Öffentlichkeit

Es klingt schizophren: Ai Weiwei hat keinen Pass, aber als einer der wenigen in China kann er zumindest bis zu einem gewissen Grad offen sagen, was ihm nicht gefällt. Ihn schützt die weltweite Öffentlichkeit und auch kleine Besuche wie dieser.

Ai Weiwei hat keine Ahnung, wann er sein Reisedokument zurück bekommt. Die ganze Willkür der Behörden wird auch daran deutlich, dass der Mann gar nicht plant, auszureisen. "Wenn ich meinen Pass hätte, würde ich China nicht verlassen wollen", sagt er. "Aber da ich ihn jetzt nicht habe, will ich jeden Tag weg."

Brutal seziert Ai Weiwei die politische Kultur des Landes und die oftmals korrupte Elite, die kein Interesse an grundlegenden Reformen habe. Umweltskandale und Behördenwillkür prangert er schon länger an, 2011 wurde er am Flughafen Peking verhaftet, wegen "Wirtschaftsverbrechen", wie es offiziell hieß. Seine Gefängniszelle hat er für eine seiner Ausstellungen nachgebaut. Die Grenzen zwischen Kunst und Politik verschwimmen.

"Papa, wer hat deinen Pass?"

Auf Persönliches kommt Ai Weiwei nur kurz zu sprechen. Er erzählt, wie sein sechsjähriger Sohn von ihm wissen wollte: "Papa, wer hat deinen Pass, die Kommunistische Partei oder die Polizei?" Ai Weiwei kann es nicht sagen. "Das System" hat seinen Pass verschluckt.

Zum Abschied schenkt er seinen Besuchern kleine Plastiktütchen mit Sonnenblumensamen, Millionen davon hat er vor Jahren in einer Ausstellung in der Londoner Tate ausgestreut. Ai Weiwei winkt ein letztes Mal, dann schließt er die Stahltür. Jeden Schritt filmen die Überwachungskameras. Ai Weiwei hat rote Lampions daran angebracht.

insgesamt 14 Beiträge
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Coemgen2 24.11.2014
1. Quatsch
Der Mann war schon x-mal im Ausland und aus Hongkong kommt der jederzeit raus. Nur: er kann dann wahrscheinlich nicht zurückkehren.
kaiping 24.11.2014
2. @coemgen2
Aber ohne Pass kommt er nicht nach Hongkong. Hongkong hat eigene Grenzen, man kann als Chinese nicht unbedingt eben mal nach Hongkong. Ohne Pass kann man sich nicht frei bewegen, ganz einfach.
outsider-realist 24.11.2014
3.
Zitat von Coemgen2Der Mann war schon x-mal im Ausland und aus Hongkong kommt der jederzeit raus. Nur: er kann dann wahrscheinlich nicht zurückkehren.
Quatsch? Versuchen Sie mal ohne Reisepass ins Ausland zu fliegen.....und ich rede jetzt nicht von Malle. Lesen Sie den Text doch einfach mal richtig.....
ohnefilter 24.11.2014
4. Ich sag mal so:
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das ist in Hongkong doch wohl nicht anders als in China, oder?
frankori 24.11.2014
5. Es gibt auch noch andere Kunst...
Das ist schlimm, was da passiert; es ist gut, dass es Ai Weiweis gibt. Aber: Es gibt auch einen konstruktiven Kunstaustausch zwischen Deutschland und China. Nicht nur Dissidentenkunst aus China ist gute Kunst... Siehe zum Beispiel hier: http://interculturecapital.de/chinesisch-europaeische-kunst-projekt-peking-foerdert-den-austausch
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