Al-Dschasira Einseitig ausgewogen

Perfektes Englisch, rasantes Tempo, anderer Blickwinkel - seit gestern sendet der arabische Nachrichtenkanal al-Dschasira auf englisch. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der neue Sender mit BBC und CNN nicht viel gemeinsam hat: Al-Dschasira ignorierte einige der wichtigsten Nachrichten des Tages

Von Lawrence Pintak


Man könnte vom Anti-CNN sprechen. Man stelle sich vor, der amerikanische Nachrichtensender widme ganze 24 Stunden seiner Sendezeit allein Afrika und dem Nahen Osten. So in etwa sah das Programm von Al-Jazeera International (AJI), wie der Kanal im arabischen und englischsprachigen Raum heißt, am ersten Sendetag aus. AJI ist die englischsprachige Version des arabischen Senders al-Dschasira, auf den US-Präsident George W. Bush so gerne schimpft.

Al-Dschasira geht auf Sendung: Ausführlicher Blick auf den Nahen Osten und Afrika - aber kaum News aus Europa, Japan und den USA
REUTERS

Al-Dschasira geht auf Sendung: Ausführlicher Blick auf den Nahen Osten und Afrika - aber kaum News aus Europa, Japan und den USA

Äußerlich ähnelt AJI dem BBC und dem Rivalen Sky News. Die Gestaltung - von den Graphiken, Bildhintergründen und Toneinlagen bis hin zum perfekten Englisch und dem allgemeinen Tempo - sind unmittelbar von der BBC übernommen. Für die Ähnlichkeit gibt es einen einfachen Grund: Drei Viertel des Sendeteams und der Großteil des Managements kommen von britischen und amerikanischen Stationen.

Natürlich warteten al-Dschasiras Kritiker, sozusagen mit gewetzten Messern, auf die ersten Beispiele anti-amerikanischer oder anti-israelischer Vorurteile. Doch vergebens: Es gab keine solchen Vorurteile. Nicht zu übersehen war dagegen, mit welchem oft quälenden Nachdruck der Sender betonte, die nicht-westliche Nachrichtenstimme zu sein. So wie eine alte 7-Up-Werbekampagne sich alle Mühe gab, das Erfrischungsgetränk als Alternative zu Coca Cola darzustellen, strengt sich auch al-Dschasira International ein wenig zu sehr an beim Versuch, sich von CNN, BBC und anderen westlich ausgerichteten Sendern abzugrenzen.

Keine Rede von "Märtyrern" und "Terroristen"

Natürlich ist es interessant, Berichte aus Erdteilen zu sehen, die in den Nachrichten meistens zu kurz kommen. Doch die Sendezeit, die solchen Berichten eingeräumt wurde, fehlte dann für die Berichterstattung über andere wichtige Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, in Europa und in Japan. Zwei Nachrichtenmeldungen dominierten die Sendezeit: die Wahlen im Kongo und der doppelte Raketenangriff auf Israel, der einen Toten und mehrere Verwundete hinterließ.

Die Berichterstattung über den Raketenangriff war ausgewogen. Berichtet wurde über die Positionen beider Seiten. Der Beitrag des Israel-Korrespondenten zeigte den Sarg einer ums Leben gekommenen israelischen Frau und Bilder eines 17-Jährigen, der beim zweiten Angriff blutig verwundet worden war. Von "Märtyrern" oder "Terroristen" war zu keinem Zeitpunkt die Rede. Tatsächlich wurde in einem Bericht aus dem Irak der betont neutrale Begriff "Guerilla" verwendet.

Die Berichterstattung war also nicht etwa befangen. Ihre Schwäche bestand eher in der Breite und Detailliertheit. Der Sendetag war übervoll mit länglichen Beiträgen. Eine Handvoll als "exklusiv" präsentierter Interviews (darunter auch eins mit dem gewählten Präsidenten des Kongo, Joseph Kabila) wurden endlos - und bis zur Zermürbung -- wiederholt. Eilmeldungen waren, abgesehen von dem Raketenangriff auf Israel, die Ausnahme. Ein zeitloser Beitrag über Selbstmorde in einem kleinen brasilianischen Ureinwohnerstamm wurde mehrmals am Tag wiederholt. Ebenso ein Interview mit einem Uno-Angestellten über gestohlene Reisepässe. Nicht gerade weltbewegende Meldungen.

Keine Meldungen aus Europa

Dennoch war es eine Genugtuung zu sehen, wie ein Korrespondent aus Darfur über den weitgehend ignorierten Völkermord dort berichtete. Das gleiche gilt für einen seltenen Bericht aus Robert Mugabes Simbabwe. Ebenso befriedigend war es, keine Berichte über Michael Jacksons Auftritt in London sehen zu müssen. Frappierend war allerdings die völlige Abwesenheit von Beiträgen über Themen, die die Berichterstattung in anderen Erdteilen dominierten: die Aussage des US-Streitkräftekommandeurs im Irak vor dem amerikanischen Kongress, der Tsunami in Japan, John McCains Eintritt in den US-amerikanischen Wahlkampf oder auch nur irgendeine Meldung aus Europa. Jedenfalls wurden während der Stunden, in denen der Verfasser dieses Artikels den Fernseher eingeschaltet hatte, keine solchen Beiträge gesendet.

