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Alexander Kluge über Rainer Werner Fassbinder: Bürgerkrieg in den Nerven

Sex, Valium, Kokain, Wein, Bier... Rainer Werner Fassbinder starb mit nur 37 Jahren. Doch: Sein Sarg war leer, meint Alexander Kluge, der Gefährte ist nicht tot. Sechs Erinnerungen zum 70. Geburtstag des Genies.

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    Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller und einer der einflussreichsten deutschen Regisseure und TV-Produzenten. Kluge hat den Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis und das Bundesverdienstkreuz erhalten. Mit Fassbinder (l.) und weiteren Kollegen realisierte Kluge 1978 den Film "Deutschland im Herbst".
Am Sonntag, den 31. Mai 2015, 70 Jahre nach dem Kriegsende von 1945, wäre Rainer Werner Fassbinder 70 Jahre alt geworden. Er ist kein Typ für diese Altersklasse. Hätte er sein Krisenjahr 1982 (und die sicherlich noch folgenden) überlebt und würde jetzt mit uns feiern, hätte er, vermute ich, soeben seinen 182. Film fertiggestellt. Diese Filme fehlen. Vor allem fehlt mir der Gefährte. Eines steht für mich fest: Sein Sarg war leer.

bpk/ Digne Meller Marcovicz

Sechs Erinnerungen an Rainer Werner Fassbinder:

  • Ein Versprechen

Wir lagen im Garten eines der Hotels am Lido in der Nachmittagssonne. Bis zur 19-Uhr-Vorstellung im Festivalpalast war nichts zu tun. Fassbinder fläzte sich im Gras. Syberberg erklärte seinen neuesten Film. "Zeit zum Verlieren". Uns war langweilig. In dieser sonnensatten, ausgedehnten Stunde schworen R. W. Fassbinder und ich einander, dass derjenige, der den anderen überlebt, dessen Arbeit fortsetzt. Notfalls solle er Geschichten über ihn dichten oder Filme fälschen. Insofern wäre der Gestorbene nicht ganz tot.

Wir gaben uns, mit "braunbrennendem Körper" (wird aber verbrannte Haut sein), feierlich und gegenseitig die urheberrechtliche Erlaubnis, aus dem Werk des anderen zu kopieren. Syberberg war Zeuge.

Im Video: Wie starb Fassbinder? Biograf Berling berichtet

Corbis

  • Von dem Weißstiftzeichen konnte er nichts wissen

Rainer Werner Fassbinders Beitrag zu "Deutschland im Herbst", die zweite Episode des Films, hatte Überlänge. Beate Mainka-Jellinghaus markierte in der Arbeitskopie mit Weißstift die Stellen, an denen die Schnitte liegen sollten.

Fassbinder erschien. Neben dem Schneidetisch bereitete er sich einige Linien von Schnee. So eingestimmt widmete er sich der Arbeitskopie. Und zwar zerriss er immer dort, wo er eine Kürzung akzeptierte, den Film.

Die Kürzungen lagen exakt dort, wo sie von Beate Mainka-Jellinghaus eingezeichnet worden waren. Von den Weißstiftzeichen konnte er nichts wissen.


  • Die Rolle der Mutter

Im Jahr 1978 verabredeten R. W. Fassbinder und ich, gemeinsam einen Film über die Scheidung unserer Eltern herzustellen. Fassbinder beschäftigte sich dann mit anderen Projekten, statt mit mir diesen Film anzufangen, auf den sich unsere Teams vorbereitet hatten. Er konnte sich nicht entschließen, die Rolle seiner Mutter in dem Ehekonflikt mit seiner wirklichen Mutter zu besetzen (die ja Schauspielerin war), hielt es aber für ebenso unmöglich, stattdessen eine Schauspielerin aus seinem Team mit der Rolle zu betrauen.

Im Video: Fassbinder und die Mutter - Szenen einer Beziehung

dctp.tv

  • Rainer Werner Fassbinder, geboren im Mai 1945

Peter Berling, der Biograf Fassbinders, sein ehemaliger Produzent, der in Rom lebt, bemerkt, weil ja Fassbinder nur 37 Jahre alt wurde, dass für Genies, die nicht älter als 34 oder 35 Jahre werden (wie Mozart und Bellini), der gravitative Kern ihrer lebenslänglichen Fantasien in den fünf Jahren vor und den fünf Jahren nach ihrer Geburt liegt.

