Aids-Katastrophe in Afrika Völkermord aus Gleichgültigkeit

In den nächsten Jahren werden 28 Millionen Afrikaner an Aids sterben – wenn wir das zulassen, sagt Stephanie Nolen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt die kanadische Journalistin, was Entwicklungshilfe bringt und was jeder einzelne tun kann, um zu helfen.


Frage: Sie haben aus Kriegs- und Krisengebieten der ganzen Welt berichtet und für Ihre Reportagen viele Preise gewonnen. Vor vier Jahren sind Sie nach Johannesburg gezogen, um sich nur noch einem einzigen Thema zu widmen: Aids in Afrika. Warum?

Aids-Warnung an einer Häuserwand in Soweto, Südafrika: "Es gibt nur eine Linse, durch die man auf Afrika gucken kann"
DPA

Aids-Warnung an einer Häuserwand in Soweto, Südafrika: "Es gibt nur eine Linse, durch die man auf Afrika gucken kann"

Nolen: Offiziell ist Bagdad die größte Story der Welt, es ist die erste Meldung auf CNN jeden Abend – aber wenn man mal überlegt, wie viele Menschen es tatsächlich betrifft und wie viele Menschen in Afrika an Aids sterben? Ich war früher schon oft in Afrika, um über Wirtschaft zu schreiben, über Politik – irgendwann habe ich gemerkt, dass hinter jeder Geschichte eine Aids-Geschichte steckt. Ein Entwicklungsprojekt lief nicht, wieder Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Und warum? Weil alle, die in dem Alter waren, um das aufbauen zu können, an Aids gestorben waren. Oder es gab eine Hungersnot. Und ich würde feststellen, dass es nicht am Wetter gelegen hatte, es hatte keine Dürre gegeben, aber alle, die hätten säen oder ernten können, waren tot. Und wenn alle, die Felder bestellen können, entweder tot sind oder Kranke pflegen, dann gibt es eben eine Hungersnot. Es gibt nur eine Linse, durch die man auf Afrika gucken kann.

Frage: Jetzt haben Sie ein Buch veröffentlicht, "28 Stories über Aids in Afrika" – 28 Geschichten über Betroffene, stellvertretend für die geschätzten 28 Millionen Afrikaner, die in den nächsten vier Jahren an Aids sterben werden – wenn nichts geschieht.

Nolen: Als ich nach Afrika gezogen bin, gab es dort weniger als 100.000 Menschen, die medikamentös behandelt wurden – es gab 28 Millionen geschätzte Infizierte und weniger als 100.000, die behandelt wurden: Vor einem Monat wurde bekanntgegeben, dass es jetzt 1,5 Millionen Menschen seien. Das ist eine Steigerung von 15 Prozent in vier Jahren. Langsam macht sich der Druck auf die Regierungen bemerkbar. Es ist ein Zugeständnis der G-8-Länder, dabei zu helfen, medizinische Behandlung zugänglich, und der Erfolg von Verhandlungen, die Medikamente billiger zu machen.

Frage: Bill Clinton hat dabei eine große Rolle gespielt.

Nolen: Er hat sich dafür eingesetzt, dass in Indien hergestellte Kopien von Medikamenten mit Markennamen in Afrika verkauft werden dürfen, natürlich viel billiger. Vor vier Jahren kosteten die Medikamente pro Person und Jahr 10.000 Dollar. Heute sind es nur noch 130 Dollar im Jahr.

Frage: Ist der ganze Skandal eigentlich, dass Pharmakonzerne Geld verdienen wollen und dabei Millionen Aids-Tote in Afrika in Kauf nehmen?

Nolen: Ja und nein. Die Pharmakonzerne argumentieren, dass sie Millionen und Abermillionen in die Entwicklung dieser Medikamente gesteckt haben und dass sie diese deshalb nicht unter einem bestimmten Preis verkaufen können. Clinton hat gezeigt, dass indische Firmen dieselben Wirkstoffe für 130 Dollar pro Jahr verkaufen – und immer noch Gewinn machen. Wie viel Gewinn genug ist, ist wohl Auslegungssache. Aber nicht nur die Profitgier der Pharmaindustrie ist schuld. Die Spenderländer, allen voran Amerika, aber auch Europa, glaubten lange nicht, dass man eine so langfristige Behandlung in Afrika durchführen könne, das Land sei unterentwickelt, die Bevölkerung zu arm. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen haben bewiesen, dass es geht. Und auch Afrika selbst war lange wie gelähmt, weil so viele Menschen starben, Ärzte, Beamte, Lehrer – Menschen, die für das Funktionieren eines Staates wichtig sind. Die gute Nachricht: Heute werden fünfzehnmal so viele Menschen behandelt wie vor vier Jahren. Die schlechte Nachricht: Das sind nur 28 Prozent der Menschen, die Medikamente benötigen. Nicht alle der 28 Millionen sind so krank, dass sie die Medikamente jetzt brauchen, das ist keine kurzfristige Sache – man muss in das Gesundheitswesen der Länder investieren.

