S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Schwelle ins Reich der Verblödung ist längst überschritten

Warum ist Deutschland eigentlich so laut geworden? Schreien wirkt sich auf unsere Hirne doch so sagenhaft ungut aus! Womit wir bei Akif Pirinçci wären.

Eine Kolumne von


Ist das laut geworden. Die Autos, die Flugzeuge, der Bau, die Dings, na, Laubbläser, Pegida - apropos. Der Lärm scheint in den Hirnen der Menschen ernsthafte Schäden anzurichten. Sie reden nicht mehr miteinander, und wenn, dann gereizt. Die Wut muss raus. Millionenfach. Nach dem Lärm auf den Straßen und am Himmel kommt der Krach der Menschen, die sich nicht mehr zu hören scheinen, die nur noch darauf bedacht scheinen, lauter zu sein als der andere. Als brülle die Welt generös auf, bevor sie untergeht oder eine neue Entwicklungsstufe erreicht, mag man im All denken, wenn man auf den kleinen Planeten schaut.

Wer schon einmal einem Menschen gegenüberstand und von ihm angeschrien wurde, der weiß, dass Zurückplärren das Dümmste ist, was man tun kann. Schreien führt zur Eskalation. Schreien ist wortgewordene Ohnmacht. Schreien wirkt sich auf irgendein Areal in unseren Hirnen ungut aus. Und lässt keine verbale Steigerung zu. Die nächste Stufe ist Implodieren. Oder Explodieren. Weiß man. Und vergisst es doch wieder.

Alle schreien einander an. Krakeelen im Netz, schreiben groß, machen zehn Ausrufezeichen, und wenn es im Netz zu ruhig ist, geht es raus auf die Straße, da wird geschrien, und dann gibt es auf die Birne. Die Schwelle ins Reich der Verblödung, in den Himmel der Aggression ist überschritten. Schreiende Gruppen stehen sich gegenüber, halten blöde Schildchen in die Luft, und allen ist klar: Die Sache kann nicht gut enden.

Wir schreien um unser Überleben

Der Mensch schreit, wenn er Schmerzen hat oder andere Menschen dominieren will. Unzusammenhängend fällt mir der gemeine Brüllaffe ein. Wenn zwei Menschen sich anbrüllen, um Dominanz zu erlangen, kann der nächste Schritt eigentlich nur der Baseballschläger sein oder das gemeinsame Lachen. Okay, dumme Idee, gelacht wird hier nicht mehr, wir schreien um unser Überleben. Schreien gegen die Bedeutungslosigkeit an. Viele schreien, weil langsam selbst für Einfältige deutlich wird, dass die Welt ihn nicht braucht. All die Werbung, die den Leuten einredete, dass sie Könige seien, wenn sie etwas konsumierten. Die war gelogen. Verdammt. Mann, die haben mich angelogen.

Sie sind keine Könige, keine Königinnen, sie sind nur Volk, die Menschen.

Einer der Vorschreier war bislang Akif Pirinçci, der jetzt mal kurz Luft holt. Jahrelang war vielen klar, dass der Mann Probleme hat. Doch er war amüsant, und schließlich hetzte er nur gegen Frauen, Homosexuelle und Ausländer. Meinungsfreiheit, Sie wissen schon. Aber das Ding mit dem KZ hätte er nicht bringen dürfen. Da ist man empfindlich in Deutschland.

Diese Scheißvergangenheit, die dem Land und seiner Bevölkerung so lange das Recht auf ein lautes Gebrüll eingeschränkt hat. Jetzt ist man doch endlich wieder wer. Wieder laut. Und jeder will es jetzt wieder gewusst haben. Danach haben es immer alle gewusst. Damals wie heute. Oder morgen? Ob es ein Morgen gibt, ist unklar. Die Lautstärke auf der Welt ist zu irrsinnig geworden. Die Dummen, die Dreisten, die Brutalen waren schon immer hörbarer als die Leisen, die Denkenden. Das ist das Übel der Evolution. Es überlebt, wer aggressiver ist. Das Gute an dieser Taktik - die Sache erledigt sich dann irgendwann von selber.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 369 Beiträge
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Seite 1
thelix 24.10.2015
1.
Hach, Frau Berg… wieder mal ein sehr schöner und zutreffender Kommentar. Allerdings stimmt Ihr Schlusssatz m.E. nicht so ganz. Sie schreiben: "Das ist das Übel der Evolution. Es überlebt, wer aggressiver ist." Korrekt wäre: "Es überlebt, wer besser angepasst ist." Das gibt der ganzen unangenehmen Sache wenigstens einen zarten Hauch von Hoffnung. ;)
astaubach 24.10.2015
2. Vielleicht...
Vielleicht hätte man sich vor einem oder zwei Jahren fragen können, was die Leute ängstigt. Stattdessen werden sie jetzt als Schwachmaten bezeichnet.
nesmo 24.10.2015
3. Pegida
ist zu laut, zu dreist, zu blöd. Unangenehm und aufdringlich. Können die sich nicht besser artikulieren und stringenter argumentieren. Und dann "son Ding mit dem KZ", das geht doch nicht, auch wenn, dies übesieht merkwürdigerweise Sibylle Berg trotz aller geforderten Intellektualität, der Kontext ein anderer, sogar gegenteiliger war. Egal, der Mann hält eklige Reden, da muss man es nicht so genau nehmen. Allerdings von den Pegidademonstranten darf man, also Sibylle Berg fordert dies, intellektuelle Präzision und angemessene Ausdrucksstärke verlangen. Ja, die Flüchtlinge sind ja vielleicht doch ein Problem, und bisher ist der Umgang mit dem Problem vielleicht auch nachlässig gewesen. Aber warum regen sich die Pegidaleute darüber so unangemessen auf? Tja Frau Berg, warum wohl? Weil es alle dumpfe Deppen sind, die Naziparolen hinterherlaufen? Es wird Zeit dies mal etwas weniger voreingenommen zu prüfen.
markus.k 24.10.2015
4.
Liebe Frau Berg, sicher ist es auch für sie nicht einfach, die Meinung Andersdenkender zu akzeptieren, auch im Falle der Flüchtlingskrise, wie man hier herausliest. Jeden dann als Nazi zu beschimpfen ist billig, und auch nicht mehr zielführend. Leider haben sie die komplexe Problematik nicht verstanden, sonst würden sie das Thema wohl etwas seriöser angehen. Bedenken sie dabei, dass sie als Frau in einem angesehenen Blatt ihre Meinung kundtun dürfen, nur der westl. fortgeschrittenen Kultur zu verdanken haben. In einem Land mit Scharia-Recht dürften sie lediglich am Herd Kinder hüten.
Chercheur 24.10.2015
5. Wäre das schön...
...wenn sich das Geschrei und seine Urheber tatsächlich von selbst erledigen würden. Allein, es steht zu fürchten, dass die Brüllaffen unter ihren Schildern sich nicht in Wohlgefallen auflösen werden. Im Gegenteil, deren Ziel ist es, uns andere gerne vorher zu 'entsorgen', mit allem, was dem gemeinen Pegiden so einfällt zum Thema. Und da gibts leider wenig erbauliche Beispiele, wie man auch in den Kommentaren zu SPON immer wieder lesen kann. Jedenfalls vielen Dank für einen nachdenklichen, einen 'leisen' Text, Frau Berg.
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