Prozess gegen Giacometti-Fälscher "Die Kunstwelt ist verrottet"

Der Niederländer Robert Driessen hat mehr Giacometti-Skulpturen gefälscht, als der Meister hergestellt hat. Die Käufer seiner Werke hätten es verdient, hinters Licht geführt zu werden, sagt er. Nun steht er in Stuttgart vor Gericht.

Von


Bis zum Sommer vergangenen Jahres lebte der niederländische Künstler Robert Driessen in den Tropen. Auf der thailändischen Insel Ko Samui logierte er in den Bergen und betrieb ein kleines Restaurant.

Nachdem er bei der Ankunft auf dem Amsterdamer Flughafen verhaftet worden war, weil die Staatsanwaltschaft Stuttgart einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erwirkt hatte, wurde Driessen, 56, nach Deutschland ausgeliefert. Seit Oktober langweilt er sich in einer Zelle des berüchtigten Gefängnisses Stuttgart-Stammheim.

Ab Mittwoch aber wird das monotone Leben hinter Gittern regelmäßige Unterbrechungen erfahren, da beginnt die Hauptverhandlung gegen Driessen. Die Staatsanwaltschaft hat ihn angeklagt, rund 1300 Skulpturen im Stile des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901 - 1966) angefertigt zu haben, die Komplizen ahnungslosen Reichen als Originale verkauften: Bandenmäßiger Betrug und Urkundenfälschung, meint die Staatsanwaltschaft.

Mit Werken Giacomettis zu handeln, ist überaus lukrativ. Er ist heute der teuerste Bildhauer der Welt; im Mai wurde eine Skulptur von ihm bei Christie's für 141 Millionen US-Dollar versteigert.

Driessen, so räumte er im SPIEGEL (15/2013) und später im Zuge des Ermittlungsverfahrens ein, hat über zehn Jahre lang Skulpturen im Stile Giacomettis hergestellt; 1998 begann es mit einer 260 cm großen Statue; sie trug die Signatur Giacomettis, den Namen seiner Frau ("Annette") und die Marke einer seiner Gießereien.

Über einen alten Bekannten, einen niederländischen Kunstschieber, geriet Driessen an den Mainzer Kunsthändler Herbert S., genannt "Guido". Der erkannte das Potenzial der Giacometti-Skulptur und gab Driessen 25.000 Mark für sie. Da S. sofort mehr Giacomettis wollte, produzierte Driessen ein gutes Dutzend kleinere Skulpturen und verkaufte sie ihm.

Der falsche Reichsgraf

Obwohl Spezialisten des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg bereits 2001 mit Ermittlungen gegen den Kunsthändler S. begannen, legte der erst richtig los. Er fand einen Komplizen in Lothar S., einem gelernten Lokführer aus Schwerin, der sich Reichsgraf von Waldstein nannte und gerne Rolls-Royce fuhr.

Der Erfolg von Kunstfälschungen steht und fällt mit einer glaubwürdigen Legende. Herbert S. verfasste ein Buch, das er Alberto Giacomettis Bruder Diego zuschrieb. In ihm schilderte er, wie Diego Werke von Alberto beiseiteschaffte, die dieser im Perfektionswahn wieder einschmelzen wollte. Als Autor des Werkes firmierte Lothar S., der falsche Reichsgraf.

Es gelang ihm auch, Reiche zu finden, die von Kunst keine Ahnung hatten, und dachten, ein Schnäppchen zu machen, wenn sie für 20.000 Euro eine Giacometti-Skulptur kauften. Driessen meinte dazu später: Wer glaube, so billig einen echten Giacometti kaufen zu können, "verdient es, hinters Licht geführt zu werden. Die Kunstwelt ist verrottet".

Der Niederländer kam kaum mit der Produktion hinterher. Regelmäßig brachte er neue Skulpturen nach Deutschland, wo Herbert S. sie zunächst bei seinen Schwiegereltern im Westerwald und später in einem gemieteten Depot in Mainz lagerte.

Im Jahr 2004 zog Driessen nach Thailand. Die Staatsanwaltschaft wertet dies jetzt als Flucht, doch der Niederländer sagt, er habe den deprimierenden heimischen Wintern entkommen wollen. Er kehrte regelmäßig nach Europa zurück, um weitere Fälschungen herzustellen.

Am Flughafen klickten die Handschellen

Seinen Abnehmern legten auf Kunstdelikte spezialisierten Beamte des Stuttgarter Landeskriminalamtes im August 2009 das Handwerk. Sie hatten einen verdeckten Ermittler als Kaufinteressenten losgeschickt, im Hotel Steigenberger am Frankfurter Flughafen klickten die Handschellen. Im Mainzer Depot der Truppe fanden sie 831 Bronzen und 171 Gipse; alle im Stile Giacomettis.

