Ende von Air Berlin Ein Schokoherz, das im Hals stecken bleibt

Seit Monaten sitzt das Feuilleton auf Martin Luthers Schoß, als wäre er der Weihnachtsmann. Eine Frage, die hingegen wirklich wichtig ist: Warum trauern wir um die Marke Air Berlin - aber nicht um die Mitarbeiter?

Eine Flugbegleiterin der Fluggesellschaft Air Berlin
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Eine Flugbegleiterin der Fluggesellschaft Air Berlin

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Manchmal denke ich, wer weiß, wie lange dieses ganze System noch hält, wenn es doch auf Ungleichheit und Ausbeutung basiert. Wenn es so viel Verdrängung von offensichtlich schief laufenden Dingen braucht. Wenn es so viel Ungerechtigkeit braucht für jedes einzelne iPhone und so viel Umweltzerstörung für einen Urlaub. Ist aber auch naiv. Ausgerechnet heute ist es entsetzlich naiv.

Heute feiern wir 500 Jahre Reformation. Toll, seit Monaten sitzt das Feuilleton auf dem Schoß von Martin Luther als wäre er der Weihnachtsmann persönlich und fragt sich, was der alte Antisemit uns heute noch Schlaues sagen kann. Mir fällt kein Grund ein, ihm eher zuzuhören als denen, die er als Hexen verbrennen lassen wollte, aber manche Leute gruseln sich ja ganz gerne. Happy Halloween!

Es stimmt natürlich gar nicht, dass der Kapitalismus irgendwie gefährdet wäre, nur weil er auf Ungleichheit und Gewalt beruht. Man kann sich ja viele Sorgen machen, aber darüber lieber nicht. Das kapitalistische System kennt Turbulenzen und Wertverluste, es kennt Krisen und Umbrüche, aber es ist keine blutleere, kalte Maschine, die sich einfach zu Tode rumpeln wird. Dazu sind Menschen viel zu leicht ablenkbar. Das konnte man in den letzten Tagen gut sehen, als vor allem in den sozialen Medien so rührend um Air Berlin getrauert wurde. Wohlgemerkt in den meisten Fällen nicht um das Schicksal der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern um die Marke.

Irgendwas läuft da schief

Noch fragen wir uns vielleicht, ob Leute irgendwann für Roboter dieselben Gefühle haben werden wie für andere Menschen. Für Unternehmen klappt es schon mal ganz vorzüglich. Menschen, die die Schokoherzen vermissen werden, die am Ende des Flugs immer verteilt wurden. Menschen, die ebenjene Schokoherzen für 250 Euro auf Ebay stellen. Menschen, die sagen, sie seien schon etwas emotional geworden, als sie das letzte Mal die Air-Berlin-Hotline-Musik gehört haben. Menschen, die sagen, sie können sich kaum vom Fernseher losreißen, weil sie da im Livestream sehen, wie das letzte Flugzeug in Berlin-Tegel eintrifft.

Überall Trauer, Nostalgie, Rührung. Irgendwas läuft da schief. Man kann Leuten Gefühle nicht ein- oder ausreden. Aber offensichtlich ist der nicht-sentimentale Teil, der schlichte Wut über Ungerechtigkeit ist, in der Air-Berlin-Trauer der Ex-Passagierinnen und -Passagiere nicht sehr zentral gewesen. Vielleicht war er auch überdeckt von der Frage, wo man demnächst weiterhin billige Tickets bekommt für Strecken, die so billig niemals sein dürften.

Ein paar Unterschriften würden sich gut machen

Das seltene Wort "Wehmut" mischt sich in die Berichterstattung vom letzten Flug, der zu spät kommt, wie es sich gehört, und zu dessen Ende die Passagierinnen und Passagiere auf der Flugzeugtür unterschreiben dürfen wie auf einem Gipsbein. Süß, ja. Aber lieber würde man irgendwo unterschrieben sehen, dass eine Lösung gefunden wurde, bei der nicht Hunderte Air-Berlin-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen in Kürze arbeitslos werden. Ein paar Unterschriften der Bundesregierung würden sich gut machen und nicht nur vom Land Berlin. Für den Vorstandsvorsitzenden Thomas Winkelmann warten derweil 4,5 Millionen Euro fortgezahltes Gehalt.

Es passt zu einem Unternehmen, dessen ehemaliger Geschäftsführer Joachim Hunold sich nicht schämte zu zeigen, wie nervig er Gewerkschaften fand. Die taz zitierte ihn 2006 mit den Worten: "Glauben Sie, unsere Servicekräfte wären so freundlich, wenn wir sie knechten und auspeitschen würden?"

Um die Frage heute, elf Jahre später, noch einmal zu beantworten: Ja. Menschen sind zu unglaublichen Leistungen fähig. Sie können sich zusammenreißen und verdrängen, dass es ein Wahnsinn ist. Allein denen, die als ehemalige Air-Berlin-Chefs sowie Politikerinnen und Politiker hätten Verantwortung übernehmen können für die bald Arbeitslosen, denen könnte man glatt wünschen, dass sie das alles nicht verdrängen können, sondern dass ihnen ihre Entscheidung wenigstens ein bisschen im Hals stecken bleibt wie ein blödes Schokoherz.

