Al Gore im Porträt Kämpfer für die Vernunft

Al Gores neuer Film "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" zeigt ihn wieder als leidenschaftlichen Klimaaktivisten. Dabei ist er viel mehr: nämlich eine Schlüsselfigur, um den Aufstieg Donald Trumps zu verstehen.

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"Hysterisch", "Unsinn", "Jetzt verliert Al Gore auch noch den Rückhalt der Wissenschaft", schließlich ein Vergleich mit Joseph Goebbels: Mit diesen Zitaten aus US-Medien, von Fox News und Glenn Becks Radiosendung, beginnt Al Gores neuer Film "Immer noch eine unbequeme Wahrheit".

Die Zitate sind nicht neu, nicht aus dem vor Kurzem ausgerufenen postfaktischen Zeitalter, sondern schon Jahre alt: Seitdem sich Al Gore für den Klimaschutz einsetzt, steht er unter Beschuss, und das, obwohl er die überwältigende Mehrheit der Klimaforschung hinter sich hat. Dass wir erst seit knapp anderthalb Jahr über "fake news" diskutieren, erscheint in diesem Lichte selber als, nun ja, fake news.

"Unprecedented", noch nie da gewesen, heißt es oft, wenn es um Donald Trump geht. Doch je eingehender man sich mit Al Gore, seinem neuen Film und seiner Karriere erst als Politiker, dann als Klimaaktivist beschäftigt, desto ahistorischer erscheint dieses Urteil. Und desto mehr wird Gore zu einer Schlüsselfigur, um zu verstehen, warum es um das politische System in den USA so bestellt ist, wie es 2017 eben bestellt ist.

Auf dem Marktplatz der Ideen

Im Mai sitzt Gore im Majestic Hotel an der Croisette in Cannes. Er ist zu den Filmfestspielen gekommen, um "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" (Deutschlandstart: 7. September) zu präsentieren. Politiker, auch ehemalige, zeigen sich in Cannes äußerst selten, der rote Teppich ist hier für Nicole Kidman und Vanessa Paradis reserviert. Dennoch könnte es für Gore kaum ein passenderes Umfeld geben, schließlich wurde der 69-Jährige erst durch einen Film zur globalen Ikone der Klimabewegung.

"Eine unbequeme Wahrheit" gewann 2007 den Dokumentarfilm-Oscar, im selben Jahr wurde Gore zusammen mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Für Ihre Bemühungen zum Aufbau und der Verbreitung von mehr Wissen über den vom Menschen verursachten Klimawandel", so die Begründung.

Wissen zu verbreiten, den Menschen Argumente für Klimaschutz an die Hand zu geben, ist noch immer Gores große Mission. Auf die Frage des "Time"-Magazins, was der oder die Einzelne konkret für den Klimaschutz tun könnte, antwortete er kürzlich: "Erstens: sich über das Thema kundig machen. Zweitens: die Debatte ums Klima gewinnen."

Die Antwort legt eine von Gores wichtigsten Überzeugungen offen: dass es das eine bessere Argument gibt, mit dem man sich in einer Diskussion durchsetzen und sein Gegenüber überzeugen kann. Es ist das Ideal der liberalen Demokratie Habermas'scher Prägung, der Marktplatz der Ideen, an dem jeder mit denselben Chancen teilhaben kann. Gore liegt dieses Ideal so sehr am Herzen, dass er zu dessen Verteidigung ein ganzes Buch geschrieben hat. Es ist bereits 2007 erschienen und trägt einen Titel, der einem zehn Jahre später die Ohren klingen lässt: "The Assault on Reason" - deutscher Titel: "Angriff auf die Vernunft"*.

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Gores zentrale These aus dem Buch ist, dass Kommunikationstechnologien und politische Kultur unmittelbar zusammenhängen. Den Anfang habe die Erfindung des Buchdrucks markiert. Informationen seien nun nicht mehr nur Eliten zugänglich gewesen. "Damit ging die Wiederbelebung des alten griechischen Traums von der demokratischen Selbstregierung einher, und in der Folge entstand eine mediale Öffentlichkeit, zu der jeder Zugang hatte und sich sowohl Informationen holen als auch welche beisteuern konnte", so Gore.

Dass zum Ende des 20. Jahrhunderts das Fernsehen zur dominanten Informationsquelle aufsteigt, markiert für Gore einen schwerwiegenden Bruch: "Gatekeeper konnten nun kontrollieren, wer Zugang zur medialen Öffentlichkeit hatte, und nur Menschen mit sehr viel Geld konnten diesen Zugang erlangen. Dadurch wurden Bürger zu Zuschauern - was wiederum die Lebendigkeit unserer Demokratie massiv schwächte."

Zusätzlich habe Ronald Reagan als Präsident die Deregulierung der Medien vorangetrieben: "Die Folgen waren [der ultrakonservative Radiomoderator] Rush Limbaugh und ein Jahrzehnt später Fox News und mit ihnen die Wende weg von den Fakten verpflichteter Berichterstattung hin zu ideologisch motivierten Erzählungen."

