Akt-Fotograf Rössler: Unverschämte Nacktheit

Von den kühlen Frauenporträts seines berühmten Kollegen Helmut Newton hält er nicht viel: Günter Rössler, ostdeutscher Meister der Aktfotografie, sucht in seinen Bildern nach Schlichtheit und Natürlichkeit. Ein neues Buch feiert das Werk des heute 80-Jährigen.

Markkleeberg - Männer? Um Gottes Willen. Nie hätte er Männer fotografieren wollen. "Wenn Männer posieren, wird das peinlich", sagt Günter Rössler. Sein fotografisches Leben war bestimmt von Frauen, als Akt oder als Mode-Modell haben sie ihn berühmt gemacht. Heute wird der Ostdeutsche 80 Jahre alt und blickt auf eine Karriere zwischen "Playboy" und "Sibylle", zwischen Ahrenshoop und Grimma zurück.

Das Geheimnis seiner Fotografie ist das Hinschauen. An den Augen der Mädchen habe er erkannt, ob sie einen guten Akt abgäben oder nicht. "Wenn ich merke, das Mädchen hat etwas erlebt, ist voller Freude oder kann weinen", sagt Rössler, dann sei dies die beste Voraussetzung für ein gutes Bild. Mitunter mehrere Monate nehme er sich Zeit, um mit den Mädchen zu sprechen, sie kennen zu lernen, Vertrauen zu schaffen. Ihre Nacktheit dürfe nicht versteckt wirken, sagt er. Deshalb fotografiere er sie auch am liebsten mit dem Blick in die Kamera. Das Bild soll sagen: Seht her, ich schäme mich nicht!

Mit Begriffen wie Scham, Prüderie oder Obszönität habe er aber nie gearbeitet, sagt er, während er in seinem Atelier in Markkleeberg bei Leipzig auf dem weißen Ecksofa sitzt. Solch moralisch-theoretischer Überbau sei ihm fremd, er habe immer klare Vorstellungen von den Bildern im Kopf, wenn er die Mädchen kennen lerne. Dabei ist der Begriff "Mädchen" keine Abwertung, im Gegenteil. "Modell" empfinde er als den falschen Begriff, denn das spreche von einer Professionalität beim Fotografieren, die er nicht wolle. Bei Modefotos, die er für die DDR-Zeitschrift "Sibylle" gemacht habe, sei das von Vorteil gewesen. Nicht aber bei Akten. Dann gehe das Natürliche verloren, das seine Bilder kennzeichne. Und eben dadurch ist er bekannt geworden: keine Accessoires, keine großen "Locations", wie man heute sagen würde, nur Licht und Schatten und Natürlichkeit.

Wegen seiner naturalistischen Bildersprache reagiert Rössler auf einen bestimmten Vergleich auch allergisch: "Newton des Ostens", bei der Erwähnung seines weltberühmten Kollegen verstummt der nette Plauderton Rösslers. "Der muss ein Problem mit Frauen gehabt haben", sagt er. Wie sonst komme man auf die Idee, Frauen derart aggressiv abzulichten. Und das ist alles, was ihm zu dem 2004 verstorbenen Meister-Fotografen einfällt.

Denn auch in ihren Wirkungsstätten unterscheiden sich die beiden: Rösslers Kunst wurde stets abseits der Weltmetropolen gezeigt. 1979 hatte er seine erste eigene Ausstellung in Grimma. Ein erster Versuch, Akte der Öffentlichkeit in musealem Umfeld zu zeigen, war 1959 in Ahrenshoop gescheitert, die Ausstellung in letzter Minute aus kulturpolitischen Gründen verboten worden. Sein Durchbruch auch in Westdeutschland gelang ihm in den achtziger Jahren mit einer zehnseitigen Veröffentlichung im "Playboy". "Das hat mir sehr geholfen", sagt Rössler heute, der mit einem ehemaligen Fotomodell verheiratet ist und eine kleine Tochter hat. Der DDR-Bürger wurde bekannt - und durfte reisen. Nach Frankreich verschlug es ihn, mit reichlich Westgeld in der Tasche.

Später, nach der Wende, habe er noch einmal in München in der "Playboy"-Redaktion Halt gemacht, mit ein Paar Dias in der Tasche. "Leider diesmal nichts für uns dabei", habe ihm die Redakteurin überraschend erklärt. Auf Nachfrage habe sie eine sehr direkte Antwort gegeben: "Damals waren sie für uns ein Exot."

Matthias Hasberg, ddp


Günter Rössler, Uta Kolano: "Mein Leben in vielen Akten", Verlag Das neue Berlin, 2005; 253 Seiten, 24,90 Euro

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Fotokunst: Rösslers Akte