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Sonia 31.10.2017
1. Weil andere still und leise ihre Jobs verlieren
Egal, ob bei Air Berlin, in einer Bäckerei oder bei Dax-Unternehmen. Für mich gibt es keinen Unterschied. Leider ist es aber so, dass bei einem Unternehmen wie Air Berlin täglich Mitgefühl erbeten wird; meines haben alle, die ihren Job verlieren - vor allem eben auch die, wo medial keinerlei Interesse besteht. Und die Heulerei um Air Berlin als Fluglinie hat nun einmal damit zu tun, dass die Menschen sich jetzt umgewöhnen müssen - und das werden sie auch, wenn die Medien nicht täglich darüber berichten.
makromizer 31.10.2017
2.
Es wird ja in Zukunft nicht weniger geflogen, und es wird in der Airline-Branche auch nicht weniger Personal benötigt, eher das Gegenteil ist der Fall. Aktuellen Prognosen zufolge gilt das auch für Deutschland. Für einzelne Arbeitnehmer, für die kein Transfer möglich ist, mag das tragisch sein, aber gleichzeitig entstehen hierdurch Jobs für andere Arbeitnehmer. Gesamtheitlich betrachtet erschließt sich mir das Drama nicht, da die Bilanz positiv ist.
dr.joe.66 31.10.2017
3. Sie haben sehr Recht!
Frau Stokowski, diesmal muss ich Ihnen vollständig Recht geben! Immerhin kann man ja noch hoffen, dass die AirBerlin Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell bei einer anderen Airline einen neuen Job finden - schließlich steigen die Passagierzahlen weiterhin an. Aber was machen wir in 10 Jahren mit tausenden von arbeitslosen Truckern, wenn die LKWs vollkommen autonom fahren? Es wird Zeit, dass wir den ungezügelten Neo-Kapitalismus wieder bändigen und uns für unsere Gesellschaft - auch global - andere, sozialere Regeln geben. Eine Umverteilung der Lasten, ein bedingungsloses Grundeinkommen, bezahlbaren Wohnraum für alle, etc. Und wenn jetzt jemand fragt wer das bezahlen soll: Ganz einfach, all diejenigen, die schlichtweg Glück gehabt haben und nun wie ich auf der Sonnenseite des Kapitalismus leben. Ich könnte mehr Steuern bezahlen, ohne dass ich hungern muss oder mein Haus verkaufen muss. Ich finde es ok, dass Menschen mit höherer Qualifikation mehr verdienen als andere. Aber 10 mal mehr? Oder gar 100 mal? Wenn unsere Gesellschaft an irgendetwas krank, dann daran.
Nordstadtbewohner 31.10.2017
4. Das Leben geht (immer) weiter
Gerade in der Wirtschaft bedeutet ein Ende auch immer einen Neuanfang. Die Masse der AB-Beschäftigten kommt bei der Lufthansa unter, die Bundeswehr zeigt Interesse an den restlichen Beschäftigten. Am Arbeitsmarkt existiert de facto Vollbeschäftigung. Weshalb Sie sich so Selbstmitleid und Weltschmerz ergehen, erschließt sich mir nicht. Vielleicht sind es Depressionen und Komplexe aus der Vergangenheit, die Sie einholen. Am ach so bösen Kapitalismus, der angeblich für so viel Unrecht verantwortlich ist, liegt es definitiv nicht.
uksubs 31.10.2017
5. und immer wieder: globalisierung
mir tun die mitarbeiter auch leid. ich darf von mir gar behaupten, nicht schokoherzen zu verkaufen oder an welchen interessiert zu sein. aber so ganz kann ich den artikel nicht lesen, ohne sofort an eine umfassende globalisierungskritik zu denken. die mitarbeiter wußten seit sehr langer zeit, dass airberlin jährlich massive verluste einfährt. daher eundere ich mich über das doch eher plötzliche „ah“ und „oh“. warum machte airberlin solche verluste. da gab es zwar zum einen eine sehr unglückliche übernahme. zum anderen jedoch zahlte airberlin sehr viel höhere löhne als etwa easyjet oder ryanair. und daher bastelt auch lufthansa an der billiglinie eurowings, weil germanwings schon nicht mehr billig genug ist. und billig - darauf stehen wir doch, oder? die mitarbeiter, die mir, wie gesagt, sehr leid tun, sind jedoch sehenden auges in diese situation geraten, sie hätten sie zumindest ahnen können. man trauert hier schnell mit, da es medial bekannt gemacht wird und weil es halt sehr viele auf einmal sind, man vielleicht zudem aus berlin kommt. so, als ob man die mitarbeiter kennen würde. es verhält sich wie mit unglücksopfern. jeden tag kommen dutzende im strassenverkehr um, um die man, wenn man sie nicht kennt, auch nicht trauert. airberlin kennt man aber. und natürlich schreit vieles nach ungerechtigkeit. aber eben ganz allgemein. daran muss auch gearbeitet werden und es ist wenig hilfrech, nun mit den mitarbeitern von airberlin zu trauern, wenn daraus nicht ein engagement mit einhergeht, um es auch ganz allgemein gerechter werden zu lassen
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