Russisches Behinderten-Fotoprojekt Wie im alten Pergamon gemeißelt

Antiken Statuen fehlt schon mal ein Arm oder ein Bein, trotzdem bestaunen wir sie. Bei behinderten Menschen schauen viele lieber weg. Um mehr Akzeptanz zu schaffen, zeigt ein Moskauer Kunstprojekt Menschen mit fehlenden Gliedmaßen als antike Fresken.

Irina Bordo

Von Claudia Thaler


Der Frau fehlt ein Bein, dem Mann neben ihr der rechte Arm. Der Oberkörper des jungen Sportlers ist durchtrainiert, athletisch, das gräuliche Figurenensemble erinnert an beschädigte Statuen aus der Antike, es könnte ein wertvolles Wandrelief sein. Doch das Foto zeigt kein Tausende Jahre altes Kunstwerk, die Gliedmaßen sind auch nicht wegretuschiert oder der Zeit zum Opfer gefallen. Den Models fehlen Arme und Beine tatsächlich.

Einer der vermeintlichen griechischen Athleten heißt Igor Lomakin, ist Profisportler mit nur einem Bein. Bei den Paralympics in Sotschi vertritt der 36-Jährige seine Heimat Russland im Sledge-Eishockey, am Samstag spielt der Stürmer im Finale gegen die USA. Igors Team wird als Favorit gehandelt, als Landes- und Europameister hat er schon so ziemlich jeden Titel in der Tasche.

Schönheit und Glamour

Behindert zu sein, ist in Russland noch immer ein Thema, das die Gesellschaft lieber hinter geschlossenen Türen verhandelt - wenn überhaupt. Obwohl im ganzen Land offiziell über 13 Millionen Behinderte leben, werden fast alle aus dem öffentlichen Raum verbannt. Der Alltag als Invalider gestaltet sich in Moskau äußerst beschwerlich: Fahrstühle, die zur Metro führen oder Einstiegshilfen bei den Bussen sucht man hier vergeblich. Und Rücksichtnahme kennt die schnelle, glitzernde Metropole mit all ihrem Prunk und Protz rund um den Roten Platz kaum.

An Gucci-Läden und dem neu renovierten Ritz-Carlton-Hotel vorbei führt die Einkaufsstraße Twerskaja jetzt im März auch zum Festival der Behinderten. "Akropolis" versucht genau diesen Nerv zu treffen: Schönheit, Glamour und Ästhetik - und das trotz oder gerade wegen einer Behinderung. Das Kunstprojekt stellt den griechischen Pergamon-Altar nach, dessen Figuren durch die Mühlen der Zeit die Gliedmaßen abhandengekommen sind.

Janina Urussowa redet mit viel Stolz von ihrem Projekt: "Eine antike Statue ohne Arme und Beine wird bestaunt, beinahe verehrt. Bei einem behinderten Menschen schauen wir am liebsten weg, und wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen." Ihre Mission: Der Gesellschaft die Berührungsängste nehmen. "Es geht nicht um Mitleid. Was wir den Menschen zeigen wollen: Auch Behinderung ist Teil des Menschen," so Urussowa.

"Es gibt ja auch Zivilgesellschaft"

Urussowa ist die Initiatorin von Bez Graniz, der Dachorganisation, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Bez Graniz ist selbst schon so etwas wie eine Institution: Eine Modekollektion für Behinderte, eine Fashion Week, nun "Akropolis", das im Kern aus dem einen großen Foto besteht - einige Aushängeschilder der Initiative aus fünf Jahren.

Die eigentliche Aufgabe von Bez Graniz ist aber, Arbeitsplätze für Fachleute mit Behinderung zu suchen. Mehr als 77 Prozent aller Invaliden in Russland sind arbeitslos. Staatliche Anreize für Unternehmen oder Quoten gibt es nicht. Und dass der Staat sich irgendwann einmal um eine Lösung oder zumindest Linderung bemüht, darauf wollen Urussowa und ihr Team nicht warten: "Alles auf 'Monster-Russland' schieben, wollen wir nicht. Es gibt ja auch die Zivilgesellschaft. Wer etwas verändern will, muss in Russland das Problem einfach selbst in die Hand nehmen." Eine Kooperation mit der Regierung lief schwierig an, sie konnte und wollte kein Geld für "Akropolis" beisteuern, private Spender und Unternehmen sprangen ein.

An dem Fotoshooting beteiligten sich zehn Models, die in ganz Russland gecastet wurden: Auftritt für Igor und Kollegen. Neben dem 21-Jährigen ist Alena zu sehen, 37, Mutter von zwei kleinen Kindern, sie studierte Recht in Moskau. Für "Akropolis" hat sie ihre langen blonden Haare zu einem Flechtwerk binden lassen. Ihre Beine wurden nach einem Autounfall amputiert. Psychologen, Visagisten und die russische Top-Fotografin Irina Bordo arbeiteten im Sommer 2013 an dem Projekt mit - von ersten Aufnahmen bis hin zur Produktion der Dokumentation über "Akropolis".

Nun hängt das "Moskauer Fresko", das Herzstück, in der Eingangshalle der russischen Weltbank-Filiale. Und die Ausstellung soll schon im Mai um die Welt gehen. Denn nicht nur in Russland sind viele Hürden für Behinderte noch immer unüberwindbar, sagt Urussowa. "Können Paris, Berlin oder London von sich behaupten, behindertengerecht zu sein?"

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