Erste Ausstellung von Ai Weiwei in China seit vier Jahren "Ich möchte hier etwas hinterlassen"

Zum ersten Mal seit 2011 hat Ai Weiwei eine Ausstellung in China eröffnet. Eine offizielle Genehmigung gibt es nicht, aber die Behörden lassen ihn gewähren. Ein Ausstellungsbesuch mit dem Künstler, dessen Name bis vor Kurzem in den Staatsmedien tabu war.

Maximilian Kalkbrenner

Von Maximilian Kalkbrenner, Peking


Er ist es. Er ist es wirklich. Die junge Chinesin kann es kaum fassen, dass Ai Weiwei auf den Eingang der Ausstellungshalle zusteuert, nervös zerrt sie am T-Shirt ihrer Freundin. "Darf ich ein Foto mit Ihnen machen, Herr Ai? Ich komme aus Shandong und bin nur einen Tag in Peking, um mir Ihre Ausstellung anzusehen", ruft sie. "Das ist aber weit", sagt Ai und nickt ihr zu. Die Frau zückt ihr Handy und presst sich an ihn, ihre Wangen rot. Als Ai weg ist, fächelt sie sich mit der Hand Luft zu, als fiele sie gleich in Ohnmacht.

Es ist ein Mittwoch im Juni, und in China sind sie noch immer aus dem Häuschen: Vor wenigen Tagen hat im Szeneviertel 798 die erste Solo-Ausstellung des Künstlers Ai Weiwei ihre Türen geöffnet. Der 57-Jährige, der seit 2011 keinen Reisepass mehr hat, China nicht verlassen darf und zahlreiche Ausstellungseröffnungen im Ausland nur per Live-Schalte verfolgt hat, erlebt nun zum ersten Mal unmittelbar, wie sich das anfühlt: Landsleute, die für ihn und seine Kunst schwärmen. "Das ist sehr besonders für mich", sagt er, setzt sich in ein Café gegenüber der Ausstellungshalle und zieht sich den Pullover über den Kopf, um nicht erkannt zu werden.

Ais Ausstellung trägt schlicht den Titel "Ai Weiwei", beschäftigt sich aber weniger mit dem Lebens- und Leidensweg des Künstlers als bisherige Ausstellungen. 2014 ließ Ai im Berliner Martin-Gropius-Bau jenen Raum rekonstruieren, in dem er 2011 von den chinesischen Behörden für 81 Tage festgehalten worden war. Im selben Jahr ließ er auf der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz die Porträts von mehr als 170 politischen Häftlingen aus Legosteinen nachbauen. Kunstwerke mit politischen Pointen wie diesen findet man in der chinesischen Ausstellung nicht.

"Die Ausstellung hat keine Bedeutung"

Im Mittelpunkt steht eine 400 Jahre alte hölzerne Ahnenhalle aus Chinas Südostprovinz Jiangxi, die Ai und sein Team zerlegt, in sechs Lkw nach Peking verfrachtet und dort wieder zusammengezimmert haben. Der Kniff: Von keinem Ort der Ausstellungshalle ist der ganze Ahnentempel zu sehen. Eine Wand zieht sich durch den Tempel, sodass eine Hälfte in der Galleria Continua steht und die andere in dem benachbarten Tang Contemporary Art Center. Es gibt keine vorgeschriebene Route durch die Ausstellung, jeder der beiden Eingänge ist zugleich Ausgang. Es ist ein Kunstwerk in zwei Galerien.

Natürlich habe er von politischen Themen absehen müssen, sagt Ai und zieht sich vorsichtig den Pullover vom Kopf. Das habe ihn aber nicht weiter gestört. Er habe eine Ausstellung machen wollen, die sowohl etwas über ihn als auch über China aussage. Ais Sohn lebt mit seiner Mutter in Berlin, der Künstler sieht ihn nur per Skype. Eine offizielle Genehmigung von den Behörden gebe es nicht, die Ausstellung werde geduldet. Nur der Eröffnungstermin, der 30. Mai, vier Tage vor dem Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens, sei untersagt worden. Die Eröffnung wurde um eine Woche verschoben.

Wer durch die Ausstellung läuft, findet dort allerlei Readymades im Stil von Marcel Duchamp: Eine bemalte und umgestürzte Leiter, traditionelle Laternen und haufenweise Tüllen von zersprungenen Teekannen. Zudem wird schnell klar, worauf der eigentliche Fokus der Ausstellung liegt: auf dem Besucher. Kameras filmen das Geschehen in beiden Galerien, auf Bildschirmen lassen sich die Besucher der jeweils anderen Galerie beobachten. "Die Ausstellung hat keine Bedeutung", sagt Ai. "Sie passiert einfach."