Keine Anekdoten

Auch im neuen Zeitalter von Internet und sozialen Medien würden diese Missstände nachwirken - und neue hinzukommen: "Doch bei all den Problemen, die Echokammern und fake news mit sich bringen, birgt die Digitalisierung das Potenzial, dass sich die Menschen wieder verstärkt in öffentliche Diskussionen einbringen. Mit der Zeit werden wir einige Autokorrekturen erleben."

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Unermüdlicher Klimakämpfer: Immer noch Al Gore

Gore nimmt sich für diese Erklärungen Zeit. Im Gegensatz zu dem Bild, was seine beiden Filme von ihm zeichnen, holt er im persönlichen Gespräch gern aus. Im neuen Film scheint diese Beharrlichkeit in einer Szene durch, als Gore vor einem Ausschuss des US-Abgeordnetenhauses Auskunft über den Klimawandel geben soll.

Der republikanische Abgeordnete James Inhofe fällt ihm ins Wort, noch bevor Gore halbwegs auf dessen eigene Frage antworten kann. Die Vorsitzende des Ausschusses weist Inhofe zurecht und bittet Gore darum, in Ruhe zu antworten. Doch statt seine Ausführungen fortzusetzen, hält Gore lange inne und sagt schließlich in Richtung Inhofe: "Ich wünschte, wir könnten uns einfach zusammensetzen, ohne Kameras und all das, und ich könnte Ihnen erklären, warum mir dieses Thema so sehr am Herzen liegt."

Substanz statt Politik

Tony Coelho, der Leiter von Gores Präsidentschaftskampagne, hat über seinen ehemaligen Chef gesagt: "Al Gore wollte schon immer lieber als Person mit Substanz denn als politische Person akzeptiert werden." In "Angriff auf die Vernunft" beschreibt Gore, wie sehr er besorgt war, als ihm ein Mitarbeiter 1984 eine Strategie für seinen Wahlkampf für den US-Senat darlegte: Wenn Gore diese bestimmte Werbung in diesem bestimmten Umfang schalten und sein Konkurrent so reagieren würde, wie es Gores Team antizipierte, und sie entsprechend neue Werbung schalteten, würden seine Umfragewerte um 8,5 Prozentpunkte ansteigen.

Gore gab grünes Licht für die Strategie - und lag drei Wochen später exakt 8,5 Punkte vorn. "Obwohl ich mich darüber natürlich freute, hatte ich das Gefühl, dass sich hier etwas Beunruhigendes über unsere Demokratie offenbart hatte."

Dieses Unbehagen scheint Gore nie verlassen zu haben. Wegbegleiter aus seiner Zeit in Washington erinnern sich, dass er oftmals mit den politischen Mechanismen haderte. "Hier haben wir es mit einem Mann zu tun, der es als Präsidentschaftskandidat kaum schaffte, Leute um eine Spende von einem Dollar zu bitten, geschweige denn sie zu bedrängen", schrieb die "New York Times" 2007, als Gore gerade dabei war, Pop- und Filmstars als Unterstützer für seine NGO Alliance for Climate Protection zu gewinnen, und zitierte einen alten Mitstreiter: "Ein totaler Verhaltenswandel, es war ein Schock."

Nicht rechtzeitig gekämpft

Auch inhaltlich zeigte sich Gore mitunter durchsetzungsschwach. "Al Gore konnte sich 1999 noch nicht einmal dazu durchdringen zu kritisieren, dass in den Schulen von Kansas Kreationismus gleichberechtigt neben Evolutionslehre gelehrt wurde", schrieb Michael Tomasky 2007 in der "New York Review of Books". Selbst als falsche Gerüchte über ihn in den Medien zu kursieren begannen, habe sich Gore nicht mit der nötigen Vehemenz gewehrt und den Gerüchten ein Ende gesetzt. Als die Grenzen zwischen Fakten und alternativen Fakten durchlässig wurden, gehörte demnach auch Gore zu denen, die dies nicht rechtzeitig erkannten und bekämpften.

Womöglich ist es deshalb auch kein Zufall, dass Gore von den Entwicklungen, die er kritisiert, letztlich selbst profitierte: Er, der so sehr gegen die Verflachung des öffentlichen Diskurses ankämpft, fand erst in dem Moment wirklich Gehör, als er aus der Politik ausstieg, sich mit Promis anfreundete und einen Film drehte. Währenddessen setzten andere die Erkenntnisse um, dass nicht immer das bessere Argument gewinnt und sich Umfragen mit bestimmten Anzeigen in einem bestimmten Umfang steuern lassen.

Gore erscheint dennoch zuversichtlich: "Menschen, die sich gegen die Klimakrise engagieren, sind oft hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ich ziehe Hoffnung vor - weil Verzweiflung nur eine andere Form von Verleugnung ist. Und dafür haben wir keine Zeit."

