Ai-Weiwei-Festnahme Chinas Kunststar verliert seinen Schutzschild

Er war einer der Wenigen, der Chinas Führung kritisieren konnte, ohne große Repressalien fürchten zu müssen. Doch nun hat das Regime den berühmtesten Künstler des Landes festgenommen: Seit Tagen fehlt Nachricht von Ai Weiwei. Seine Festnahme ist Teil einer neuen, größeren Verfolgungswelle.

Ai Weiwei (auf einem Archivbild von 2010): Muss zermürbende Verhöre befürchten
REUTERS

Ai Weiwei (auf einem Archivbild von 2010): Muss zermürbende Verhöre befürchten


Peking/Hamburg - Keine Nachricht von Ai Weiwei, schon seit zwei Tagen. Dieses öffentliche Schweigen ist äußerst ungewöhnlich für den bekanntesten chinesischen Künstler der Gegenwart. Normalerweise teilt sich der 53-Jährige regelmäßig über die Internetdienste Twitter und Tumblr mit, doch seit Ai am Sonntagmorgen (Ortszeit) am Flughafen von Peking abgeführt wurde, sind seine Freunde und Mitarbeiter in großer Sorge um ihn. Am Mobiltelefon können sie ihn nicht erreichen, die chinesischen Behörden machen keine Angaben über den Verbleib des Künstlers.

Ai Weiwei wollte in Begleitung seiner Assistentin Jennifer Ng nach Hongkong fliegen, von wo aus er nach Taiwan weiterreisen wollte, um über eine mögliche Ausstellung zu sprechen, sagte Ng der "New York Times". Die Assistentin durfte die Reise antreten, von Grenzpolizisten wurde ihr gesagt, Ai habe "andere Sachen zu erledigen".

Einige Stunden später führten mehr als 40 Polizeibeamte eine Razzia in Ai Weiweis Studio im Stadtteil Caochangdi im Norden Pekings durch. Sie nahmen Computer und Notizbücher mit; mehrere Mitarbeiter mussten zu Verhören auf die Polizeiwache, wurden aber wieder auf freien Fuß gesetzt, ebenso wie Ais Frau Lu Qing.

"Zweites Standbein" in Berlin geplant

"Ich habe noch keine Nachricht von ihm", sagte Lu der Nachrichtenagentur Associated Press und verwies darauf, dass sich Ais 80-jährige Mutter große Sorgen mache. Auf die Fragen der Behörden habe sie geantwortet: "Was Ai macht, ist sehr öffentlich, wenn Sie etwas über seine Ansichten und seine Arbeit erfahren wollen, können Sie einfach im Internet nachschauen."

Mitarbeiter des Künstlers berichteten der "Frankfurter Rundschau", dass in der Woche vor der Festnahme bereits mehrfach Polizisten im Studio des Künstlers aufgetaucht waren. Sie hatten behauptet, die Feuersicherheit überprüfen oder ausländische Mitarbeiter Ais registrieren zu wollen. Reine Vorwände aus jetziger Sicht - die Festnahme Ai Weiweis war offenbar genau geplant.

Bundesaußenminister Guido W forderte die chinesische Führung am Montag auf, Ai Weiwei umgehend wieder freizulassen. Die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin schlossen sich der Forderung an und wandten sich in einem Brief an den chinesischen Botschafter in Deutschland.

Westerwelle war gerade erst von einem dreitägigen China-Besuch zurückgekehrt, in deren Verlauf er auch eine große, von deutschen Firmen finanzierte Ausstellung über die Kunst der Aufklärung eröffnet hatte. In einem Interview mit der "Welt" hatte sich Ai über diese Ausstellung "amüsiert" gezeigt, da sich China bis heute nicht an die Aufklärung herangewagt habe.

Ai Weiwei ist schon seit langem als Kritiker der chinesischen Regierung und als Kämpfer für Meinungsfreiheit bekannt. So ließ er in einem Kunstprojekt die Namen der Schulkinder nennen, die 2008 bei einem Erdbeben in Sichuan ums Leben kamen - viele Schulgebäude waren marode, ein Thema, das die chinesischen Behörden ungern öffentlich diskutiert sehen.

"Sehr schlechtes Zeichen für Menschenrechtsktivisten"

Als Sohn von Ai Qing, einem in China hochangesehenen Dichter, genoss Ai Weiwei bisher allem Anschein nach ein größeres Maß an Redefreiheit, das der an der Planung des "Vogelnest" genannten Pekinger Olympiastadions beteiligte Künstler zu regelmäßiger Kritik nutzte. Auch sein weltweiter Ruhm schien bisher eine Art Schutzschild für ihn zu sein - derzeit wird in der Londoner Tate Modern Gallery seine große Installation namens "Sunflower Seeds" gezeigt.

Um so mehr gibt Anlass zur Besorgnis, dass der Künstler nun anscheinend festgenommen wurde - es wäre die erste offizielle Festnahme, wenngleich er bereits im Herbst 2010 an der Ausreise nach Korea gehindert worden war. 2009 wurde er eigenen Angaben nach von Polizisten in Chengdu sogar geschlagen, die Kopfverletzungen machten eine Notoperation in München nötig.