Herbert S. bekam nach einem Geständnis im April 2011 eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und vier Monaten. Lothar S., der falsche Reichsgraf, der bis zuletzt an der Legende seiner Freundschaft mit dem Bruder Giacomettis festgehalten hatte, kassierte neun Jahre Gefängnis - ein unverständlich hartes Urteil für Kunstfälschung.

Driessen hat gestanden: Ja, er kannte Herbert S., der mehrmals bei ihm in Brummen gewesen sei. Er kannte die Legende von Diego Giacometti. Und Herbert S. ließ ihm regelmäßig Geld zukommen.

Die Staatsanwalt glaubt, Driessen den Erhalt von Überweisungen über 420.000 nachweisen zu können. Dazu habe er noch Bares, Schmuck und andere Wertgegenstände erhalten. Die Überweisungen gingen auf die Konten von Driessens Ex-Frau und das des gemeinsamen Sohnes.

Driessen fühlt sich tendenziell unterbezahlt: Seine Abnehmer haben mehr als acht Millionen Euro mit seinen Skulpturen eingenommen haben. Zudem meint er, dass er keine der Skulpturen als echt verkauft und nicht gewusst habe, was S. und Co. mit ihnen anfangen würden. Das will die Staatsanwaltschaft dem Niederländer nicht abnehmen.

Die Beweisstücke existieren nicht mehr. Schon vor drei Jahren transportierte ein Kriminalpolizist über tausend Schöpfungen Driessens in eine schwäbische Gießerei. Dort zertrümmerten Arbeiter die Gipse mit einem Bagger. Die Bronzen schmolzen sie ein. Aus den fünf Tonnen Pseudo-Giacomettis wurden prunkvolle Türen für einen Kunden in Abu Dhabi.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Carlson vom Dach 30.06.2015
1.
9 Jahre für Kunstfälschung? Was für eine verrückte Welt. Da werden Totschläger, die das Leben eines anderen Menschen für immer beendet haben mit 3 Jahren Haft verurteilt, von denen sie sowieso nur 1,5 absitzen und hier geht's nur um Geld und der bekommt dreimal soviel Knast. Lachhaft
otto_iii 30.06.2015
2. 784
Zitat von Carlson vom Dach9 Jahre für Kunstfälschung? Was für eine verrückte Welt. Da werden Totschläger, die das Leben eines anderen Menschen für immer beendet haben mit 3 Jahren Haft verurteilt, von denen sie sowieso nur 1,5 absitzen und hier geht's nur um Geld und der bekommt dreimal soviel Knast. Lachhaft
In der Tat, das erscheint arg unverhältnismäßig. Anscheinend soll da ein paar sehr gut betuchten Leuten, die meinten ein Schnäppchen zu machen, Genugtuung verschafft werden. Der Pauschaltourist, der in derselben Annahme eine unschlagbar günstige Markenuhr aus dem Urlaub mitbringt bekommt diese Genugtuung nicht. Im Gegenteil: Er wird selbst noch bestraft.
umjotteswillen 30.06.2015
3. verr... Richter
Zitat von Carlson vom Dach9 Jahre für Kunstfälschung? Was für eine verrückte Welt. Da werden Totschläger, die das Leben eines anderen Menschen für immer beendet haben mit 3 Jahren Haft verurteilt, von denen sie sowieso nur 1,5 absitzen und hier geht's nur um Geld und der bekommt dreimal soviel Knast. Lachhaft
Das habe ich auch gedacht, aber vielleicht war der Herr Richter ja auch nur sauer, weil er auch auf Driessens Kunst hereingefallen ist, wer weiß.
ktkdz 30.06.2015
4.
"... und hier geht's nur um Geld ..." Ganz genau. Die primäre Funktion des Strafrechts ist die, Eigentumsverhältnisse zu schützen. Alles andere ist nur mehr Beiwerk. Das ist eigentlich offensichtlich. Eigentumsdelikte werden konsequent sehr streng geahndet.
adrianhb 30.06.2015
5.
Zitat von Carlson vom Dach9 Jahre für Kunstfälschung? Was für eine verrückte Welt. Da werden Totschläger, die das Leben eines anderen Menschen für immer beendet haben mit 3 Jahren Haft verurteilt, von denen sie sowieso nur 1,5 absitzen und hier geht's nur um Geld und der bekommt dreimal soviel Knast. Lachhaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Totschlag_(Deutschland) "... wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft." Wahrscheinlich haben Sie irgendwas nicht kapiert. Auf jeden Fall stimmt da irgendwas nicht bei Ihren Legenden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.