Sehen Sie im Video den Trailer zu "Immer noch eine unbequeme Wahrheit"

© 2017 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Nicht zuletzt deshalb ist "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" ein überraschend optimistischer Film geworden. Zwar beginnt er mit einigen düsteren Erkenntnissen, nämlich dass Prognosen wie das Abschmelzen der Polkappen noch von der Realität übertroffen wurden. Doch vor allem wollen Gore und das Regieduo Bonni Cohen und Jon Shenk zeigen, wie viele Siege die Klimabewegung seit 2007 erringen konnte.

Ein Moment der Genugtuung

Die Frage, welche Nachricht es denn zuletzt gewesen sei, die ihn optimistisch gestimmt habe, beschließt das Interview in Cannes. "Dass sich 195 Staaten auf das Übereinkommen von Paris einigen konnten!", sagt Gore. Zwei Wochen später kündigt Donald Trump an, dass sich die USA aus dem Übereinkommen zurückziehen werden.

Gore, der nach der Wahl im November noch einer der ersten prominenten Gäste im Trump Tower war, fordert in den US-Talkshows nun den Rücktritt von Trump - und er überarbeitet den Schluss von "Immer noch eine unbequeme Wahrheit". In der neuen Fassung ist der Aufruf, sich nicht auf die Politik zu verlassen, sondern sich direkt zu engagieren, noch dringender formuliert.

Man könnte in Gore eines der ersten Opfer der sich radikal neu ordnenden digitalen Medienwirklichkeit sehen. Doch das hieße, seinen neu gefundenen Kampfgeist zu unterschätzen. In "Noch immer eine unbequeme Wahrheit" zeigt er sich in einem kleinen Moment der Genugtuung. Keine Szene aus seinem ersten Film, sagt Gore, sei so stark kritisiert worden wie die, in der er die Simulation eines überfluteten Manhattans zeigt, bei dem durch erhöhte Meeresspiegel sogar Ground Zero umspült sei. Schnitt auf Fernsehbilder vom 29. Oktober 2012. Hurrikan "Sandy" treibt Sturmfluten durch New York, die Baustelle für das 9/11-Memorial steht unter Wasser.


*Von "The Assault on Reason" ist im März 2017 eine ergänzte Neuauflage auf Englisch erschienen. Die deutsche Ausgabe von 2007 ist mittlerweile vergriffen.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
denkdochmal 07.09.2017
1. Sehr tröstlich...
daß es in den USA noch sachverständige und menschlich gute Leute wie z.B. Al Gore gibt. Man darf doch den Unterirdischen nicht das Feld überlassen. Ich schlage vor, daß man sich in der Presse künftig auf das Minimum/die Essenz (so Letzteres vorhanden) der Ergüsse aus dem Reich der Unterirdischen beschränkt. Der Trumpel hat weit mehr Publicity, als seine Ergüsse wert sind.
danduin 07.09.2017
2. Keep going, Al.
Eine der wenigen Hoffnungsschimmer aus the USA aktuell. Keep going, Al.
dober 07.09.2017
3. Heuchler
Al Gore , das ist doch der , der sich eine 9 Millionen $ teuere Villa gekauft hat und 20 ( ZWANZIG ) mal soviel Strom und Gas wie ein durchschnittlicher US Bürger verbraucht . Pfui !!
lalito 07.09.2017
4. Ad hominem
Zitat von doberAl Gore , das ist doch der , der sich eine 9 Millionen $ teuere Villa gekauft hat und 20 ( ZWANZIG ) mal soviel Strom und Gas wie ein durchschnittlicher US Bürger verbraucht . Pfui !!
Meinetwegen kann seine Villa 20 Millionen gekostet haben und das mit der erneuerbaren Energieversorgung, welche Sie nicht erwähnten, macht Ihr Statement aufgrund einer von den üblichen verdächtigen Kreisen lancierten Meldung aus 2007 dann so richtig Pfui mit jede Menge an Ausrufezeichen. Die Überbringer der Nachrichten wurden schon immer gern mir nichts dir nichts ums Eck gebracht, insbesondere wenn der wahre Kern der Nachrichten nicht passt. Wie billig.
Stefan_G 07.09.2017
5. zu #3
Zitat von doberAl Gore , das ist doch der , der sich eine 9 Millionen $ teuere Villa gekauft hat und 20 ( ZWANZIG ) mal soviel Strom und Gas wie ein durchschnittlicher US Bürger verbraucht . Pfui !!
Die Lüge ist sehr leicht zu durchschauen. Al Gore wohnt in den Südstaaten, mithin hat er vielleicht einen erhöhten Strombedarf wegen der Klimaanlage im Sommer. Auf keinen Fall hat er aber dann einen erhöhten Gasbedarf z.B. für Heizung. Was sollte er mit dem vielen Gas machen? Auf 10 Herden 24h am Tag Wasser kochen? So viel Unvernunft zeigen nicht einmal Klimaleugner.
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