Kein Zeichen eines Neuanfangs

Ais chinesische Ausstellungspremiere hat es bis in die Staatsmedien geschafft, in denen sein Name bis vor Kurzem noch tabu war. Die parteieigene "Global Times" bewertete den Umstand, dass die Kunstschau stattfinden dürfe, als "sehr interessant". Dann beeilte sie sich festzustellen, dass Ai in China ja so gut wie unbekannt sei und er jetzt lieber die Gelegenheit nutzen solle, "den Volksmassen zu dienen".

Wer Ai in seine Ausstellung begleitet, der hat ganz und gar nicht das Gefühl, dass er in China ein unbeschriebenes Blatt ist. Natürlich sind da die amerikanische Reisegruppe und der belgische Tourist, der Ai attestiert, "ein großer Mann" zu sein. Aber die Mehrheit der Besucher sind Chinesen, unter ihnen Oberschüler und Studenten ebenso wie namhafte Schauspieler und Intellektuelle. Es ist ungefähr so, als liefe man mit Bastian Schweinsteiger durch die Allianz-Arena. Die Fans prallen ungebremst auf ihren Star. Ehe man sich versieht, ist man abgedrängt.

Insgesamt drei Solo-Ausstellungen wird Ai im Juni in Peking eröffnen. Bislang hatte er in China nur Kunstschauen mit bereits bestehenden Arbeiten präsentieren dürfen. Nach seiner Festnahme 2011 waren ihm Ausstellungen sogar ganz verboten worden. Als Zeichen eines "Neuanfangs" ("Global Times") will Ai seine Ausstellungseröffnung aber nicht verstanden wissen. Er habe einfach versucht, Ausstellungen auf die Beine zu stellen - und es habe geklappt. Beim nächsten Kunstprojekt könne das wieder anders aussehen.

Für ihn persönlich markieren die Ausstellungen aber eine Zäsur. Sie hätten besondere Bedeutung, sagt Ai: "China ist meine Heimat. Meine Familie und ich sind mit diesem Land verwachsen. Ich möchte hier etwas hinterlassen."



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
rakatak 13.06.2015
1.
"Die Ausstellung hat keine Bedeutung", sagt Ai. "Sie passiert einfach." Zitat Ai Er sagt es selber. Ein völlig überschätzter, vom Journalismus und dem Kunstbetrieb hochgeschriebener Künstler, über den sich so schicke Dissidentengeschichten, Revolten und heutigen und zukünftigen Verboten schreiben lässt. Ansonten: Umgestürzte Türenhaufen (documenta), zerbrochene Teekannentüllen und eine querliegende Leiter. Hat unsere Kultur als Kunst nicht mehr auf zu bieten? Endzeit, Dekadenz, es ist wieder mal Zeit, sich große Sorgen um die Zukunft zu machen ...
dr.haus 13.06.2015
2.
Über Kunst lässt sich bekanntlich nicht streiten,aber Kunst kommt von Können und "Wunst" von wollen. AI W -W ist ein chinesischer Steuerhinterzieher,der es sehr gut verstanden hat ,seine strafrechtlich relevanten Taten europäischen Chinaverbesserern als politische Verfolgung zu servieren.
habmeinemeinung 13.06.2015
3. Solche Künstler ...
... finden Sie in China am jeder Ecke. Nur weil er ständig politische Schlagzeilen macht, ist sein ausgestellter Ramsch nicht sofort Kunst.
nageleisen 13.06.2015
4. Drittklassiger
Wenn es ihm in den Westen so gut gefällt, warum bleibt er dort nicht. Der Agent Ai Weiwei, der sein Land für ein paar Schecks verraten hat, wird von den westlichen Auftraggebern aufgefordert, die von außen geplanten Unruhen ins Land zu tragen. Schön Stunk machen und die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Das gefällt der westlichen freiheitlichen Presse. Der Mann ist ein Inbegriff an Verrat und Korruption. Glaubt er, wie in Kiew kann man jedes Land mit Hilfe der westlichen Heuchler, ins Chaos stürzen. Lieber Agent Ai Weiwei bleibt drüben, in deinem Westen und verkaufe dort deinen Schrott, der von der Presse gerne als Kunst verkauft wird.
Ernst Cornell 13.06.2015
5. Elendskitsch und Duchampnismus
Nach dem Galeriebesuch hat der Besucher diesen Elendskitsch schnell vergessen. In China kann man diese Installationen, die im Westen vom Kunsthandel und in Museen gefeiert werden, überall auf den Strassen im Original sehen. Ai spielt mit dem nichtwissenden, halbgebildeten westlichen Kunstinteressierten. Von chinesischen Strassen und Hinterhöfen in die Galerien transportiert, wird der hundertste Aufguss vom Duchampnismus ausstellungswert. In China, wo diese Dinge, die Ai im Westen als Kunst verkauft, tagtäglich sichtbar sind, ist dieser "Kunststar" fast unbekannt.
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