Albrecht Müller über Brandt-Film "Klischees und Stereotypen"

1972 war der SPD-Politiker Albrecht Müller Wahlkampfchef von Willy Brandt, später Leiter seines Planungsstabes. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der heute 65-jährige Wirtschaftswissenschaftler über das verzerrte Bild des früheren Bundeskanzlers in dem ARD-Fernsehspiel "Im Schatten der Macht".


 "Im Schatten der Macht": Matthias Brandt (l.) als Günter Guillaume und Michael Mendl als Willy Brandt
DDP

"Im Schatten der Macht": Matthias Brandt (l.) als Günter Guillaume und Michael Mendl als Willy Brandt

SPIEGEL ONLINE:

Herr Müller, in der "Süddeutschen Zeitung" kritisierten Sie, dass der Fernsehfilm "Im Schatten der Macht" lediglich die damals in den Medien kolportierten Klischees über Bundeskanzler Willy Brandt und den DDR-Spion Günter Guillaume "nachplappert". Sie befürchten, dass sich ein falsches Bild Willy Brandts verfestigt. Was haben Regisseur Oliver Storz und sein fachlicher Berater Hermann Schreiber, auf dessen Buch "Kanzlersturz" der Film beruht, dem Fernsehpublikum denn vorenthalten?

Albrecht Müller: Ich stelle immer mehr fest, dass die Stereotypen und Klischees, die damals in Willy Brandts Endzeit als Bundeskanzler gängig waren und gedruckt und gesendet wurden, sich mehr und mehr in der Geschichtsschreibung niederschlagen, ohne dass man die Fakten prüft. Und bei aller Anerkennung - es gibt auch ein paar sehr gute Szenen und ein paar gute Dialoge in dem Film - wird aus meiner Sicht ein falsches Bild von diesem Bundeskanzler gezeichnet. Er wird dargestellt als ein entscheidungsschwacher Mensch. Entscheidende Dinge, die heute offen liegen, werden nicht beachtet. Zum Beispiel ein Schreiben von Helmut Schmidt an Brandt und die anderen stellvertretenden Vorsitzenden der SPD, in dem eindeutig steht, dass kein Land den damaligen Globalisierungsschock - nämlich eine Verdreifachung des Ölpreises - so gut überwunden hat wie Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Brandts Wirtschaftspolitik spielt in diesem Film, in dem es vorranging um die Affäre um den Kanzleramtsspion Guillaume geht, doch aber zu Recht keine große Rolle.

Müller: Der vorherige Bundeskanzler Kiesinger hat ein ganzes Jahr herumgewürgt, ohne die D-Mark endlich aufzuwerten. Brandt hat das innerhalb weniger Tage mit seinem Wirtschaftsminister Schiller gemanagt. Die Antwort auf die Ölpreiskrise war ein Energiesparprogramm und ein Energiesicherungsgesetz, das ist in einem Vierteljahr durchgezogen worden. Das sind lauter Dinge, die heute überhaupt nicht wahrgenommen werden in diesem Mainstream, der von Baring über Storz bis zu Hermann Schreiber reicht.

SPIEGEL ONLINE: Dafür rückt Storz sein Werk auf eine menschlichere, privatere Ebene - das ist nichts ungewöhnliches für einen Fernsehfilm, der natürlich auch gute Quoten einfahren soll.

Müller: Bei Schreiber und im Film spielen merkwürdige Dinge eine Rolle, um zu belegen, wie entfernt von dieser Welt und wie depressiv Willy Brandt gewesen sei, zum Beispiel die dunkle Ausstattung seiner Arbeits- und Schlafkammer. Dieser Bundeskanzler musste sich auch zurückziehen, und dass er ein getrenntes Schlafzimmer von seiner Frau hatte ist kein berechtigtes öffentliches Thema. Dennoch wird es als Beleg seiner depressiven Abgehobenheit genommen. Es ist nicht der Job von Historikern und Journalisten, in solchen Beziehungswelten herumzuwühlen und sie zum öffentlichen Thema zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem war auch Brandt mit seinen Entscheidungen gerade in den letzten Monaten als Bundeskanzler wohl kaum unfehlbar...

Müller: Ich weiß auch, dass Brandt in dieser Phase totale Ermüdungserscheinungen hatte, und dass er Fehler gemacht hat. Aber ich finde es nicht richtig, einen Bundeskanzler aus ihm zu machen, der in dieser Zeit nicht mehr entscheidungsfähig war.

SPIEGEL ONLINE: Der Film wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen. Wenn er die historischen Tatsachen wirklich so sehr entstellt, wie Sie es sagen - wo bleibt dann die Gegenwehr seiner Zeitgenossen, die Brandt anders kannten?

