Ai-Weiwei-Ausstellungen Boom des Verbotenen

Die Welt liebt Ai Weiwei: Der chinesische Künstler ist zwar inhaftiert, aber trotzdem omnipräsent. Ausstellungen in Berlin, New York und London geraten zu Protestveranstaltungen für den Regimekritiker. Die chinesische Regierung scheint sich verrechnet zu haben: Die Festnahme machte Ai zum Superstar.

Getty Images

Im weiten Innenhof des Somerset House am Themseufer wimmelt es am Mittwochmorgen wie auf einem Ameisenhaufen. Kameraleute und Fotografen suchen nach der schönsten Perspektive: Welcher der zwölf Tierköpfe macht sich vor der neoklassizistischen Fassade am besten? Ratte, Drache oder doch die Schlange?

Die monumentalen, über 200 Kilo schweren Bronzeköpfe, die den chinesischen Tierkreis repräsentieren, sind eine Installation des chinesischen Bildhauers Ai Weiwei, des derzeit wohl bekanntesten Künstlers der Welt. Ai sollte bei der Eröffnung in London eigentlich dabei sein, doch ist er seit seiner Festnahme am Pekinger Flughafen Anfang April im undurchdringlichen kommunistischen Unterdrückungsapparat verschwunden.

Den Druck aufrechterhalten

Die Medienanfragen seien nach der Festnahme regelrecht explodiert, sagt eine Sprecherin des Somerset House Trust. Die Direktorin Gwyn Miles gibt ein Interview nach dem anderen, erklärt, wie entsetzt sie über Ais Verschwinden sei und dass man nun erst recht sein Werk zeigen müsse.

Ähnlich äußert sich Nicolas Logsdail, Direktor der Londoner Lisson Gallery, wo ab Donnerstag eine große Ai-Werkschau zu sehen ist. "Das Beste, was wir tun können, ist, unsere Unterstützung zu zeigen und den Druck aufrechtzuerhalten", schreibt Logsdail im "Observer".

Es ist das gleiche Bild wie in allen westlichen Metropolen: Die Eröffnungen von Ais Ausstellungen geraten zu Protestveranstaltungen gegen das chinesische Regime - und gegen die Willkürherrschaft im Allgemeinen. Bei keinem dieser Events darf das Ai-Zitat der Stunde fehlen: "Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine moderne Welt, nur eine barbarische".

In Berlin erschienen Ende April Außenminister Guido Westerwelle und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zur Besichtigung von Ais Baum-Skulpturen in die Galerie Neugerriemschneider und forderten die Freilassung des Künstlers. In New York, wo vergangene Woche eine weitere Kopie der Tierkreis-Installation aufgestellt wurde, kam Bürgermeister Michael Bloomberg zur Eröffnung und verdammte die chinesische Regierung. Bekannte Künstler wie Julian Schnabel und Bill T. Jones rezitierten Ais Texte.

Millionen Touristen lesen die Anklage

Die Festnahme, so scheint es, hat den 53-jährigen Chinesen erst so richtig ins globale Bewusstsein gehoben. "In Haft ist er viel gefährlicher als er es je zuvor war", schreibt Logsdail. Die chinesischen Behörden hätten einen Fehler begangen. "Diese Festnahme lässt Chinas neue kulturelle Revolution ziemlich unrevolutionär aussehen".

Seit Wochen macht die westliche Kunstszene mobil und ruft zu Protestaktionen auf. An der Londoner Tate Modern Gallery, einer der bekanntesten Kunst-Kathedralen der Welt, prangt ein riesiger Schriftzug: "Lasst Ai Weiwei frei". Der Slogan ist für jeden der Millionen Touristen sichtbar, die sich am Themseufer entlang schieben. Vor zehn Tagen veranstaltete der britische Künstler Hamish Fulton einen zweistündigen "Slowalk" in der Turbinenhalle der Tate, deren Boden bis vor kurzem mit Millionen von Ais Porzellan-Sonnenblumenkernen bedeckt war. Rund hundert Menschen nahmen teil - und tippelten schweigend in Millimeterschritten durch die Halle.

Der britische Künstler Anish Kapoor widmete seine neue Monumenta-Ausstellung im Pariser Grand Palais dem chinesischen Kollegen. Bei der Eröffnung sagte er: "Wenn Regierungen ihre Künstler zum Schweigen bringen, zeigt es ihren Barbarismus". Kapoor schlug auch vor, dass alle Museen und Galerien weltweit für einen Tag ihre Türen schließen sollten - als Zeichen der Solidarität.

In Deutschland machte die Berliner Akademie der Künste Ai am Wochenende zum Mitglied, und auch das Kulturfestival "Wege durch das Land" im westfälischen Detmold will nicht zurückstehen: Nachdem Ai nun nicht selbst kommen kann, soll aus seinem Internet-Tagebuch vorgelesen werden. Seit Februar sind Ais Blog-Einträge aus den Jahren 2003 bis 2006, die in China zensiert waren, in Buchform erhältlich.

