Alexander Kluge über Napoleon Das Glück des dicken Bonaparte

Bei Waterloo verloren Zehntausende Soldaten ihr Leben und Napoleon sein Kaiserreich und seine Freiheit. Eine Annährung an den legendären Feldherrn anlässlich des 200. Jahrestages - acht Geschichten und sechs Filme von Alexander Kluge.

Napoleon Bonaparte: Mensch und Bürgergott in einem
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Napoleon Bonaparte: Mensch und Bürgergott in einem


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    Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller und einer der einflussreichsten deutschen Regisseure und TV-Produzenten. Kluge hat den Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis und das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Ein Mensch aus Trümmern gegossen

Er kam von der Peripherie Europas. Ajaccio auf Korsika ist "extended Genua", von der Seestadt gesehen Provinz. Von Paris betrachtet ist Korsika ein Fremdland.

Auf diesen arbeitssuchenden Immigranten Bonaparte konnten sich die Bürgerkriegsparteien Frankreichs einigen, auf einen der ihren, aus dem Zentrum des Landes, aus der Gemengelage von Ancien Régime und Revolution gewiss nicht. Der junge Offizier war von bestrickender Intelligenz. Hübsch anzusehen in seiner kleinwüchsigen Gestalt, in der Uniform, welche die Glieder zusammenhält. So beschreibt ihn sein Biograf Friedrich Sieburg, der in den Heroen verliebt war wie in keinen Mann seiner realen Umgebung.

Das Gesicht wie ein Kind, das sein flexibles Hirn, seine noch nicht erwachsene Haut in späteren Jahren lange behalten hat. Ein olivfarben-blasses Antlitz in Kontrast zu den Gesichtern der Kriegsgurgeln, die er kommandierte.

Diese lebendige Erinnerungssäule, sein öffentliches Bild, hätte im Falle seines Glücks, falls er seine Siege überlebt hätte und ein Friedensfürst, DER ERSTE MANN EUROPAS, geworden wäre, die Trajanssäule überstrahlt. Er wäre Idol der bürgerlichen und der bäuerlichen Gesellschaft (Vernichter der alten Welt und des nackten Geldes) gewesen. Ein Modellmensch, in der Kleidung eines Korporals. Oft trat er in anderen einfachen Kleidern auf, in zivil, auch im Kittel eines Landwirts oder Gärtners. Wenn er so eingekleidet einherging, blieb die Uniform stets gegenwärtig.

Also ein KALEIDOSKOP-MENSCH, der in einer Arbeitsstunde stets mehreres zugleich vollführte (diktieren, lesen, Anweisungen geben, blicken). Wenn er zu Fuß oder zu Pferde auftrat, begleiteten ihn eine Gruppe aufgeputzter Helfer und die Echos früherer Taten. Ein Mann, in dessen Brust sich Massen von Menschen tummelten; solange sie dort waren, vertrugen diese gegensätzlichen sich untereinander.

Ein BÜRGERLICHER SOUVERÄN. Berührend, dass er Mensch und Bürgergott in einem war. Keiner wie du und ich, kein steinernes Denkmal, ein Rätsel. Schade, dass die Sphinx zerfiel.

Im Video: Helge Schneider als Napoleon - die Stiefelfrage

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Kollateralschäden des Charisma

An jenem schwülen Sommertag, an dem Napoleon an der Spitze seiner gewaltigen Armee den Grenzfluss Njemen überschritt - er verweilte seit dem Morgen hoch zu Pferde auf einem Hügel in Ufernähe und verfolgte die Arbeiten der Pioniere, welche die Brücke vorbereiteten -, suchte ein polnischer Unterführer den Blick des Chefs auf sich zu ziehen, indem er ohne Notwendigkeit seine Reiterschar in die Fluten des Flusses jagte.

Er verlor 40 Kavalleristen. Die Leichen trieben flussabwärts.

Das war dem Charisma zuzuschreiben, das der Kaiser, ob er wollte oder nicht, nach so vielen heroischen Taten der vergangenen Jahre ausstrahlte und das wie ein Rausch das Bewusstsein der Untergebenen verwirrte. Als er den Schaden sah, den er angerichtet hatte, machte Napoleon den Ansatz, einfach wegzureiten. Er ließ den polnischen Offizier kommen und tadelte ihn. Das sprach sich herum.

Jetzt bestand die Gefahr, dass überhaupt niemand mehr wagemutige Taten begehen würde. Für Kühnheit wäre ja die unsinnige Tat des Polen ein Vorbild gewesen. Den Übergang der Armee über den Fluss hatte sie nicht beschleunigt. Man braucht einen Ingenieur, sagte Napoleon, der den "Glanz des Imperators" zeitweise ausschaltet. Das Unglück lag aber nicht nur in der Einzelheit dieses Tages, sondern auch im ganzen Vorhaben: über Moskau bis Indien vorzustoßen. Dieses verhängnisvolle Projekt stürzte den Kaiser.