Abgesehen von dem Beitrag über Israel und die Palästinenser und dem Bericht aus dem Irak gab es noch eine aktuelle Meldung in den frühen Morgenstunden, über eine Rede des Außenministers von Katar - was Fragen aufwirft bezüglich den Verpflichtungen des Senders gegenüber seinen Sponsoren.

Der Generaldirektor der al-Dschasira-Sender, Wadah Khanfar, sagte SPIEGEL ONLINE kürzlich im Interview, der neue englischsprachige Sender biete eine "globale" Perspektive unter Betonung des so genannten "Südens", oder der Entwicklungsländer. Das war dann auch ein auffallendes Merkmal der Berichterstattung. Doch war es am ersten Sendetag auch so, als hätte der "Norden" zu existieren aufgehört - wie übrigens auch Asien.

Berichte in der Endlosschleife

Al-Dschasiras Werbeapparat betonte immer wieder den "rolling broadcast day" - einen Sendetag, der so eingerichtet ist, dass im Laufe von 24 Stunden aus Doha, Kuala Lumpur, Washington und London berichtet wird - je nachdem, wo gerade Hauptsendezeit ist. Doch als in Asien die Sonne aufging, widmete AJI seine Aufmerksamkeit nach wie vor dem Mittleren Osten, Afrika und dem kleinen brasilianischen Stamm. In Kuala Lumpur wurde es gerade Mittag, als der Nachrichtensprecher die Sendestunde eröffnete mit einer "Rückschau auf die Hauptmeldungen des Tages und unsere Berichterstattung über diese Meldungen". Die angekündigte Rückschau bestand dann in einer etwas unzusammenhängenden Folge gekürzter Highlights aus zuvor schon ausgestrahlten Beiträgen. Eine Stunde später wurde genau dieselbe halbstündige Rückschau erneut ausgestrahlt. Wenn es Neuigkeiten aus Asien gegeben haben sollte - wie etwa einen Tsunami in Japan - dann musste dies den Zuschauern von AJI verborgen bleiben.

Al-Dschasiras Vorwurf an westliche Nachrichtensender, sie würden nicht angemessen über die Ereignisse in Entwicklungsländern berichten, ist sicherlich gerechtfertigt. Doch al-Dschasira drohte, zumindest am ersten Sendetag, selbst so zu verfahren, indem eine auf den Westen fokussierte Berichterstattung einfach gegen eine auf den Nahen Osten und Afrika fokussierte ausgetauscht wurde.

Offene Fragen nach Anfängerpannen

Viel überzeugender als die Nachrichtenmeldungen war das Angebot in der Rubrik "Current Affairs." Das Sendeformat von AJI sieht vor, dass die erste Hälfte jeder Stunde aktuellen Meldungen und die zweite einem "Current Affairs"-Beitrag gewidmet ist. Riz Khan, der bereits für CNN und den BBC gearbeitet hat, führte ein Interview mit dem palästinensischen Premierminister Ismail Hanija und dem israelischen Vize-Ministerpräsident Schimon Peres (obwohl es eigentlich mehr eine Reihe kurzer Reden als ein Interview war); die Sendung "101 East" nahm die taiwanische Politik unter die Lupe; und "Every Woman" widmete sich der Praxis des Hautbleichens in Afrika und dem Leiden einer Frau, deren Mann in Guantanamo festgehalten wird. Doch auch hier zeigten sich Schwächen. Ein Großteil des Sendematerials ist von freien Journalisten eingekauft: Eine Folge der Serie "Witness" über irakisches Öl, die zunächst interessant zu sein versprach, entpuppte sich dann als der lange Bericht eines australischen Filmregisseurs, der im Sommer 2005 mit der australischen Marine als "eingebetteter" Journalist im Persischen Golf unterwegs war. Nicht gerade hochaktuell.

Es gab eindeutige Anfängerpannen. So kündigte zum Beispiel der Asienkorrespondent bei der Überleitung zur immer wiederkehrenden Brasilien-Reportage den falschen Journalisten an. Auch waren die gekürzten Fassungen der im Laufe des Tages ausgestrahlten Sendungen recht unprofessionell zurechtgeschnitten, so dass die Übergänge zwischen den Bilderfolgen sehr abrupt wirkten. Aber es gibt wichtigere Fragen: Wird der Sender seine Professionalität beweisen können, wenn eine wichtige Nachrichtenmeldung eintrifft, oder ist er dazu verurteilt, sich auf Sonderbeiträge über die Dritte Welt mit ausgefallenen Grafiken zu spezialisieren? Und wird AJI weiterhin versuchen, das Gegengewicht zu der auf Europa und die USA zentrierten Berichterstattung der westlichen Nachrichtensender zu sein? Oder wird der neue arabische Sender einen Mittelweg finden?



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