Aktfotograf Olaf Martens "Nehmt euch 'ne Braut, ein Mädel!"

Nackte Nostalgie: Olaf Martens' Aktbilder aus DDR-Zeiten sind populärer denn je. Im Seen.by-Interview spricht der Fotograf über politische Erotik, sinniert über Heimatlosigkeit im eigenen Land - und schwärmt von Tauchertrainings in russischen Kirchen.


Frage: Warum sind gerade Ihre Fotos aus der früheren DDR heute noch so erfolgreich?

Martens: Das ist schon verrückt. Ich bekomme ganz viele Anfragen von jungen Leuten, also aus der Nintendo-Generation. Die finden meine Bilder abgefahren und das Realistische daran gut. Die Fotografie schwenkt ja gerade insgesamt wieder ins Ehrliche um, das auch in meinen Bildern eine große Rolle spielt. Heute ist der Computer das große Kommunikationsmittel, aber der lässt nur wenig Erlebnisraum übrig. Meinen Studenten sage ich: Seid authentisch! Baut nicht die Sachen am Computer. Nehmt euch 'ne Braut, ein Mädel! Inszeniert eure Sachen mit jemandem, den ihr mögt, und sucht euch Dinge aus der Realität. Das macht Spaß.

Frage: Ihre Aktbilder tragen den Titel "Patina". Was bedeutet dieser Begriff bezogen auf die DDR?

Martens: Bestand. Ich denke da an eine alte Mauer oder ein altes Haus, man spürt gewachsene Substanz. Ein Haus altert langsam, und man kann das sehen. Ich mag solche Sachen. Heutzutage ist alles sehr schnelllebig, dabei sind Wurzeln wichtig, Standbeine. Man hat die DDR den Leuten unter den Füßen weggehauen und alles verändert, sie heimatlos im eigenen Land gemacht: eine neue Gesellschaftsstruktur, neue Gesetze. In dieser Heimatlosigkeit klammert man sich an die Werte, die es noch gibt.

Frage: Welches Ziel verfolgten Sie im Osten mit Ihren Aktbildern?

Martens: Die Bilder entstanden in den Achtzigern in Halle und Leipzig. Es sollte eine Studie über Liebe im Sozialismus sein, ich wollte provozieren. Es gab bis dahin nur eine Art erzgebirgische Gardinenfotografie, hausbacken und kunstgewerblich. Meine Models waren keine Profis, sondern Laien, Schauspieler, Künstler oder Leute von der Straße. Im Westen schob man mich in die Nische Aktfotografie, der "Stern" betitelte mich als ostdeutschen Helmut Newton. Blödsinn! Damals gab es im Osten keine "Vogue" oder ähnliche Magazine. Es existierte kaum westliches Bildmaterial.

Frage: Wie sah Erotik in der DDR in den Achtzigern im Gegensatz zum Westen aus?

Martens: Die DDR war in sexueller Hinsicht für westliche Verhältnisse völlig unmoralisch. Im Westen bediente eine ganze Industrie unausgelebte Bedürfnisse, im Osten wurden sie einfach gelebt. Eigentlich war das blanke Anarchie, eine Art Ersatzbefriedigung gegenüber einem System, das politisch Knebel und Fesseln anlegte. Irgendwo musste man sich ja ausleben, sonst hätten alle eine Psychose gekriegt.

Frage: Was unterscheidet Ihre Arbeit von der anderer Fotografen?

Martens: Heute wird oft glattretuschiert. Dabei ist das Unperfekte ja das Schöne, es bedeutet gleichzeitig auch Mannigfaltigkeit. Jedes Bild hat eine individuelle Geschichte. Ich finde Orte, die schon lange existieren und sich kaum verändern, schön. Das Alte hat eine Seele. Man sieht die Patina einer alten Wand oder alter Möbel und spürt: Hier haben Menschen gelebt. So ist das auch in Gesellschaft: Wenn man immer wieder neue Sachen macht, hat man keine Stabilität mehr.

Frage: Was zeichnet den persönlichen Stil Ihrer Bilder aus?

Martens: Ich habe den italienischen Manierismus studiert und bin ein großer Fan der Malerei und Bildhauerei dieser Zeit. Künstler wie Parmigianino, Pontormo und El Greco haben mich geprägt, ihre Liebe zur Übertreibung, die kräftigen Farben ihrer Gemälde, lange Figuren, verzerrte Proportionen. Deshalb auch die Patina-Geschichte mit ihren alten Räumen, den alten Wänden und den übertriebenen Formen.

Frage: Sie fotografieren auch Mode. Was reizt Sie am vordergründig Banalen?

Martens: Auch Modefotografie kann authentisch den Zeitgeist repräsentieren. Ein Beispiel sind meine Bilder von Bademoden, die ich in Aserbaidschan gemacht habe, in Verknüpfung mit dem Thema Öl. In der Nähe der Hauptstadt Baku gibt es ein großes Gebiete, die wie Wälder aussehen, die nur aus Öl-Bohrmasten und Tanks bestehen. Die raue Realität konterkariert den Schick der Mode. Aber es ist schwierig, mit solchen Themen zu überzeugen. Die meisten Redaktionen kaufen ihre Sachen aus einem Gemeinschaftstopf und greifen dann doch lieber zu einem glatten, schönen Südafrika-Shoot aus dem Hotelzimmer.

Frage: Woran arbeiten Sie gerade?

Martens: Ich habe ein Projekt in St. Petersburg organisiert. Dort gibt es eine sehr schöne Kirche. Sie ist in den Zwanzigern entweiht worden und dient inzwischen als Ausbildungsstätte der russischen U-Boot-Flotte. Da kommt man nicht ohne weiteres rein, das ist eine Sperrzone. Ich habe dort ein Shooting gemacht. Torpedo-Rohre, Wasserbassins, U-Bootattrappen, überall hängen Taucheranzüge rum und mitten in der Kirche ein riesiger Wassertank, in dem die Soldaten üben. Das ist ganz schön schräg. Ich suche immer solche Räume, die unwirklich scheinen. Sie erzählen, wie sich Dinge und Werte im Lauf der Zeit verändern.

Das Interview führte Sabine Tropp, seen.by


Ausstellung: Olaf Martens "Blockschokolade", Galerie f5,6 (München 26.6 - 3.10.)

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