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Der Konzentrierer

In Austerlitz täuschte Napoleon einen Rückzug vor und fiel den Alliierten dann in die Flanke, als sie im Tal dahinzogen. Alle Truppenmacht fasste er an einem Punkt zusammen. Die Gegner wurden zerstreut und in die Teiche und Sümpfe getrieben, deren Eisdecke an jenem Dezembertage unzureichend gefroren war. Die Russen marschierten nach schriftlich fixiertem Plan. Napoleon urteilte nach Auge.

In Düsseldorf existiert eine Gaststätte mit Trinkecke. Hier hat Napoleon mit seinen Offizieren zu Mittag gespeist, voller Konzentration seine Befehle diktierend. Weit entfernte Truppenteile gelangten über die Chausseen und durch Waldgebiete an Orte, die zur Umzingelung des Gegners und dessen Kapitulation führten.

In der verdichteten Zeit seiner Karriere befasste er sich auch mit dem Verkauf einer Kolonie Frankreichs in Amerika. Mit Vorteil für seine Gesamtplanung trennte er sich von Louisiana mit der Hauptstadt New Orleans. Solange er sich auf diese Weise auf das Wesentliche konzentrierte - etwas weggeben, etwas erlangen - hatte er ERFOLG, der ihm, wie ein Magnet Eisenspäne ausrichtet, die Zuarbeit seiner Gefolgschaft garantierte. Nachdem die Gegner gelernt hatten, ihm die Zeit zu zerstückeln (er musste seine Aufmerksamkeit jetzt auf viele einzelne Angreifer zerfasern, die ihm sogleich wieder auswichen), verlor er seine Konzentration. Nachdem er sich außerdem mit der Übermacht des RAUMES angelegt hatte, verlor er Konzentration und sein Glück.

Schauspieler seiner früheren Tage

Sein "Ich" hatte ihn bis dahin selten im Stich gelassen. Unbemerkt von ihm selbst war er aber schon seit Winter 1813/14 ein alter Mann. Schon die grandiosen Manöver dieses Winterfeldzugs (mit einer kleinen Armee) waren Theaterveranstaltungen gewesen. Er hatte seine Italienfeldzüge kopiert.

Aus der Erinnerung funktionierte das gut, hatte auch Erfolge, weil seine einzelnen Rochaden auf das Wintergelände und die Bewegungen des Gegners nicht passten und daher unerwartet kamen. Er war müde. Ein Darsteller des jungen Bonaparte.

So scharfzüngig stellte es sein Adjutant dar, der 1816 in den Salons von Paris einen bonapartistischen Klüngel anführte und durch seine Kritik die Nähe zu beweisen suchte, die er zum Kaiser einige Wochen lang gehabt hatte. Das aber war nur möglich, wenn er etwas anderes erzählte als die geltungsbedürftigen Obristen, die sich in Anekdoten über die Geistesgegenwart des Kaisers, "bis zuletzt", überboten.

Im Video: Napoleons letzte Schlacht - ein gefechtstaktisches Armutszeugnis

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Pause zur falschen Zeit

Wann ging der Feldzug seiner Nordarmee für den Kaiser verloren? Am 16. Juni 1815 gelang es ihm, die Preußen in die Flucht zu schlagen. Den Vormittag nach dieser Schlacht aber vertrödelte er mit der Besichtigung des Schlachtfeldes. Er erzählte von früheren Taten. Liederlich lagen seine genialen Fähigkeiten wie unaufgeräumte Kleidungsstücke umher.

Adjutanten suchten sie einzusammeln, mahnten, wiesen auf Termine hin. Nein, ihr Herr wollte erst gründlich frühstücken. Er hatte Verdauung gehabt. Das hatte ihn von einer tagelangen Quälerei im Darmtrakt erlöst.

Alle warteten, dass der Bonaparte, den sie kannten, aus einem der Waldstücke heraustrete und dieses dicke Fass eines kaiserlichen Körpers übernähme. Sieben Stunden gingen so verloren. Bis zum Ende der Schlacht von Waterloo waren sie nicht einholbar.

Weil die Pferde einer Kanonenbatterie stürzten, konnten die Kutschen des Kaisers nicht weiterfahren

Die preußische Kavallerieeinheit, welche die sechs Kutschen des Kaisers in ihren Besitz brachte (der Kaiser war zu Fuß geflüchtet), packten die Beute, die sie vorfanden, in ihre Satteltaschen. 200.000 Goldmünzen, die Kisten, welche das Geld verwahrten, hatten sie mit den Säbeln aufgeschlagen, Porzellan, zerdeppert schon beim Herausholen aus der Kutsche, Kleidungsstücke, Waschsachen.