Das, so dieser Biograf, kann sich auf Töne, erzählte Geschichten, Rhythmen, ja, alle Wahrnehmungen beziehen, die ein Kind aufzunehmen vermag, also auch auf Kleider, wehende Vorhänge oder die Blickrichtung der Mutter, und zwar nicht weil solche Kinder irgendetwas vom äußeren Weltgeschehen in dieser Zeit vor und nach ihrer Geburt selber erfahren hätten, sondern weil Tausende von Eindrücken in Stimme und Gesichtsausdruck ihrer Eltern sich übertragen haben: die unendliche Erzählung, welche die Jahre einer symbiotischen Beziehung begleitet.

Das Merkwürdige: Rainer Werner Fassbinder wurde seiner Mutter als Kind von vier Monaten weggenommen. Seinen Vater hat er ganz selten und später überhaupt nicht mehr gesehen. Es ist schiere Sehnsucht, Mangel an ursprünglicher Nähe zu den Eltern, die seine Filme so hellsichtig macht.


In den Videos: Fassbinder und die RAF - Beerdigung ohne die Leiche - sein erster Film


  • Engführung des Lebens

Das Leben Rainer Werner Fassbinders befand sich von März bis Juni 1982 in einer Engführung. In der Oper nennt man Engführung eine Stretta. Sie beendet Akte und bildet oft das Finale.

Die Annäherung zwischen Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol in New York war von gegenseitigem Vorteil. Deshalb war Warhol auch bereit, das Plakat zu Fassbinders Film "Querelle" zu entwerfen. Ein solches Plakat war einerseits autonomes Kunstwerk und kunstmarktfähig und zugleich ein passendes Werbemittel. Die Begegnung mit dem als "wild" geltenden Fassbinder war für den älteren und ruhiger gewordenen Warhol, der keine Drogen mehr nahm, keinen Alkohol trank, in seinen Intimbeziehungen vorsichtig geworden war, ein wertvolles öffentliches Gut.

Den zivilistischen Warhol irritierten die Leinen-Breeches im militärischen Leopardenmuster, in denen Fassbinder ihn besuchte. Es war das Kostüm aus einem Film, in dem er eine Nebenrolle übernommen hatte, eine Zufallskleidung. Warhol bezog die Verkleidung auf sich selbst. Er sah eine große Verallgemeinerung darin, ein Vorurteil, eine Anspielung darauf, dass homoerotische Menschen sich auf gewisse Kampfkleidung oder Accessoires festlegen ließen, wenn doch ihr Unterscheidungsvermögen, die Nuancierungen, eher stärker ausgebildet waren als bei Heterosexuellen. So empfand er die Übertreibung der Oberschenkelmuskulatur (Reiterbeine) bei Breeches generell als unhöflich.

Fassbinder, noch schläfrig, redete nichts. Rasch verabschiedeten sie sich voneinander, ehe sie sich überhaupt begrüßten. Fassbinder saß dann für Stunden in einem Café und untersuchte die Strichjungen-Annoncen in einigen Fachblättern.

Nachträglich haben viele mit Einzelheiten die Engführung der Tage in New York und dann, am 31. Mai 1982, die triste Geburtstagszeremonie in der Deutschen Eiche gedeutet. In einem Stummfilm der Zwanzigerjahre sieht man Wände, welche die Szene sukzessiv einengen. Zuletzt ist für den Menschen in diesem Raum kein Platz. Die Wände pressen auf die Szene.

Die generöse sexuelle Praxis, auf die Fassbinder in den zehn Vorjahren angewiesen war, um es auszuhalten, geriet mit dem Einbruch von HIV an ein Ende. Im März 1982 war es noch Hörensagen, ein Jahr später wäre Fassbinder Opfer der Ansteckungswelle gewesen. Der Junge Deutsche Film, dadurch in Engführung, dass die Programmkinos im Zentrum der Großstädte in Folge der Mietpreisentwicklung liquidierten. Stärker noch in die Enge führend die Insolvenz seines Körpers. Valium, Vesparax, Captagon, die Droge, Wein, Bier - Bürgerkrieg in den Nerven. Fassbinder starb, ehe ihm die Stretta sein Ende setzte.