Ende April wird Ai Weiwei in Berlin zu einer Ausstellungseröffnung in der Galerie Neugerriemschneider erwartet. In der deutschen Hauptstadt wollte sich Ai Weiwei ein "zweites Standbein" verschaffen, wie er Ende März in Interviews mitteilte. Laut "Tagesspiegel" will Ai in einem ehemaligen Kabelwerk in Oberschöneweide auf einer Fläche von 4800 Quadratmetern ein Studio einrichten. Den Teilumzug begründete er aber auch damit, dass seine Lage in China unsicher geworden sei. Er wolle aber sein Heimatland nicht komplett verlassen.

Peter Foster, Korrespondent für die englische Zeitung "Daily Telegraph", befürchtet, dass Ai Weiwei nun zermürbende Verhöre erwarten: "Frühere Festgenommene berichten, dass die Polizei nun langsam und methodisch jedes einzelne Dokument und jede E-Mail untersuchen werde" - der lange, quälende Prozess der Konfrontation mit diesen Daten habe schon viele vor ihm zerbrechen lassen.

Die Festnahme ist im Zusammenhang zu sehen mit einer größeren Welle von Verfolgungen oppositioneller Anwälte, Menschenrechtsaktivisten und Künstler. In anonymen Internet-Appellen war im Februar zu Protesten in China nach dem Vorbild der tunesischen Jasmin-Revolution aufgerufen worden.

Nicholas Bequelin, ein Forscher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Hongkong, beschreibt die jüngste Entwicklung so: "Es ist der Versuch, die Grenzen neu zu definieren, wieviel Kritik tolerabel ist", sagte er der "New York Times". Patrick Poon von der Anwaltsvereinigung China Human Rights Lawyers Concern Group sagte dem "Guardian": "Es wird immer schlimmer. Ai Weiwei ist eine sehr einflussreiche Person. Wenn sogar Leute wie er verschleppt werden, ist das ein sehr schlechtes Zeichen für andere Menschenrechtsaktivisten."

feb/dpa/AP/Reuters



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dr.épernay-boiler 04.04.2011
1. The show must go on!
Menschenrechte? Lippenbekenntnisse! Wirtschaft ist wichtiger. Jeder, der dies Spiel mitspielt, trägt Mitschuld.
autocrator 04.04.2011
2. exempel
i.m.h.o. wird da gerade ein nach Innen gerichtetes exempel statuiert. Ai wird nicht wirklich etwas passieren. Dazu lebt er sein leben zu öffentlich. Chinas führung weiss um seinen internationalen bekanntheitsgrad und was ein plötzliches dauerhaftes verschwinden Ais für folgen hätte. Ich denke, es geht darum, dem volk zu demonstrieren, dass genau das, Bekanntheit, Öffentlichkeit, Kunst etc. eben kein "Schutzschild" ist ; dass die KP immer noch unangefochten die macht inne hat und auch von ihr gebrauch macht, und es einfach jeden treffen kann. im komplizierten denkgefüge über "deals" der Chinesen ist es auch möglich, dass das "wohlverhalten" Chinas im UN-Sicherheitsrat bzgl. der Libyen-geschichte nun seinen preis in einer solchen machtdemonstration findet. Aber das ist nur spekulation.
maximixa 04.04.2011
3. jetzt lasst mal heinz-olaf, den henkel, ran
einst hat er die beatles entdeckt und nun wird er als stolzes amnesty international mitglied mit seinen freunden vom bdi, den traditionellen vorkämpfern für die menschenrechte, china mächtigen öffentlichen druck zugunsten ai wei weis bereiten. das kann der heinz-olaf, das macht er heinz-olaf... ;-)
Xany 04.04.2011
4. China-Bashing ahoi.
Zitat von dr.épernay-boilerMenschenrechte? Lippenbekenntnisse! Wirtschaft ist wichtiger. Jeder, der dies Spiel mitspielt, trägt Mitschuld.
Ahhh, das China-Bashing macht wieder die runde... juchu. Die meißten leute leben ganz gut damit, dieses Spiel mitzuspielen. Die meißten haben ganz andere Sorgen, als sich um die Regierum zu kümmern. Die macht ihre Sache ja im großen und ganzen nicht schlecht. Trotz allem ist die festnahme aus westlicher Sicht natürlich ein Unding. Auch ich hoffe inständig dass es keine Folgen für ihn hat. Trotzdem, der Gefahr war er sich sicherlich bewusst...
curtisnewton 04.04.2011
5. Dann kauft keine chinesischen Produkte!
Beim Kauf von Produkten, die in China hergestellt wurden, stärkt man die Diktatur China. "Made in China" oder "Made in PRC" kann man noch leicht erkennen. Mittlerweile versuchen Unternehmen die Herkunft zu verschleiern "Hergestellt für..." steht sehr oft für "Made in China". Außerdem kaufen chinesische Unternehmen reihenweise europäische Unternehmen auf um in den Markt zu kommen. Volvo z.B. ist mittlerweile ein chinesisches Unternehmen. Wer glaubt, daß China mit dem Aufschwung demokratischer wird, daß mehr Bildung China zu einem freieren Land macht der irrt gewaltig. Die Strafen für gegner der Partei werden immer härter, die Überwachung wird immer mehr ausgebaut.
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