Frage: Also, weiterhin: Viel Geld nach Afrika?

Nolen: Alle überlegen, welche Entwicklungshilfe können wir leisten? Wie wäre es damit, eine afrikanische Pharmaindustrie aufzubauen? Es gibt dort Millionen Menschen, die Medikamente brauchen, das wäre doch mal eine tolle Industrie. Seltsamerweise habe ich noch nie gehört, dass jemand auf diese Idee gekommen wäre.

Frage: Was in Afrika geschieht, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit, schreiben Sie.

Nolen: Wir wissen seit 25 Jahren, wie diese Krankheit verhindert werden kann. Wir wissen seit zehn Jahren, dass man Aids behandeln kann, dass die Krankheit, medikamentös behandelt, nicht tödlich ist. Aber die ganze Welt sieht einfach nur zu. Afrika braucht unsere Unterstützung. Es gibt diese Annahme, dass Afrika nur herumsitzt und auf unsere Hilfe wartet. Dabei werden 95 Prozent von allem, was in Afrika als Reaktion auf diese Epidemie geschieht, von Afrikanern geleistet. Für die restlichen fünf Prozent brauchen sie unsere Hilfe. Wir wissen das – und vertun Zeit. Man muss sich fragen, warum? Würde die Welt zugucken, wenn in Deutschland eine vermeidbare, behandelbare Krankheit 6000 Menschen am Tag töten würde, jeden Tag?

Frage: Sie schreiben, wir seien so an die Bilder von Großmüttern gewöhnt, die ihre fünfzehn Enkel in einer Lehmhütte aufzögen, weil deren Eltern an Aids gestorben seien, dass wir offenbar annähmen, das sei für die Menschen in Afrika normal.

Nolen: Jeder, der in Afrika war, scheint mit demselben Eindruck zurückzukommen: Die Leute sind arm und erleben schlimme Dinge, aber sie singen, tanzen und sind fröhlich. Ich sage immer, ja, sie haben euch willkommen geheißen, sie haben für euch gesungen, aber nehmt ihr wirklich an, sie seien glücklich, obwohl um sie herum alle sterben? Vielleicht sind die Menschen in Afrika etwas stoischer. Der amerikanische Stil des Trauerns – Weinen, Blumen schicken, Bilder aufstellen – ist dort nicht so verbreitet. Der Tod ist privat. Aber wenn man jemanden fragt, wie es ihm geht, seit seine Frau gestorben ist, sagt er: Ich vermisse sie jeden Tag.

Frage: In Sambia wächst jedes dritte Kind ohne Eltern auf. Das bedeutet in den meisten Fällen, dass niemand für die Schulbildung aufkommt, was wiederum etwas für die Zukunft dieses Landes bedeutet.

Nolen: Frage: Warum erhebt ein Land wie Sambia Schulgebühren? Weil die Weltbank das so entschieden hat. Das war nicht die Idee der sambischen Regierung. Wenn Sie Waisenkindern helfen wollen, können Sie natürlich einen Scheck schicken. Sinnvoller ist es, Sie schreiben an Ihre Regierung, an die Weltbank, engagieren sich in der Anti-Schulgebühren-Kampagne. Aber es betrifft auch das Krankenwesen. Kenia zum Beispiel: In Kenia herrscht ein großer Mangel an Krankenschwestern. Sie brauchen Tausende. Sie haben Tausende. Aber die Regierung darf sie nicht im öffentlichen Gesundheitswesen beschäftigen, weil der Internationale Währungsfonds die Staatsausgaben kontrolliert. Und Kenia wird nicht erlaubt, Geld für Krankenpersonal auszugeben.

Frage: Ist es im Interesse der Ersten Welt, Afrika abhängig und arm zu halten?