  • Tagesbericht zum Parallel-Projekt: "Krieg und Frieden" (unverfilmt)

Für das Wochenende nach seinem Tod hatte Rainer Werner Fassbinder die Absicht, sein Teilstück zum Film "Krieg und Frieden" zu inszenieren. Was er vorhatte, war in fünf Treffs besprochen. Da Fassbinder ungewöhnlich präzise arbeitete, konnte man diesen Filmteil, der das kollektive Projekt eröffnen sollte, vor dem geistigen Auge ablaufen lassen. In der Nacht, in der Fassbinder starb, habe ich die Anschlusssequenz an den Fassbinder-Teil zu Ende montiert. Dies sollte die Sequenz 2 werden. Ich war etwas nach Mitternacht fertig.

Fassbinders Geschichte: ein Mann und eine Frau, die Geschlechtsverkehr betreiben. Unerklärlich: eine Idée fixe, die einen der beiden überfällt, verhindert, dass sie weitermachen. Aus der Unfähigkeit weiterzumachen entfaltet sich ein Streit. Dieser Streit führt für den anderen zum tödlichen Ende.

Parallel zu dieser szenischen Erzählung wollte Fassbinder einen Dialog mit seiner Mutter einfügen. Da er dabei experimentell vorgehen muss, hat er kein Resultat angedeutet. Es ging ihm aber um eine Verletzung: Wie viel Zufälle und wie wenig Notwendigkeit gehörte zu jener Bindung, aus der er entstand. Was hatten die Eltern überhaupt miteinander zu tun? Wie umfassend müssen die Werke sein, an denen einer filmt und dichtet, um die Verknüpfungen nachträglich zu legen, die die wirklichen Eltern niemals verbanden. "Alle melodramatischen Gründe sind nachträglich." (So ähnlich oder anders, ich habe ihn jedenfalls so verstanden.)

Für beide Teilstücke seiner Sequenz hatte sich Fassbinder das erste Kapitel des Buches "Vom Kriege" von Clausewitz durchgelesen. Dieses erste Kapitel: "Was ist der Krieg?" handelt vom leidenschaftlichen Entbrennen, vom feindseligen Gefühl, von den drei Äußersten, von der logischen Träumerei, von der Unmöglichkeit eines einzigen Schlags ohne Dauer, von den höheren Graden der Leidenschaft, von der subjektiven Natur des Krieges, die nur dem Kartenspiel ähnelt, von der verschlagenen, unredlichen Klugheit des Krieges, von seinem Chamäleon-Charakter, vom Durchbruch des fremden Willens, von der "Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen..."

Es ist klar, dass R. W. Fassbinder so etwas in der Intimsphäre ins Spiel bringen wollte. Ich war überzeugt, dass die Sequenz wesentlich länger geworden wäre als die Fassbinder-Sequenz in "Deutschland im Herbst" (1977).

Im Video: Fassbinder und Kluge und "Deutschland im Herbst"

dctp.tv

"Wenn man sich den Neuen Deutschen Film allegorisch als Mensch imaginierte, so wäre Kluge sein Kopf, Herzog sein Wille, Wenders sein Auge, Schlöndorff seine Hände und Füße et tutti quanti dies und das; aber Fassbinder wäre sein Herz gewesen (nicht politisch oder als Punkt des Ausgleichs, sondern als Gravitationszentrum, in dem die jeweiligen künstlerischen Tendenzen sich schnitten)." Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau, 19. Juni 1982


Weiterführendes zum Thema:

Fassbinder zum 70. Geburtstag: Liebes Rainerchen

Das Oberhausener Manifest: Die ins blühende Beet pinkelten

Unsere Themenseite: Rainer Werner Fassbinder

Offizielle Website: Rainer Werner Fassbinder Foundation

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