Aktion "Lebendiges Deutsch" Ab heute nur noch mit Prallkissen

Mit einem Public-Brainstorming fightet die Stiftung Deutsche Sprache gegen Anglizismen. Sorry, äh Entschuldigung, noch mal von vorn: Eine Denkrunde im Internet sucht nach deutschen Entsprechungen für englische Begriffe. A propos, was heißt eigentlich Internet auf deutsch?


Bamberg - Termine werden "gecancelt" und nicht abgesagt, vom "Downloaden" und "Updaten" spricht man im Zusammenhang mit Computerprogrammen, anstatt dass sie einfach heruntergeladen oder auf den neuesten Stand gebracht werden. Selbst der Schnäppchenkauf wird inzwischen mit "Sale"-Plakaten angekündigt - obwohl das die wenigsten verstehen. Denn zwei Drittel der Deutschen können nach Angaben der Stiftung Deutsche Sprache mit Anglizismen nichts anfangen.

Airbag war gestern, Prallkissen ist heute: Die Stiftung Deutsche Sprache sucht nach frischen Wörtern

Airbag war gestern, Prallkissen ist heute: Die Stiftung Deutsche Sprache sucht nach frischen Wörtern

Das Gremium hat im Kampf gegen Anglizismen die "Aktion Lebendiges Deutsch" ins Leben gerufen. "Wir wollen den Müll in frische bunte Wörter verwandeln", erklärt die Stiftung. Wer zwei Sprachen vermischt, mache sich lächerlich und beschädige beide Sprachen. Gesucht werden deshalb Alternativen zu nach Ansicht der Stiftung nicht allgemein verständlichen englischen Begriffen wie "Airbag", "Event" oder "Blackout".

Rund 50.000 Vorschläge seien bislang eingegangen, sagt der Bamberger Sprachwissenschaftler Holger Klatte. Er bewältigt das Filtern der eingegangenen Vorschläge nahezu im Alleingang. Zu Beginn jedes Monats veröffentlicht eine Jury bestehend aus einem Sprachwissenschaftler, einem Journalisten und einem Lehrer im Internet die ihrer Meinung nach beste deutsche Übersetzung eines Anglizismus und bittet ihrerseits um deutsche Alternativen für ein neues Wort.

Denkrunde statt "Brainstorming", Termin statt "Deadline", Plauderei statt "Smalltalk" - die Aktion sei ein Angebot, sagt Jurymitglied und Journalist Wolf Schneider. "Wir haben eine Chance, wenn unsere Erfindung besser ist als das Original". Für 33 häufig genutzte Anglizismen wurden bislang die aussagekräftigsten deutschen Entsprechungen gefunden. "Einige davon wie Aussetzer für 'Blackout' oder Pause für 'Break' dürften durchaus Karriere machen", meint der Sprachwissenschaftler Klatte.

Alternative zu Airbag

3.400 Vorschläge gingen allein bei der Suche nach Alternativen zum Airbag ein. Die Jury entschied sich für das "Prallkissen". Allerdings ist fraglich, ob sich die Bezeichnung "Klapprechner" gegen den Laptop durchsetzen kann. Dass die Experten mit ihrem persönlichen Standpunkt nicht hinter dem Berg halten, demonstrierten sie beim Ausdruck "Anti-Aging": "Was da stattfindet, ist nichts, was einer Benennung bedarf", steht auf der Internetseite.

Die Aktion zieht allerdings auch Interessenten aus der rechten Szene an. "Solche Anbiederungsversuche lehnen wir strikt ab", sagt der Sprachwissenschaftler. Das Werben für unbefangenes Vertrauen in die eigene Muttersprache habe nichts mit rechtem Gedankengut zu tun. Treffende und allgemein verständliche Importe, egal aus welcher Sprache, seien zudem durchaus willkommen.

Neuerungen müssen nach Ansicht der Experten nicht zwangsläufig zweite Wahl sein. Es gäbe sogar deutsche Übersetzungen, die ihre ausländischen Vorbilder überträfen. So hatte der deutsche Dienst der Nachrichtenagentur Associated Press 1966 aus dem sperrigen "Nonproliferation treaty" den Atomwaffensperrvertrag gemacht, loben die Experten. Auch der Schauspieler hat sich gegen den "Akteur" durchgesetzt", sagt Schneider. "Wenn die Neuerungen gut und mit einiger Hartnäckigkeit angeboten werden, kommen sie bei den Menschen an", sagt Klatte.

Warum aber sind die Deutschen eher bereit, englische Vokabeln in ihre Muttersprache aufzunehmen als Italiener oder Franzosen? Deutsch ist die meistgesprochene Sprache in der Europäischen Union und nach Englisch und Spanisch die meistgelernte Fremdsprache der Welt. Die Scheu vor einem nationalen Sprachbewusstsein rührt noch von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs her, meint Schneider: "Alles, was deutsch ist, ist immer noch schlecht". Und er fügt bedauernd hinzu: "Uns fehlt das lebendige Sprachgefühl der Spanier und Franzosen".

Grit König, AP



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