Die Kavalleristen waren rekrutiert in den Ostgebieten Preußens. Passte ein kaiserliches Kleidungsstück nicht als Ganzes in das Gepäck eines Reiters, so konnte man es doch zerteilen. Jeder der Kameraden erhielt ein Stück, das er später in seinem Bauerngehöft an die Wand hängen konnte zur Erinnerung an die erfolgreiche Nacht.

Im Video: Peter Berling als Napoleons Chefkoch über Froschschenkel am Schlachtfeld

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Der Zahn des Kaisers

Der Mund wund, der Mann im Zerfall. Dieser Mensch, der auf St. Helena gefangengehalten wurde, war kein Bonaparte, kein Napoleon mehr. Zu dieser Zeit trug er den linken oberen Eckzahn noch in seinem Mund. Um den Zahn herum blutete das Gewebe. Warum gefiel es keinem Kaperkapitän, ihn von der Tropeninsel abzuholen? Irgendwohin, wo sich der Ehrgeiz regenerieren konnte?

Er hatte diesen Zahn getragen vor Toulon, in Italien, in Ägypten. Die Einzelheiten seines Körpers hatte er kaum beachtet. Sein Sinn war jahrelang nach außen gerichtet. Ihn hatten die Zehennägel, die Halsmuskeln, ja das Herz und die Finger (arbeitsteilig, von ihm kaum gefühlt, wenn sie nicht krank waren) auf den Feldzügen begleitet. Manchmal die eine oder andere Empfindung im heißen Bad oder an anderen Orten der Müdigkeit nach hektischem Tag. Niemals aber hatte er den Zahn beachtet. Zu Zahnschmerzen neigte er nicht.

Ein britischer Arzt entfernte das Stück Körperkalk, zwölf Wochen vor Napoleons Tod, diesen kläglichen Rest, Ebenbild der Vorfahren. Er entfernte diesen Zahn gemeinsam mit zwei anderen. Lange blieb die Wunde offen. Der Wille des früheren Kaisers, auch der Wille seines Körpers, war an Heilung an diesem Orte nicht interessiert.

In einem Etui lagerte der Zahn dann einige Jahre und gelangte mit anderen Teilen des Erbes, das der Kaiser hinterließ, in den Besitz einer italienischen Adelsfamilie bei Neapel. Von einem Nachfolger dieser Familie wurde der Zahn, inzwischen in ein Samtsäckchen gehüllt, zur Auktion bei Sotheby's freigegeben. Er wurde für 15.000 britische Pfund zugeschlagen. Einem unbekannten Bieter. So ist diese letzte Spur des großen Mannes, einst intim gelagert, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Man weiß nicht, wofür sich der Unbekannte, der das Relikt ersteigerte, interessierte.

Im Video: Ab nach New Orleans

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Im Video: Der Kapitän des Kaisers - "Hätte ihm das Fährgeld erlassen"

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Plünderung eines Toten

Die Stunde nach dem Tod Napoleons auf St. Helena. Tropische Fliegen setzten sich auf sein Gesicht, suchten an den Gliedern nach einem Spalt, in denen sie ihre Eier deponieren könnten. Eine Raubgesellschaft sammelte sich um den Leichnam. Es ging um Andenken, etwas, das man nach Rückkehr in die Zivilisation, in den Salons Frankreichs, vorzeigen konnte. Ja, ich bin dabei gewesen in jener historischen Todesstunde ("des Genies" oder "des Monsters").

Einer der Vertrauten des Kaisers verschaffte sich während der Obduktion das Herz Napoleons. Das musste er wieder herausgeben. Es wurde in eine Blechdose gelegt und diese wurde verlötet. Der Anatom, Napoleons Leibarzt, sicherte sich ein großes Stück Bauchwand. Das sollte den Beweis bringen für den Krebstod des Kaisers. In präzise Schnitte zerlegt wurde die Beute später der Royal Society in London vorgezeigt. Währenddessen verschwanden Uniformteile, Vasen, Bestecke mit eingraviertem kaiserlichen Wappen.

Die erste Abreise zu Schiff nach Frankreich war in der Woche möglich, die auf Napoleons Tod folgte. Das Haus in Longwood wurde von einem Kordon britischer Infanteristen umgeben, die instruiert waren, keine Personen mit großem Gepäck an diesem Tag aus dem Sterbehaus passieren zu lassen. Selbst durften sie das Grundstück nicht betreten.


Weiterführendes zum Thema:

Napoleon: Der Vater Europas (aus dem SPIEGEL Archiv)

Übersicht: Napoleons Leben, seine Siege, seine Niederlagen

Völkerschlacht in Leipzig: Der Anfang vom Ende Napoleons

Napoleons Exil: Das letzte Postschiff nach St. Helena

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