Gaulands "Vogelschiss"-Provokation Geschichte lässt sich nicht wegwischen

Es ist wichtig, Alexander Gaulands Relativierung der Nazi-Zeit nicht unwidersprochen zu lassen. Seine jüngste Provokation zeugt zudem von einer eigentümlichen Geschichtsbesessenheit der AfD.

Alexander Gauland
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Ein Vogelschiss: Kommt von oben. Landet im Haar, wenn man denn noch genug hat, vielleicht auch auf dem karierten Sakko oder der Dackel-Krawatte. Eventuell gucken sogar alle kurz hin auf den komischen grau-grünlichen Fleck, wenn man, nur als theoretisches Beispiel, vielleicht gerade mit Parteikollegen auf einer Demo in Berlin unterwegs ist. Bisschen unangenehm. Aber auch schnell wieder weg. Wisch, Zewa. Vergessen.

Alexander Gauland hat auf dem Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative jetzt die Nazi-Zeit rhetorisch weggewischt: Der AfD-Vorsitzende hat gesagt, Hitler und die Nationalsozialisten seien "nur ein Vogelschiss" in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.

Selbstverständlich ist es richtig, dem etwas entgegenzusetzen.

Erster Grund: Es handelt sich bei diesem jüngsten in der langen Reihe von Ausfällen der AfD nicht um einen, der sich in einer Provokation erschöpft und dessen folgende Empörungswelle am Ende nur der Partei selbst nutzt (lesen Sie hier einen immergültigen Wegweiser aus der "Zeit" darüber, wann Sie sich über die AfD empören sollten und wann nicht). Gauland relativiert mit seiner Aussage den Holocaust. Und so nebenbei übrigens auch die basalsten Strukturen des Zusammenlebens im Nachkriegsdeutschland, die eben nicht von den Jahrtausenden davor, sondern vor allem direkt durch die Erfahrungen der Nazi-Zeit geprägt wurden - etwa die Grundrechte als Abwehrrechte des Bürgers gegenüber dem Staat.

Aussagen wie diese nicht unwidersprochen hinzunehmen, bedeutet somit schlicht, darauf zu achten, dass bestimmte Ereignisse auch aus dem Heute nicht umgedeutet werden dürfen. "Nur wer sich zur Geschichte bekennt, hat die Kraft, die Zukunft zu gestalten", sagte Gauland auch auf dem Bundeskongress. Und: "Ja, wir bekennen uns zur Verantwortung für die zwölf Jahre."

Gaulands Vergleich hinkt

Tatsächlich betreibt er aber das Gegenteil: Denn wer eine Diktatur, die Millionen Menschen das Leben kostete, als "Vogelschiss" bezeichnet, und an anderer Stelle schon das Recht forderte, wieder "stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen", relativiert auch den Grundsatz, dass ein Weltkrieg mit deutscher Beteiligung nie wieder passieren darf. Verantwortliches Handeln sieht anders aus.

Zweiter Grund: Gaulands Vergleich hinkt. Geschichte ist kein Vogelschiss. Denn sie kann zwar unangenehm sein, aber sie lässt sich nicht wegwischen.

Der paradoxe Umgang der AfD mit der Historie ist dafür selbst Beispiel. Ihr Spitzenpersonal scheint einerseits besessen von dem Wunsch, sich zu lösen vom Dagewesenen. Gleichzeitig definieren sich die AfD-Leute andererseits doch permanent - und augenscheinlich stärker als die anderen Parteien - vor allem über Vergangenes: So knüpft die AfD etwa mit ihrem Kulturbegriff an eine nationalistisch-völkische Romantik an und wähnt sich in ihrem Grundsatzprogramm in einer Tradition der Revolutionen von 1848 und 1989.

Und selbst die immer wiederkehrende Negation von Geschichte legt am Ende ja doch Zeugnis von der eigenen Geschichtlichkeit ab: So zeugen Björn Höckes Aussagen zum "Denkmal der Schande" im vergangenen Jahr oder eben aktuell Gaulands Vogelschiss-Äußerung trotz anderem Anschein am Ende davon, wie wenig sich hier zwei Menschen von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs lösen können.

Aussagen wie diese sind unangenehm. Aber auch sie lassen sich nicht wegwischen. Somit ist, auch wenn manche es sich anders wünschen mögen, auch die AfD: kein Vogelschiss.

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telarien 02.06.2018
1. Nazideutschland
Darf niemals relativiert werden und niemals vergessen. Andererseits bin ich in den 50ern, mein Vater war am Ende der Nazizeit 10 Jahre alt. Da hat er keine Schuld, ich nehme mir auch Keine. Gauland selbst bleibt hoffentlich mit seinen Mitstreitern nur ein brauner Spritzer in der deutschen Geschichte.
WolfThieme 02.06.2018
2. Die ewige Scheiße
Der gesalbte Prediger Gauland erlöst die Deutschen vom Trauma, eine Jahrhundertkatastrophe verursacht zu haben. Vogelschiss, abgehakt. Das macht den Weg frei für einen neuen Nationalismus, dem Nationalstaat ohne unliebsame Verangenheit. Auschwitz war doch nur eine überzogene Reaktion gegen die Juden einzig von Hitler. Das deutsche Volk unschuldig, mehr noch: Opfer (Bombenkrieg). Gauland bedient den Volkswillen, den Volksverstand und bald auch den Volkssturm ("Volk, steht auf, Sturm bricht los"). Die Demokraten empören sich (noch) und werden sich noch in Umerziehungslagern empören, wo wir Nicht-Völkische uns alle wiedertreffen. Die Lager stehen ja noch.
wahe 02.06.2018
3. Es gibt
keine 1000-jährige deutsche Geschichte, es gabt nur einen Idioten, der ein 1000-jähriges Reich ausgerufen hat. Es könnte ja mal geklärt werden, wann deutsche Geschichte anfing, bestimmt nicht mit Karl dem Großen.
charlybird 02.06.2018
4. Ich frage mich
wie so ein gebildeter Mensch wie Gauland, das ist ja so furchtbar, diese geschichtliche Vogelschissinterpretation einem Holocaustüberlebenden erklärt. Ich könnte Gauland in jedem Fall erklären, dass nur die Hälfte des Vogelschisses dafür gesorgt hat, dass fast sämtliche Landkarten in Europa neu gezeichnet werden mussten, geschätzte 60 Millionen Tote irgendwie irgendwo verbuddelt wurden und dass dieses Land 12 Jahre eine politische Furchtbarkeit zugelassen hat, die die anderen verbleibenden Jahrhunderte und Jahre bis heute nicht ausgleichen konnten. Selbst die letzten nicht, sonst würde es die AfD oder Vergleichbares ja nicht geben.
Nordlicht1 02.06.2018
5. ich empfehle...
... dem Herrn Gaulandleiter einen schweigsamen, demütigen Gang um bzw. über das Gelände des Vernichtungslagers in Birkenau. Nie wieder!
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