Nolen: Wirtschaftlich muss man diese Frage verneinen. Die Erste Welt hat so viel in die Behandlung von Aids investiert, dass es sich lohnen würde, Kenia sein eigenes Krankenpersonal bezahlen zu lassen. Was die Erste Welt tut: Wir setzen uns immer an die erste Stelle. Lesotho zum Beispiel: Beschäftigung gibt es in diesem Land eigentlich nur in den Stofffabriken, die T-Shirts für den westlichen Markt herstellen. Arbeit ist besonders für junge Frauen wichtig, denn es hat sich herausgestellt, dass dies sie am besten vor HIV schützt. In jeder Untersuchung wird ein direkter Zusammenhang festgestellt: Je mehr Zugang zu eigenem Einkommen eine Frau hat, desto weniger wahrscheinlich infiziert sie sich. Es wäre also gut, wenn Lesotho seine Bekleidungsindustrie ausbauen würde. Aber Kanada, die Vereinigten Staaten, Europa haben ein Importverbot für Kleider aus Lesotho. Wir stellen Handelsbeschränkungen auf, um unsere eigenen Industrien zu schützen.

Frage: Was halten Sie von prominenten Afrika-Aktivisten wie Bono oder Bill Gates?

Nolen: Gates fördert Projekte, in die niemand sonst Geld steckt. Niemand wollte in die Forschung nach einem Impfstoff gegen Aids investieren, weil es so ein langfristiges Projekt ist: Gates tut es. Und Bono? Ich bin mit ihm in Afrika gereist. Er versteht, worum es geht. Und er bewirkt viel.

Frage: In letzter Zeit ist immer öfter die Meinung zu hören, dass Spenden für Afrika nichts nützen. Dass in den letzten paar Jahrzehnten soundso viele Milliarden nach Afrika geflossen seien – und es ginge ja immer noch nicht aufwärts. Was sagen Sie dazu?

Nolen: Man geht davon aus, dass seit den sechziger Jahren 500 Milliarden Dollar als Hilfe nach Afrika geflossen sind, aber was heißt das? In den Jahren des Kalten Krieges wurden davon Waffen gekauft, oder das Geld verschwand auf den Konten dubioser Staatschefs. Die Weltbank hat nicht danach gefragt, was mit diesem Geld passiert ist. Ohne Frage gibt es Korruption, und es wird auch viel Geld verschwendet. In Afrika wie überall sonst. Aber das ist viel besser geworden, und gerade was die Aids-Spenden angeht, ist das System geradezu vorbildlich transparent.

Frage: Sie bekämen ständig dieselben drei Fragen gestellt, schreiben Sie. Erstens: Was kann ich tun, um zu helfen?

Nolen: Fahren Sie nicht nach Kenia, um dort in einem Waisenhaus zu arbeiten. Sie helfen mehr, wenn Sie bleiben, wo Sie sind, und sich dafür einsetzen, dass die Schulgebühren abgeschafft werden oder Handelsbarrieren fallen. Jeder will den Wohltäter spielen, niemand will sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Aber das hilft viel mehr.

Frage: Zweitens: Was kann ich spenden?

Nolen: Geld. Schicken Sie keine Kleider oder Spielzeug. Die einheimischen Organisationen wissen am besten, was gebraucht wird.

Frage: Drittens: An welche Organisation soll ich spenden?

Nolen: Am besten unterstützen Sie Organisationen, die die Arbeit vor Ort leisten, wie Ärzte ohne Grenzen. Aber auch eine Organisation, die Interessen vertritt, DATA zum Beispiel, Bonos Organisation. Denn man braucht nicht nur Menschen, die Kranken helfen, man muss auch die Politik ändern. Es ist auch nett, eine afrikanische Organisation zu unterstützen. Die südafrikanische Treatment Action Campaign zum Beispiel, die jetzt in ganz Afrika als Modell dient. Sie setzt sich nicht nur für günstigere Medikamente ein, sondern bringt den Menschen auch bei, wie man seine Regierung unter Druck setzt. Durch Treatment Action sind HIV-Infizierte – vor allem sind das ja Arme, Landbevölkerung, Frauen – zu einer starken Bewegung geworden. Sie waren die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, jetzt haben sie richtig Einfluss. Das ist eine gute Nachricht aus Afrika.

Das Interview führte Johanna Adorján

SPIEGEL ONLINE hat diesen Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.


Stephanie Nolen: "28 Stories über Aids in Afrika" . Piper-Verlag, 464 Seiten, 16 Euro



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