Ai-Weiwei-Werkschau in Berlin Die geheime Kraft von fast 30 Katzen

Die chinesischen Behörden lassen Ai Weiwei nicht zur Eröffnung seiner großen Berliner Schau reisen - für den Künstler ist das schon ein "Kunstwerk an sich". Er empfiehlt dafür Staats- und Parteichef Xi Jinping dringend einen Besuch.

Ai Weiwei beim Gespräch in Peking: "Dort lauert keine Gefahr."
DPA

Ai Weiwei beim Gespräch in Peking: "Dort lauert keine Gefahr."


Peking/Hamburg - Dass er selbst nicht teilnehmen dürfe, sei für den chinesischen Künstler Ai Weiwei das Lieblingsstück der bisher größten Ausstellung seiner Werke, die in der kommenden Woche in Berlin eröffnet wird.

Die Behörden seines Heimatlands haben dem Regimekritiker den Pass weggenommen, er darf nicht ausreisen. "Das ist ein Kunstwerk an sich", sagte Ai jetzt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Seine verhinderte Teilnahme spiegele eine "menschliche Verfassung" wider: "Wie viele Ausstellungen gibt es in dieser Welt, wo der ausstellende Künstler nicht dabei sein kann, weil es ihm nicht erlaubt wird?"

Gewissermaßen als Ersatz empfiehlt Ai dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping, sich die Werkschau im Martin-Gropius-Bau anzusehen. "Dort lauert keine Gefahr." Ab Freitag ist Xi auf Deutschlandbesuch.

Seinem Heimatland bescheinigt der Künstler eine schwere Vertrauenskrise. Viele Chinesen wollten das Land verlassen. "Niemand will etwas in die Zukunft investieren." China leide gleichzeitig an einer Identitätskrise, weil die Macht immer noch "aus den Gewehrläufen" komme. Obwohl sie heute die Macht innehaben, müssten Chinas Führer sie mit Gewalt verteidigen. Wenn sie nicht etwas von ihrer Macht abgäben, würden sie Selbstmord begehen.

"Das könnte die Welt in Gefahr bringen."

Alles in China werde als Geheimnis behandelt. "Es ist eine Gesellschaft ohne Vertrauen." Deshalb gebe es keine gemeinsamen Werte, die zu schützen wären. Die 6000 Hocker in seiner Ausstellung symbolisierten genau diese alten Familienstrukturen und den dramatischen Wertewandel. "Moral und Qualität der Familie und Gesellschaft sind zerstört. Sie sind nicht mehr da."

Auf den Tag genau drei Jahre nach seiner Festnahme 2011 wird die Ausstellung "Evidence" am 3. April eröffnet, die bisher weltweit größte Werkschau des Künstlers. Etwa die Hälfte der Werke im Gropius-Bau hat Ai Weiwei eigens für die Ausstellung geschaffen. Neben den 6000 Hockern werden auch 3500 handgefertigte Flusskrebse aus Porzellan in Reih und Glied gelegt. Die Flusskrebse heißen auf Chinesisch "Hexie", was genauso ausgesprochen wird wie "Harmonie". Eine ironische Anspielung auf die chinesische Propagandaidee der "harmonischen Gesellschaft". Insgesamt werden in 18 Räumen 3000 Quadratmeter bespielt.

Ai würde sich übrigens auch gerne persönlich mit Staats- und Parteichef Xi über Kunst unterhalten. Er glaube, dass sie beide viel gemeinsam haben. Ihre Väter, der berühmte Poet Ai Qing und der legendäre Vizepremier Xi Zhongxun, hätten sich schließlich als Revolutionäre sehr nahe gestanden.

"Wir hätten uns viel zu sagen", so Ai. "Es scheint, als wenn wir uns beide um diese Nation sorgen." Beide würden auf ihrem Gebiet Verantwortung tragen. "Er vertritt den Staat, ich vertrete ein Individuum" - und damit 1,3 Milliarden Chinesen. "Er muss aber keine Angst haben", so Ai. "Er hat 80 Millionen Parteimitglieder hinter sich."

Warum dann die mächtige Partei den Künstler Ai Weiwei so sehr fürchte? Das wisse er leider nicht. "Vielleicht, weil ich so viele Katzen habe? Es sind fast 30. Sie müssen eine geheime Kraft haben."

seh/dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
rudy.demenga 26.03.2014
1. Ai Weiwei
Anders als bei uns, gelten Steuervergehen in China als Kapitaldelikte. Für einen erfolgreichen Künstler wie Ai Weiwei ist die Versuchung gross, Einkünfte aus Verkäufen im Ausland wie z. B. an der Kunstmesse Art Basel 2010 der chinesischen Steuerbehörden zu verschweigen.
diefreiheitdermeinung 26.03.2014
2. Ach so ist das
"Seinem Heimatland bescheinigt der Künstler eine schwere Vertrauenskrise. Viele Chinesen wollten das Land verlassen. "Niemand will etwas in die Zukunft investieren." China leide gleichzeitig an einer Identitätskrise, weil die Macht immer noch "aus den Gewehrläufen" komme. Obwohl sie heute die Macht innehaben, müssten Chinas Führer sie mit Gewalt verteidigen. Wenn sie nicht etwas von ihrer Macht abgäben, würden sie Selbstmord verüben." Paperlapapp. da kennt er aber seine eigenen Landsleute schlecht. Aber mit denen spricht er wohl nicht, dafür eher mit anderen Eliten aus Künstlerkreisen. Übrigens: kann SPON ihn bitte mal fragen wie er denn persönlich zu den Gebietsansprüchen China's im Südchinesischen Meer und dem Konflikt mit seinen Nachbarn steht und ob er auch in dieser Frage noch gegen eine Politik der Gewaltandrohung ist oder ob in Wirklichkeit das ach so moderne Geschwafel nicht doch einen rein nationalistisch / patriotischen und notfalls auch gewalttätigen Kern verbirgt.
Der Wahrheitshüter 26.03.2014
3. Hat jemand von euch seine "Kunst" gesehen?
Dann geht mal hin und schaut euch an! Ich kann die chinesische Führung gut verstehen! Nur hierzulande findet man noch paar Idioten, die es als Kunst bezeichnen können!
JaWeb 26.03.2014
4. Sehr fragwürdiger
Kommentar, in dem von westlicher "Propaganda" und "der wahren Kunst" schwadroniert wird. Dem Künstler würde es wohl nicht mehr als ein gleichmütiges Lächeln entlocken.
Landkaertchen 26.03.2014
5. Hier angucken:
Bei der Google-Bildersuche folgendes eingeben: ai weiwei werke Etwas von ihm ist genau dann Kunst, wenn er mindestens einen Menschen findet, der sagt, das ist Kunst. (frei nach der Lehmann-Trilogie) Auch dann, wenn Ihr diesen einen oder eine ganze Gruppe als "Idioten" bezeichnet. Diese Ausdrucksweise bescheinigt eher, das Ihr vor allem Intolerante oder Trolle seid.
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