 Regisseur Oliver Storz: "Klischees und Stereotypen"
DPA

Regisseur Oliver Storz: "Klischees und Stereotypen"

Müller: Ich habe den ersten Teil des Films zum ersten Mal gesehen bei einer Vorführung, zu der der Bundeskanzler die früheren Mitarbeiter von Willy Brandt nach Berlin eingeladen hatte. Da war ein Großteil der ehemaligen Mitarbeiter ziemlich erstaunt und entsetzt über die Darstellung des früheren Bundeskanzlers. Ich bin ja keine Einzelstimme, es waren auch andere Kollegen und Mitarbeiter von damals mit dabei in Berlin. Der außenpolitische Referent von Willy Brandt war noch empörter als ich, einige wollten sogar aus der Vorstellung gehen.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber und der Regisseur Oliver Storz sind beileibe keine Leute, denen man Brandt-Feindlichkeit unterstellen würde. Worin sehen Sie die Motive für das Buch und den Film?

Müller: Die Motive kann ich nicht verstehen. Diese Art von Historikern oder historisierenden Journalisten gehen nicht den Fakten nach, sondern reproduzieren die Vorurteile von damals. Die Hauptbotschaft von Schreiber ist ja, dass Brandt als Bundeskanzler seinen Beruf verfehlt habe. Da muss ich nun wirklich widersprechen. Vielleicht ist unter den Motiven, dass man andere in einem besonderen Glanz erstrahlen lassen will. Das halte ich für eine blödsinnige Methode, ich muss nicht Brandt schlecht machen, nur weil ich Schmidt für einen guten Bundeskanzler gehalten habe. Aber dieses Motiv scheint bei manchen eine Rolle zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Oliver Storz auf Ihre Anschuldigungen reagiert?

Müller: Sie haben eine phantastische Public-Relations-Arbeit gemacht, die Pressemappe alleine hat über 18.000 Euro gekostet. Wenn man das macht, dann ist man erstaunt, wenn sich auch eine Gegenstimme erhebt. Die anderen, die diesen Film kommentiert haben, bis hin zu Leuten, die ich als meine politischen Freunde betrachten würde, haben nur die guten Seiten gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wird für jüngere Leute überhaupt sichtbar, dass es sich nicht um einen Dokumentarfilm, sondern um ein Fernsehspiel mit all seinen fiktionalen Einschüben und Überhöhungen handelt?

Müller: Mein Hauptpunkt ist ja, dass die 20- bis 50-Jährigen, die die damalige Zeit nicht so erlebt haben, ein falsches Brandt-Bild bekommen, und das möchte ich nicht. Oliver Storz hat bei der Versammlung in Berlin beim Bundeskanzler dem Film vorweggeschickt, dass er ja Fiktion sei und keine Dokumentation. Das nehmen die Zuschauer nicht so war, ihr Bild von Willy Brandt wird durch diesen Film geprägt, das ist doch nicht zu bestreiten. Im Zeitalter des Fernsehens ist das so. Und da können sie noch so viele Vorbemerkungen machen, es wird so wirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen sie die Rolle von Matthias Brandt als Günter Guillaume in dem neuen Film? Ihm wurde in den Medien vorgeworfen, sich durch die Rolle als "Vatermörder" zu betätigen.

Müller: Matthias Brandt war damals 12 Jahre alt, wie soll er Bewertungen des wirtschaftspolitischen Erfolgs seines Vaters vornehmen - aus der Wahrnehmung als 12-Jähriger sicher nicht. Ich finde es in Ordnung, dass er mitspielt, aber heute wird er als Glaubwürdigkeitszeuge für den Film hergenommen. Das ist nicht sein Problem, sondern etwas, das ich gerade Storz und Schreiber auch vorwerfe, wenn sie das tun.



SPIEGEL ONLINE: Oliver Storz hat zusammen mit Hermann Schreiber an dem Film gearbeitet. Reflektiert der Fernsehfilm das politische Wirken Brandts denn weniger als das Buch von Schreiber?

Müller: Das Buch ist schlimmer. Der Film hat eine größere Wirkung, insofern müsste ich sagen, er ist härter in seiner Wirkung, aber der Film ist doch noch ein bisschen differenzierter, als es das Buch ist.

Interview: Martin Reischke


Im Schatten der Macht
Regie Oliver Storz. Darsteller: Michael Mendl, Barbara Rudnik, Jürgen Hentsch, Matthias Brandt. Sendezeiten: 29. und 30. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD

Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat
Hermann Schreiber, Econ Verlag 2003



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