Kunst als letztes Ventil der Kritik

Ob all dies die chinesischen Behörden beeindrucken wird, ist fraglich. Doch scheint die Kultur inzwischen der einzige Bereich zu sein, in dem der Westen noch bereit ist, sein Unbehagen gegenüber den chinesischen Menschenrechtsverletzungen auszudrücken. Während das Thema von Politikern und Wirtschaftsführern gern ausgeblendet wird, um die Führung der neuen Weltmacht nicht zu verärgern, bietet die Kunst das letzte Ventil für Kritik.

Daher trifft es sich, dass in diesen Tagen eine Ai-Ausstellung nach der anderen eröffnet wird. Die Tierkreis-Installation im Somerset House sei seit zwei Jahren geplant, sagt Direktorin Miles. Durch Ais Festnahme bekomme sie nun eine politische Botschaft.

Dabei zählt das Werk eigentlich zu den weniger provokativen des Künstlers. Die zwölf Tierköpfe sind Replikas einer Wasseruhr, die im 19. Jahrhundert im kaiserlichen Sommerpalast Yuanming Yuan bei Peking mit Wasserstrahlen die Zeit markierte.

Die Originale wurden im zweiten Opiumkrieg 1860 von englischen und französischen Truppen geraubt, fünf Köpfe sind bis heute verschollen. Um zwei weitere, die sich in der Sammlung des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint-Laurent und seines Partners Pierre Bergé befinden, gab es 2009 bei der Auktion des Nachlasses einen diplomatischen Eklat: Die chinesische Regierung machte Besitzansprüche geltend, sie verblieben jedoch im Besitz Bergés.

Ai selbst warnte davor, zu viel in seine Tierkreis-Installation hinein zu interpretieren. Sie sei einfach zur Ergötzung da. Einen umfassenderen Einblick in Ais Schaffen bietet die Schau in der Lisson-Galerie. Die Retrospektive zeigt Videos, Skulpturen und Installationen aus den vergangenen sechs Jahren. Sie läuft bis zum 16. Juli, und die Galerie richtet sich bereits für einen Besucheransturm ein - der chinesischen Regierung sei Dank.

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janne2109 12.05.2011
1. nicht nur zum Superstar
seine Werke steigen auch rapide im Wert. Dank der Pressearbeit kann sich der Agent freuen.
artpate 12.05.2011
2. Ai Weiwei und sonst?
Teilweise hatte man in den letzten Wochen das Gefühl, in China gibt es nur einen einzigen zeitgenössischen Künstler. Alles drehte sich in den Medien nur noch um Ai Weiwei und dessen Verhaftung. Da meldeten sich Politiker zu Wort, es folgten unzählige Petitionen und Demonstrationen und natürlich Ausstellungen. Die Akademie der Künste wählte den chinesischen Künstler in seiner Abwesenheit gar als Mitglied und betonte aber zugleich: "Es ist nicht nur Solidarität, sondern wir haben ihn als bedeutenden Künstler gewählt." Das sich der Kunstmarkt davon unbeeindruckt zeigt und sogar noch profitiert, ist nur eine Randerscheinung und leider nichts Unübliches. Ah-Ja da waren ja noch die weiteren 38 Aktivisten die ebnfalls spurlos verschwunden sind. Auch aus dem direkten Umfeld von Ai Weiwei wurden etliche Helfer und Freunde verhaftet. Und wen kümmert dies alles überhaupt nicht - richtig China. Aber nicht ganz: Wie man jetzt lesen konnte beschwerte man sich von Seiten Chinas über die einseitige Berichterstattung in Sachen Ai Weiwei. Das Thema wird uns wohl noch lange beschäftigen. Mehr zu Ai Weiwei: http://www.artinfo24.com/kuenstler-verzeichnis.php?id=378
yooe 12.05.2011
3. Ai-Weiwei-Ausstellungen: Boom des Verbotenen
Dank den deutschen Medien wissen Chinesen endlich, dass sie auch einen Künstler haben, der international bekannt ist. Gleichzeitig fragen sie sich, warum Ai Weiwei nach 20-jähriger Kunst-Karriere plötzlich im Europa wahnsinnig beliebt scheint?
sophia mj kirst 01.06.2011
4. und schon geht es nicht mehr um die sache
wen interessiert es noch dass ai weiwei einer von vielen regime-kritischen menschen ist die in china seit jahren kontrolliert, ueberwacht, gedemuetigt werden und letztendlich ploetzlich verschwinden? auf einmal ist ai weiwei ein star, weil die bekanntheit seines namen steigt, weil man sich an die aktion mit den sonnenblumenkernen erinnert - war das in der tate, ach ja stimmt... - weil der wert seiner kunstobjekte rapide steigt. darueber hinaus wird vergessen dass er verhaftet wurde, dass er wegen steuerhinterziehung angeklagt wurde um in china selbst mundtot gemacht zu werden. was hilft ihm da die wertsteigerung seiner werke - die er selbst am liebsten zerstoert - was hilft seinen unterstuetzern, den vielen anderen regimekritischen kuenstlern, anwaelten, aktivisten ueberhaupt dass wir hier drueben mittlerweile seinen namen aussprechen koennen? passieren muss etwas auf einer hoeheren ebene. und allen realisten zum trotz - der idealismus ist noch nicht tot!
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